Herz und Verstand (34)

Zurück in Istanbul holten mich schnell alle Sorgen wieder ein.

Tagebuch 27.06.2014:

“Noch immer habe ich Kopfweh. Ich muss zum Arzt. Heute ist der letzte Unterricht mit den deutschen Frauen. Die Gruppe löst sich auf. Einerseits bin ich froh, da ich nicht mehr um 7.00 Uhr morgens unterrichten muss, wenn ich am Abend zuvor erst um 22.30 Uhr aus dem Studio nach Hause kam, andererseits fällt eine wichtige Einnahmequelle weg. Wie bezahle ich den Arzt?”

Von den 2012 in Deutschland  „zufällig“ ausgesuchten Yoga-Büchern war ich nun beim Buch von Pupul Jayakar über Krishnamurti angekommen. Was ich hier zu lesen bekam, war ursächlich für die ersten Risse in meinem Verstand. Nur dadurch wurde es möglich, das Meditationserlebnis im Herbst 2012 aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Hierfür mussten erst einmal der Begriff der Zeit und alle Vorstellungen, die der Verstand jemals davon hatte, in Frage gestellt und neu formuliert werden, nur so konnten Herz und Verstand zueinander finden.

Tagebuch 28.06.2014:

“Krishnamurti sagt, es gibt zwei Zeiten. Die physische und die psychische. Die physische Zeit ist die lineare Zeit, die durch unseren Kalender bestimmt wird und die andere Zeit ist die, die sich um das persönliche Werden dreht. Ich bin jetzt hier, und morgen, nächstes Jahr oder in zehn Jahren möchte ich dort sein und dieses oder jenes machen oder diese oder jene Person sein. Man möchte also einen Zustand verändern, erreichen, anstreben. Man denkt an die Zukunft und handelt dementsprechend, um dieses Ziel für sich zu erreichen.

Gibt es noch eine dritte Art der Zeit?

Und: Das Selbst (Person) ist nur eine Ansammlung von Erinnerungen und somit die Essenz unseres Wissens. Wenn das Selbst nicht existiert, dann gibt es auch keine Zeit. Dann bleibt nur Energie. Wenn die Energie nicht durch das Selbst gebunden ist, kennt sie keine Zeit.

Er sagt auch: Bete nicht den Lehrer an, sondern suche die Wahrheit in der Lehre und lebe danach!

Und damit taucht bei mir die Frage auf, die ich mir immer wieder stelle: Braucht die Meditation tatsächlich die Mantras und das regelmäßiges Üben, so wie ich das tagtäglich mit den Kriya-Yoga-Übungen durchführe?

Ist mehr Wissen = mehr Evolution = bessere Meditation?

Oder ist es nicht eher so, dass Meditation, die nicht auf Wissen beruht, also ohne Bewusstsein und ohne Manifestation ist, auch ohne Zeit ist? Ist es nicht diese Art der Meditation, die mich damals 2012 ins Universum fliegen ließ? Offen sein für alles. Frei von allem. Losgelöst. Sich fühlen, wie ein Energiekörper, der sich aus unzählbar vielen Energieteilchen zusammensetzt und sich von den Teilen außerhalb des Körpers überhaupt nicht unterscheidet. Alles eins.

Und deshalb sind mir Krishnamurtis intellektuelle Gedankengänge so nah. Er durchbohrt mit seinen Fragen alles so lange, bis er zur Wahrheit durchdringt. Er kritisiert das Wissen aber es ist gleichzeitig sein Wissen, was ihn fortbringt vom Bewusstsein zum Zustand des Erfahrens (ohne Erinnerung und somit ohne Wissen). Das gefällt mir so sehr.

Die intellektuelle Art von Krishnamurti und die Liebe und Kraft der Spiritualität von Paramahansa Yogananda sind eine wunderbare Kombination.

Ich brauche keinen Guru. Hatte nie einen. Ich werde die Lehren lesen und versuchen zu verstehen. Meine Neigung alles anzuzweifeln ist mein bester Begleiter. Hinterfragen. Nicht glauben. Erfahren. Leben.“

Nie zuvor hatte ich mir Gedanken über die Zeit gemacht. Hatte die Zeit und den Rhythmus, in dem wir leben, nie in Frage gestellt. Über Jahrzehnte hatte ich Wissen angehäuft. In der Schule, der Lehre und an der Uni und nie daran gezweifelt, dass dies für mich wichtig sein könnte. War ich doch so stolz auf diesen klugen Apparat in meinem Schädel. Und nun soll mir das alles überhaupt gar nichts nützen bei meiner Suche nach der Wahrheit, da diese mit dem Wissen nichts zu tun hat, sondern eher noch ein Hindernis darstellt?

