Wunschlos (33)

Mit einem angebrochenen Fuß kann man keine Yoga-Übungen machen und auch nicht unterrichten. Also besorgten wir mir zwei Krücken, und dann nahm mich mein Schatz mit in den Süden, wo er seit kurzem in einem gemieteten Haus wohnte.

Dort in dem Örtchen lag ja auch mein winziges Grundstück, ganz versteckt auf einem Hügel zwischen Olivenbäumen und Kiefern. Vor kurzem hatte mein Liebster beschlossen, hier mit dem Bau eines Hauses zu beginnen, damit wir im Alter mietfrei wohnen können. Ich war völlig überrascht, denn ich selbst hatte keinen Cent, den ich hätte investieren können, und wir wußten auch, dass sein Geld nicht ausreichen würde.

Andererseits war uns klar, dass in diesem wunderschönen Land die Lira im freien Fall war, alles immer teurer wurde, besonders dann wenn es, wie Sand und Eisen, importiert werden musste. Wenn wir es nicht jetzt machten, dann nie. Also fingen wir einfach an und schauten, wie weit wir kamen. Das war eine sehr gute Entscheidung, denn schon kurze Zeit später stiegen nicht nur die Preise für das Baumaterial auf das Doppelte, sondern auch die für die Genehmigungen.

Im Zwangsurlaub konnte ich zwar keine Yoga-Asanas machen, aber all meine Atem- und Meditationsübungen führte ich weiterhin durch. Die Atemübungen wurden immer spezieller und ich schrieb nun auch auf, wieviel Sekunden lang die Ein-und Ausatmung jeweils dauerte. Wie ein Forscher beobachtete ich und wie ein Buchhalter schrieb ich alles auf. Auch Reiki und die unterschiedlichen Kriya-Yoga Übungen machte ich jeden Morgen.

Wahrscheinlich musste mir nicht nur der Fuß, sondern erst der Kopf abfallen, bevor ich mal alles loslassen konnte, denn schon nach einer Woche fing ich an, Yoga-Übungen auf den Knien zu machen. Im Stehen ging es noch nicht.

Auch die Lehrbriefe der Self Realisation Felloship hatte ich mit und mir wurde klar, warum ich alles lassen konnte, nur nicht Yoga.

Tagebuch 11.06.2014:

“Lehrbrief 27. Paramahansa Yogananda sagt: Sobald man (durch Meditation) Gottes Freude gefunden hat, fallen alle anderen Wünsche von einem ab. Ist das bei mir schon so? Im Prinzip wünsche ich mir nur Gesundheit für mich und meine Liebsten. Und das Haus? Ich kann keinen Ehrgeiz mehr in diese Richtung bei mir finden und bin eher wegen meines Schatzes dabei. Ich suche kein zu Hause mehr. Es ist in mir. Ich habe alles losgelassen und ich kann alles loslassen, außer meine Kinder. Für diese spüre ich noch Verantwortung und ich möchte, dass sie glücklich sind. Ich weiß, dass man diesen Zustand der Freude während der Meditation auch ohne eine bestimmte Technik erreichen kann. Habe ich es doch selbst vor 1 ½ Jahren erlebt. Es ist so lange her und noch immer ein unvergesslicher Zustand. Optimismus. Glück. Freude. Hoffnung. Allwissen. Verstehen. Licht. Liebe. Verständnis. Gewissheit. Weisheit. Einheit.”

Es ist das erste Mal, dass in meinem Yoga-Tagebuch etwas über den Zustand auftaucht, den ich nach dem Einzug in meine Wohnung in Istanbul erlebt hatte. Dieses Erlebnis war irgendwie präsent und doch nicht wirklich in meiner Erinnerung. Erst kurze Zeit später wird der Zustand wie ein Blitz wieder in meinen Bewusstsein kommen.

Yoga hatte so tiefe Wurzeln in mir geschlagen, dass ich diesen Weg nicht mehr aufgeben konnte. Die Schatztruhe wurde geöffnet und bei einem Blick hinein traf mich ein so heller Strahl und so viel Liebe, dass ich die Welt, die ich vorher als reale materielle Welt kannte, wozu auch meine eigene Person zählt, immer weiter in Zweifel ziehen und hinterfragen musste.

