Krishnamurti

Wer die Wahrheit, Gott, die Weisheit, absolute Freiheit, den Sinn des Lebens oder die Antwort auf alle von den Menschen je gestellten Fragen sucht, der kommt an Jiddu Krishnamurti nicht vorbei.

Ich bin sehr froh, dass ich bei meiner “zufälligen” Buchauswahl im Jahr 2012 auch auf ihn gestoßen bin. Er gibt einem Sucher alle Hinweise, die er braucht, um ihn dann am Ende immer auf sich selbst zurückzuwerfen. Das wirkt auf den ersten Blick erst einmal sehr unbefriedigend, weil er keine Anleitungen gibt, keinen Weg aufzeigt und sich somit selbst als Autorität überhaupt nicht zur Verfügung stellt, aber am Ende ist es der einzig richtige Weg, denn alle Antworten finden wir nur in uns selbst und immer nur dann, wenn wir wirklich bereit dafür sind.

Krishnamurtis Ablehnung gegen jegliche Art von Autorität und ganz besonders gegen Religionen hat mit seiner sehr speziellen Vergangenheit zu tun. Ganz knapp zusammengefasst :

Die Theosophische Gesellschaft hatte ihn und seinen Bruder als Kind Anfang des 19. Jh. in Indien in Obhut genommen und erzogen. Er sollte der neue Messias bzw. Weltlehrer werden. Er wurde hierfür auch in Europa ausgebildet. Je tiefer seine spirituelle und philosophische Reise ging, desto freier wurde sein Geist und als im Jahre 1925 sein Bruder starb, öffnete dieser tiefe Schmerz in ihm ein weiteres Tor zur inneren Freiheit. Er entfernte sich immer mehr von der Theosophischen Gesellschaft und 1929 trennte er sich endgültig. Seine offizielle Begründung lautete:

„Ich behaupte, dass die Wahrheit ein unwegsames Land ist und dass es keine Pfade gibt, die zu ihr hinführen – keine Religion, keine Sekten. Das ist mein Standpunkt, den ich absolut und bedingungslos vertrete. Die Wahrheit ist grenzenlos, sie kann nicht konditioniert werden, sie kann nicht auf vorgegebenen Wegen erreicht und daher auch nicht organisiert werden. Deshalb sollten keine Organisationen gegründet werden, die die Menschen auf einen bestimmten Pfad führen oder nötigen.

Ich würde Krishnamurti als einen sehr ehrlichen und konsequenten Forscher seines Geistes bezeichnen. Er hat sehr viele Selbstexperimente durchgeführt, um seinem eigenen Verstand auf die Spur zu kommen. Dabei hat er nicht, wie ein moderner Gehirnforscher, den Schädel aufgeschnitten oder unter ein MRT gelegt, sondern er hat von innen geforscht. Gelauscht. Beobachtet. Dafür hat er sich in die Stille zurückgezogen und viel Zeit in der Natur verbracht.

Er hat lange Zeit geschwiegen oder sich z.B. die Augen verbunden, um den Abläufen in Gehirn und Körper auf die Schliche zu kommen. Ganz detailliert beschreibt er in seinen Vorträgen den Ablauf im Gehirn z. B. vom ersten Blickkontakt mit einem Gegenstand über das Auftauchen des ersten Wunsches oder Ablehnung und die anschließend vom Gehirn aufgerufene und vom Körper durchgeführte Handlung. Das ist so gut und verständlich erklärt, dass jeder Mensch das nachvollziehen und nachprüfen kann, wenn er daran interessiert ist.

Dabei erkannte er, dass unser Geist konditioniert ist, also wie eine Matrix funktioniert. Deshalb ist es nicht möglich, mit Hilfe des Denkens Probleme wie die Angst, Traumata und Schmerz zu lösen, denn wir bewegen uns mit dem analytischen Denken immer nur vom gleichen Punkt im Zentrum aus innerhalb dieser Matrix. Man dreht sich also stets im Kreis.

Deshalb weise ich in meinen Artikeln über die Angst oder in meinem Buch auch immer wieder darauf hin, dass wir erst einmal mit Hilfe der Meditation und Atmung dieses Muster erkennen müssen, bevor wir überhaupt aus der Angstspirale herauskommen können.

Es gibt auch Kritik an Krishnamurti, er sei arrogant gewesen, hätte nie gearbeitet oder wäre ohne Mitgefühl gewesen usw. Das ist ganz natürlich, dass es solche Argumente gegen ihn gibt. Meiner Meinung nach war er ein hochsensibler, daher extrem empfindsamer und sehr zurückhaltender Mensch, was auf manche arrogant wirken mochte.

In der Biographie (siehe Bild oben) merkt man beim Lesen, wie sehr die Autorin Pupul Jayakar sich bemühte, ihn zu verstehen und authentisch wiederzugeben. Hierfür schrieb sie Dialoge auf, die sie und andere Menschen mit Krishnamurti führten, um uns seine Lehre verständlich zu machen.

Ich habe keine Ahnung, wie oft ich dieses Buch gelesen habe. Wie oft ich manche Kapitel, ach was, nur einige Sätze wieder und immer wieder gelesen habe, um sie zu verstehen. Ein Satz konnte mich manchmal über Tage oder Wochen begleiten. Ich wusste instinktiv, diese Aussage war richtig, aber mein Gehirn konnte sie einfach noch nicht fassen.