Dies war ein sehr kritischer und entscheidender Abschnitt auf dem Yogaweg, denn sobald man sich all diese Fragen stellt und somit auch alle Gedanken und Gewohnheiten infrage stellt, um sich der Wahrheit zu nähern, befindet man sich plötzlich im Nirgendwo. Nichts ist mehr sicher. Ohne Zeit gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft. Und wer sind wir dann?

Aus der Vergangenheit kommt mein Wissen und darauf hatte ich mich all die Jahre verlassen. Auf mein Wissen und somit auf meinen Verstand, der mich stets daran erinnerte, wo ich herkam, wer ich bin und wo es lang gehen soll.

Aber anstatt diese neuen Gedankengänge aus Angst zur Seite zu schieben, änderte ich meine Meditationspraxis. Zwar machte ich noch die Kriya-Yoga Meditationen, weil ich mich wegen Paramahansa Yogananda diesem noch immer sehr verbunden fühlte aber zusätzlich meditierte ich nun auch ganz FREI. Einfach sitzen. Atmen. Keine Rituale. Keine Mantras. Krishnamurti bestärkte mich in meinen Zweifeln gegenüber jeglicher Form von Autorität.

Es gab für mich kein Zurück mehr, denn da war schon ein Samen gesetzt worden und der wollte keimen, und allein das reichte schon aus, dass ich darauf vertraute und bereit war, alles Alte ziehen zu lassen. Auch die mir vertrauten Menschen, die nicht mal innehalten und schauen konnten oder wollten. Somit kam, während das innere Vertrauen immer weiter wuchs und im Augenblick Wurzeln schlug, um mich herum schon wieder alles ordentlich in Bewegung.

Tagebuch 09.07.2014:

“Seit 6 Wochen habe ich für mich persönlich kein Geld mehr verdient. Heute nun habe ich 500 TL (2014=  Euro 173, heute nur noch: 72 Euro ) für 4 Yoga-Einheiten gegen Panikattacken erhalten. Schweigen ist nur bedingt möglich, da ich auch die neu ausgebildeten Yoga-Lehrer im Unterricht begleiten und kontrollieren muss.

Die Kinder waren über das Wochenende beim Vater und kamen abends zurück. Ich versuchte trotzdem zu schweigen, während ein lauter Schrei aus der Küche kam: Wo ist die Schokolade? Hast du etwa die Schokolade gegessen? Vorwürfe. Wie konntest du die Schokolade essen, ohne zu fragen, wo sie doch für jemand anderen bestimmt war? Extra aus Deutschland mitgebracht. Ich bin völlig geschockt und schreibe auf einen Zettel: Die Schokolade war offen und somit schon angefangen.

Die Vorwürfe gehen weiter. Die Kinder kriegen sich nicht mehr ein. Ich schreibe auf den Zettel: Gehts euch noch gut?

Ich hatte mich so sehr auf die Kinder gefreut, weil sie ein paar Tage beim Vater waren, was in den letzten 10 Jahren sehr selten vorkam, und nun wurde ich wegen einer Schokolade wie eine Schwerverbrecherin behandelt. Ich versuchte gerade zu schreiben, dass es sich hier nur um eine Tafel Schokolade handelt, da prasselten schon die nächsten Vorwürfe auf mich nieder.

Wieso hast du die Gurgeltasse vom Badezimmer nicht in die Küche, sondern in mein Zimmer gestellt? Das ist ein Zeichen dafür, dass du mich nicht respektierst und ernst nimmst, während ich doch bei Papa deine Sachen sortiert habe (ich muss hier erwähnen, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon 10 Jahre zuvor ausgezogen war und er noch immer nicht meine Sachen entsorgt hatte). Du weißt gar nichts. Und überhaupt, bin ich krank…

Ich konnte nun beim besten Willen nicht mehr schweigen. Mein Schweigen machte die Kinder nur noch aggressiver. Was erleben sie beim Vater, wenn sie so zurückkehren? Ich wünschte, ich wäre weit weg. Lass los. Schicke die Kleine zum Vater und die Große in die weite Welt. Ich bin jetzt nicht nur traurig, sondern auch wütend. Wie schon damals bei der Trennung vom Vater, trifft mich hier in diesen Vorwürfen die ganze Enttäuschung und die volle Wut meiner großen Tochter. Die Kleine ist immer solidarisch mit ihr. Es geht eindeutig nicht um die Schokolade. “

Diese Wünsche, die ich da spontan ganz verzweifelt und traurig ins Yoga-Tagebuch schrieb, sollten später genauso eintreten. Nachdem die Kleine kurze Zeit später mit der Schule fertig war, schickte ich sie für das Studium zum Vater und entließ mich damit aus der Versorger- und Doppelrolle von Mutter und Vater. Für die Große öffnete sich immer mehr das Tor zur weiten Welt und ich selbst zog bald weg aus Istanbul.