Dabei wurde immer deutlicher, wie schwierig dieser Weg ist, wenn man ihn nicht in einem Ashram oder Kloster, sondern inmitten von Menschen geht, die nicht das geringste Interesse und kein Gefühl dafür haben. Ich fühlte mich immer einsamer und unverstandener zwischen meinen Freunden und der Familie. Es wurde ein extrem schwierigerer Balanceakt zwischen dem, was ich beobachtete und fühlte und dem, was ich alltäglich sprach und tat.

Ich wurde immer mehr von diesem Licht und dieser Weisheit angezogen und gleichzeitig fühlte ich mich von allen anderen Menschen, die sich nicht damit beschäftigten, abgestoßen. Ich wurde innen immer weiter und auch irgendwie immer durchlässiger und somit empfindlicher, während die Welt um mich herum immer enger und lauter wurde. Ich wusste, ich musste hier sehr aufpassen, dass ich nicht arrogant wurde und auf die anderen Menschen hinabblickte, nur weil sie sich statt mit Gott lieber mit einem guten Essen oder dem TV-Programm beschäftigten.

Das führte zu starken Stimmungsschwankungen und Auseinandersetzungen. Ich wurde tatsächlich zu einer Suchenden und verstand nun auch, warum es hieß, dass der spirituelle Weg “ein Weg auf Messers Schneide“ ist.

Erst wenn das Göttliche durch uns hindurchscheint und absolutes Vertrauen da ist, dann wird es endlich wieder entspannter. Dann braucht man nichts mehr zu erklären und es gibt keine Auseinandersetzungen mehr, denn was andere denken oder tun, spielt keine Rolle mehr.

Da ich auch im Urlaub wieder anfing, mittwochs zu schweigen, war der nächste Streit schon programmiert, denn mein Freund reagierte darauf mit Enttäuschung und Wut. Er nahm es persönlich.

Tagebuch 13.06.2014:

“Nachts unruhig geschlafen. Ich fühle mich krank. Alles tut so weh. Wahrscheinlich vom Wind am gestrigen Tag des Schweigens. Meditation früh mit den Hühnern. Ich mache meine Kriya-Yoga-Übungen für den Donnerstag und schütte mein Herz an Paramahansa und Babaji aus:

Schaffe ich das alles mit diesen Geldsorgen? Ich fühle mich so schwach und hilflos, um etwas zu bewegen. Schaffe ich es, noch mehr zu geben? Liebe und Yoga. Schreiben über Yoga. Ich wünschte, ich hätte Talent zum Schreiben, damit ich die Menschen fesseln kann. Ich wünschte, ich hätte Räume und Platz für Yoga, ohne dass ich dafür Miete zahlen muss.

Der Kampf ums Überleben macht mich so müde und raubt mir die Kraft, die ich für Yoga brauche, fürs Geben. Warum muss ich immer kämpfen?

Dankbarkeit für meine Gesundheit und die meiner Kinder und meines Partners. Gewissheit , dass ich alles schaffe. Lächeln. Alles geht.”

Immer wieder taucht in meinen Notizen auf, dass ich mich innerlich vom Yoga-Studio entferne und von einigen Yoga-Übungen, die mir nicht sinnvoll erscheinen. Ich kann mich auf diese Übungen dann nicht konzentrieren. Auch stelle ich mir immer wieder die Frage, ob man diesen spirituellen Weg überhaupt gehen kann, wenn man in einer Beziehung steckt, da es immer wieder zu Konflikten kommt. Sobald ich jedoch meditiere, relativiert sich alles und ich bin dankbar für alles, was da ist und vertraue darauf, dass alles gut wird.