Stück für Stück und ganz logisch nimmt Krishnamurti die Vorstellung von Zeit und die Person, das “Ich” auseinander und zeigt auf, dass es sich hierbei um reine Illusionen handelt. Oft war absolute Stille in meinem Kopf, wenn ich einen Satz von ihm gelesen hatte.

Wir moderne Menschen sind sehr kopflastig und können das wirkliche Leben nicht sehen. Wir können keine mystische Erfahrungen machen, weil wir unseren eigenen Verstand nicht hinterfragen und dort keine Öffnungen zulassen. So wird alles Wunderbare von unserem Gehirn einfach übersehen. Das Gehirn ist dazu da, unseren Körper am Leben zu erhalten und uns z. B. von A nach B zu bringen und nicht dafür, uns die Welt und deren Wunder zu erklären. Das kann es gar nicht, da es nur dual funktioniert und in der Zeit lebt.

Neben dieser Biographie gibt es jede Menge Bücher über und von Krishnamurti selbst. Seine Reden und Gespräche wurden in unzähligen Büchern veröffentlicht und auch im Internet kann man seine Vorträge fast vollständig finden. Viele wurden auch ins Deutsche übersetzt.

Für diejenigen, die sich schon mit der Person Krishnamurti oder überhaupt intensiver mit Meditation und Präsenz beschäftigt haben, kann ich sein Buch “Das Notizbuch” sehr empfehlen. Es enthält seine Tagebuchnotizen aus dem Jahr 1961/62, wo er seine Bewusstseinszustände in einem Zeitraum von ca. 7 Monaten festhält. Ich selbst habe dieses Buch auch erst vor kurzem gelesen und es auf meinem Handy gespeichert.

Aus diesem Tagebuch möchte ich gerne ein paar Auszüge mit euch teilen, was gar nicht so einfach ist, denn ich kann mich sehr schwer entscheiden. Jeder Satz in diesem Tagebuch wiegt so schwer. Ist so tief, so weit und voller Weisheit und Liebe.

“Ein gescheiter Geist ist ein oberflächlicher Geist, er kann sich nicht erneuern, und so stirbt er an seiner eigenen Bitterkeit; er geht zugrunde durch den Gebrauch seiner eigenen spröden Schärfe, durch sein eigenes Denken. Jeder Gedanke presst den Geist in die Form des Bekannten; jedes Gefühl, jede Emotion, wie verfeinert sie auch sei, wird öde und leer, und der Körper, der von Gedanken und Gefühlen genährt wird, verliert seine Sensibilität…

Ein Leben, das auf dem Denken und seinen Aktivitäten basiert, wird mechanisch; wie glatt es auch verläuft, es ist immer noch mechanisches Handeln. Handeln mit Motiv verschwendet Energie, und damit fängt der Verfall an. Alle Motive, bewusste oder unbewusste, entstehen aus dem Bekannten. Alles Bekannte …. ist Verfall… Das Denken kann niemals Unschuld und Demut hervorbringen, und doch sind es Unschuld und Demut, die den Geist jung, sensibel, unverdorben erhalten. Freiheit vom Bekannten ist das Ende des Denkens; dem Denken zu sterben, von einem Augenblick zum anderen, heißt, frei zu sein vom Bekannten. Es ist der Tod, der dem Verfall ein Ende setzt.”

Um so über das menschliche Denken schreiben zu können, müssen wir es erst einmal durchschauen und uns aus dieser Matrix, dem Schleier der Unwissenheit befreien und dann erkennen wir, was wirklich da ist und wer wir sind.

Dann ist man wohl auch in der Lage, einen Abendhimmel wie folgt zu beschreiben:

Der Himmel war brennend von Grün, Purpurrot, Violett, Indigo, mit Wut von Flammen. Über jenem Hügel war es ein ausgedehnter Streifen von Purper und Gold; über den südlichen Hügeln ein brennendes zartes Grün und verblichene Blautöne; im Osten war ein Gegen-Sonnenuntergang…” dieser “explodierte in Herrlichkeit, so wie der im Westen; ein paar Wolken hatten sich um die untergehende Sonne gesammelt und sie waren ein reines, rauchloses Feuer, das niemals verlöschen würde. Die ungeheure Größe dieses Feuers und seine Intensität durchdrangen alles und sickerten in die Erde ein. Die Erde war der Himmel und der Himmel die Erde. Und alles war lebendig und barst von Farbe, und Farbe war Gott, nicht der Gott der Menschen…

Du (so nennt er sich im Tagebuch selbst) warst von diesem Licht, brennend, wütend, explodierend, ohne Schatten, ohne Wurzel und Wort. Und als die Sonne tiefer sank, wurde jede Farbe stärker, intensiver, und du warst vollkommen verloren, für immer dahin. Es war ein Abend, der keine Erinnerung kannte. Jeder Gedanke und jedes Gefühl muss aufblühen, um leben und sterben zu können; das Blühen von allem in dir selbst, Ehrgeiz, Habgier, Hass, Freude, Leidenschaft; im Blühen ist ihr Tod und ihre Freiheit. Nur in der Freiheit kann etwas gedeihen; nicht in Unterdrückung, in Kontrolle und Disziplin; diese verzerren nur, korrumpieren. Blühen und Freiheit sind Güte und alle Tugend.“

Man erkennt, das Du/das Ich/der Betrachter verschmolz mit dem, was betrachtet wurde, vollständig. Aus seiner Biographie und dem letzten Gespräch mit Pupul Jayakar wird deutlich, dass er am Ende seines Lebens mit seinem Geist vollständig in die heilige Schöpfung eingetreten und daher ohne Angst vor dem Tod war.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, Monika