Angst und Erinnerung

Stell dir vor, die Angst ist da und du reagierst nicht. Setzt dich hin und atmest ruhig in den Bauch, ein und aus. Du merkst schon, wie anstrengend es ist, bei der Atmung zu bleiben, da im Kopf und im Körper Unruhe herrscht und eigene Aufmerksameit möchte. Aber auch das lässt du einfach geschehen und bleibst bei der Bauchatmung. Du versuchst, Gesicht und Schultern zu entspannen.

Gibst du der Unruhe nach, dann wirst du aufspringen und irgendetwas tun, um von der Angst davonzulaufen oder du wirst wütend und es entsteht Widerstand. Du gibst der Angst damit immer mehr Raum und sie wird immer größer. Du verteilst sie im ganzen Zimmer oder sonstwo um dich herum oder ziehst vielleicht noch andere Menschen mit hinein, indem du sie um Hilfe bittest oder sie gar aus Hilflosigkeit anbrüllst oder weinst. Vielleicht gehst du auch zum Arzt oder ins Krankenhaus und dann beschäftigen sich noch sehr viel mehr Menschen mit der Angst. Sie hat dann wirklich schon ein sehr großes Ausmaß erreicht und sogar Macht über all die anderen Menschen.

Stattdessen atme doch einfach ruhig weiter und sei still. Beobachte. Bist du jetzt ruhig genug, um zu erkennen, was passiert? Da sind Empfindungen im Körper. Schneller Puls. Energie ist da. Drang zur Bewegung. Vielleicht schwitzt du auch. Das geschieht vollkommen automatisch, ohne dass da jemand ist, der das bewusst gemacht hat. (Die Amygdala hat den Alarm ausgerufen, weil deine Sinne irgendetwas wahrgenommen haben, was dir irgendwann schon einmal Angst machte. Das möchte ich hier nicht im Detail erklären. Das steht in meinem Buch und anderen Blog-Beiträgen.)

Wenn du still bist, kannst du das erkennen. Dann siehst du auch, dass erst anschließend, nachdem die ganzen Symptome in Gang gesetzt wurden, die Gedanken einsetzen. Die Gedanken geben diesem Vorgang jetzt einen Namen: “Angst”. Nun, wo der Name da ist, geht die Konditionierung weiter und Angst-Gedanken tauchen auf und der Widerstand wächst.

Wenn du weiter still sitzen bleiben kannst, wirst du diesen Ablauf genau erkennen können. Das Gehirn ruft jetzt nach dem Erkennen und dem Benennen die Erinnerungen auf, die es in der Vergangenheit schon immer im Zusammenhang mit der Angst erlebt hatte:

Da war doch immer Stress, Angst lähmt mich, Angst ist schlecht, Angst wird mich krank machen, töten, ich muss laufen, ich muss zum Arzt, ich brauche Tabletten, ich gehe ins Krankenhaus, ich will das alles nicht… Und wir atmem immer mehr Sauerstoff ein, Adrenalin nimmt zu, während all das durch deinen Kopf geht.

Nun kannst du dich entscheiden, ob du in diesem Augenblick, wo du den Empfindungen den Namen “Angst” gegeben hast, konzentriert weiter ein- und ausatmest und beobachtest oder ob du den alten Gedankenketten folgst, die dich im Kreislauf Angst vor der Angst gefangen halten werden.

Wenn du aber all deinen Mut zusammennimmst und bei der Atmung bleibst, dabei die Körperreaktionen weiterhin ruhig beobachtest wirst du jetzt auch die Gedanken deutlich wahrnehmen können. Jeder Gedanke, der jetzt auftaucht, ist immer ein ganz eigener und neuer Gedanke und hat gar nichts mit der Vergangenheit zu tun hat.

Anders ausgedrückt: Während sich die Amygdala mit all ihren körperlichen Symptomen für Flucht und Kampf in der Vergangenheit befand sind die Gedanken, die gerade hier und jetzt auftauchen, immer aus der Gegenwart.

Gedanken in der Vergangenheit gibt es nicht. Es sind immer nur Erinnerungen, die das Gehirn jetzt abruft. Und um aus dieser Konditionierung (manche nennen es auch Konzept oder Matrix) herauszukommen, musst du einfach nur ganz genau hinschauen, wie sie funktioniert.

Wenn du im Augenblick bleibst, also in der Wahrnehmung der Angst und bei der Atmung bleibst, ist es nicht möglich, gleichzeitig Gedanken aufzurufen, die ihre Wurzeln aus der Erinnerung/Konditionierung haben. Also wenn du ganz präsent bleibst und nicht vor der Angst davonläufst, wird die Angst sich sehr schnell auflösen. Das geht gar nicht anders.

Wenn du das nur einmal erlebst und begreifst, befreit dich das vom Kreislauf in dem du feststeckst und der dir ein freies Leben in der Gegenwart verwehrt.

Falls dir dieses achtsame Beobachten gelingen sollte, wirst du dir vielleicht später auch einmal die Frage stellen, wie Gedanken überhaupt auftauchen und ob da irgend jemand ist, der Gedanken denkt oder ob das Gehirn generell und nicht nur hinsichtlich der Angst konditioniert ist. Die moderne Wissenschaft geht dieser Frage heute immer weiter nach und macht sehr interessante Entdeckungen.

Ich lese gerade das Buch “Nichts als Gegenwart” von Jean Klein. Er beschreibt diese Beobachtung mit anderen Worten, die ich hier für euch aufschreiben möchte:

“Lassen Sie uns z. B. annehmen, dass Sie sich an einen Gedanken erinnern, den Sie gestern hatten. Jetzt sind sie Zeuge des gegenwärtigen Gedankens. Wenn Sie einen Gedanken über die Vergangenheit zurückrufen, dann ist das ein vollkommen neuer Gedanke, der in keiner Hinsicht mit dem Gedanken zu tun hat, der sich in der Vergangenheit entfaltet hat. Wenn Sie realisieren, dass Sie der Zeuge des Gedankens sind, an den Sie sich erinnern, werden Sie aufhören, den Gedanken mit dem Zeugen zu verwechseln.

Der Verstand kann sich selbst nicht verändern, das eigensinnige Ego ist nur ein Aspekt des Verstandes. Er kann durch analysieren, wählen, entschuldigen, erklären, kritisieren oder schlussfolgern niemals eine Veränderung bewirken. Meistens ist Handlung nur Reaktion, die auf Angst, Sorge oder Verlangen zurückgeht. Das sind Aspekte eines Verstandes, der wie ein Kaleidoskop funktioniert, das nur eine festgelegte Anzahl von Teilen anders zusammenstellen kann, von einem Verstand, der vom Ego getragen wird, vom bereits Bekannten, vom Gedächtnis.”

Ich wünsch euch ein schönes angstfreies Wochenende, Monika