Sie brauchten meinen liebevollen Schutz nicht mehr jeden Tag und konnten nun ihre eigenen Erfahrungen mit ihrem Vater machen. Wie ich selbst, mussten sie erst die gleichen Enttäuschungen erleben und leider auch durchleben, bevor sie heute verstehen, warum ich einen unbeweglichen Felsen verlassen hatte. Es gibt jetzt keine Vorwürfe mehr.

Natürlich hatte ich nach diesem Streit zu Hause in der kommenden Nacht einen Traum, den ich notierte. Er zeigt, wie Vergangenheit und Zukunft miteinander verschmelzen bzw. sich ganz auflösen können.

Tagebuch 10.07.2014:

“Ich bin in meinem kleinen Haus. Es steht am Ufer des Meeres. Plötzlich wird es fortgerissen und treibt auf das stürmische Meer hinaus. Ich schaue aus dem Fenster und überlege, ob ich im Haus bleibe oder ob ich es verlassen und sofort ans Ufer schwimmen soll, solange es noch in der Nähe ist. Ich springe in die Fluten aber die Wellen machen es mir unmöglich dem Ufer näher zu kommen, obwohl ich es ganz deutlich vor mir erkenne.

Dann sehe ich mich selbst am Ufer stehen. Von der Seite. Ich habe einen Kurzhaarschnitt und rede ganz freundlich mit jemandem. Vom Meer aus rufe ich in Richtung Ufer HILFE, damit die Person (das andere Ich) mich rettet.

Plötzlich bin ich wieder im Haus und treibe mit diesem dicht am Ufer entlang. Das Meer ist jetzt ein See. Ich schaue in das trübe Wasser und erkenne Fische. Auch sehr große. Sie sind fast einen Meter lang und sehr dick. An der gegenüberliegenden Seite des Sees trifft das Haus endlich ans Ufer. Hier ist es ruhiger. Es gibt keine Häuser. Menschen halten sich hier zwar auf aber abends sind sie alle weg.

Ich klettere zusammen mit meinem Haus ans Ufer und schaue, wo ich es aufstellen kann. Kann ich mich hier niederlassen? Was passiert nachts, wenn niemand hier ist? Dieser Gedanke macht mir Angst. Ich schaue mir alles genau an und rede auch mit den Menschen. Sie warnen mich vor einem bissigen Tier. Ich gehe wieder zum Wasser und das gefährliche Tier, eine Mischung aus Hund und Schwein, läuft mir nach. Es beißt mir in die Beine. Es tut nicht sehr weh aber ich denke, dass ich nun ins Krankenhaus muss, wegen Tollwutgefahr. Der Wecker klingelt.”

Ich lese die Notizen vom Traum mit Tränen in den Augen und großem Erstaunen. Ist es nicht verrückt, wenn die Monika aus der Vergangenheit die Monika von heute um Hilfe ruft? Sehe ich doch damals im Traum, wie ich heute aussehe und auch, wie ich heute lebe.

Wenn Zeit vom Verstand also nur linear zu verstehen ist, dann ist das Phänomen vom Zusammentreffen der damaligen und der heutigen Monika gar nicht zu erklären.

Nur wenn es neben der physischen und psychischen Zeit eine andere, eine dritte Zeit gäbe, so etwas wie eine Null-Zeit, in der immer alles zusammentrifft, was je erlebt wurde, wäre das irgendwie zu verstehen.

Mit Hilfe von Krishnamurti wurde mir klar, dass mein Verstand konditioniert ist und das mußte ich erst einmal akzeptieren lernen. Das bedeutet, der Verstand ist klaren Grenzen ausgesetzt. Erst wenn wir diese Enge des Verstandes begreifen, können wir darüber hinaus gehen und dann treffen wir auf die Zeit, wo Verstand und Herz zusammentreffen können und alles als liebende Einheit erfahren wird.

Liebe Grüße an alle und ein schönes Wochenende, Monika