Tagebuch 20.06.2014:

“Letzter Tag vor der Abreise nach Istanbul. Konnte nicht einschlafen, deshalb machte ich meine Atemübungen um 2 Uhr nachts. Wirre Gedanken. Fremde Gesichter erscheinen vor meinen Augen. Sorgen. Ängste. Unruhe. Ich sehne mich nach meinen Töchtern aber nicht nach Istanbul.”

In Istanbul tauchen dann fast jeden Tag Nackenschmerzen/Kopfschmerzen in meinem Yoga-Tagebuch auf und die Feststellung, dass die Konzentration für einige tägliche Übungen wieder fehlt. Ich fange wieder an, von Flugzeugen zu träumen. Als ich noch Flugangst hatte, träumte ich, dass ich im Flugzeug saß, dieses jedoch nicht wirklich in die Höhe stieg.

Nun träumte ich davon, dass die Flugzeuge abstürzten. Obwohl mich diese Träume sehr erschreckten, war ich doch unheimlich froh darüber wieder zu träumen, da ich das Gefühl hatte, wieder in Kontakt mit mir zu sein.

In meinem ersten Traum war ich selbst in dem Flugzeug, welches abstürzte, und im zweiten Traum sah ich mit meinem Freund, wie eine Boeing beim Landeanflug anfängt, sich um die eigene Achse zu drehen, an Tempo noch zunimmt und dann wird uns klar, dass dies nicht normal ist und sie gleich abstürzen wird.

Tagebuch 26.06.2014:

“Als ich noch Panikattacken hatte, flog das Flugzeug immer nur in einer bestimmten Höhe und ich konnte nicht aufsteigen. Dann konnte ich endlich fliegen. Hoch hinaus. Ich war frei von der Angst. Jetzt stürzen zwei Flugzeuge in meinen Träumen ab. Was hat das zu bedeuten? Ich bin froh, dass ich wieder träume. Es war, als hätte ich ohne Träume den Zugang zu mir und meine Spiritualität/Yoga verloren.

Heute Morgen nach diesem zweiten Traum wache ich auf und denke, dass ich nicht mehr Yoga unterrichten will. Über diesen Gedanken habe ich mich erst einmal sehr gewundert, ja sogar erschrocken. Was ist hier abgestürzt? Mein Traum vom Yoga-Studio? Mein Glaube an Yoga? Oder der Glaube, ich könnte mit Yoga die Menschen erreichen? Es ist kein Abstand vom Yoga, es ist ein Abstand vom Studio, von den Menschen dort und von dem ganzen finanziellen und politischen Druck. Eine ständige Konkurrenz, ein ewiger Kampf ums Überleben. Yoga bleibt auf der Strecke. Ich bin zwar eine Kämpferin aber kein Showmaster. Und ich bin so müde davon. Selten war ich in letzter Zeit so klar im Kopf.

Im Traumdeuter steht, dass alles was herunterkommen und zerschellen kann, unhaltbare Illusionen und übersteigerte Erwartungen sind. Es wird Zeit, diese zu erkennen, damit es nicht zur emotionalen Bruchlandung kommt.”

Ganz deutlich wird an meinen Yoga-Tagebuch-Notizen, dass irgendwo aus der Tiefe ein ganz klares Erkennen stattfand und eine Entscheidung gefällt wurde, noch bevor ich, die denkende Person, den Traum in meinem noch verschlafenen Geist gedeutet hatte.

Zwei Tage später notierte ich, dass ich nun mit meinem Geschäftspartner über das Studio sprechen muss, da wir kein wirkliches Team sind. Die Abnabelung vom Studio begann. Die Träume und die ersten Gedanken nach dem Aufwachen waren die klare Antwort auf meine Fragen an Paramahansa und Babaji vor zwei Wochen.

Und heute sitze ich hier und schreibe. Zwar gibt es kein Talent, aber das spielt gar keine Rolle, denn es gibt dieses Bedürfnis über Yoga zu schreiben und daher schreibe ich. Die Wünsche für meine Zukunft, die im Yoga-Retreat auftauchten, ein Yoga-Studio und das Schreiben, hatten sich erfüllt. Später sollte auch ein Buch entstehen.

Und was kommt danach? Wird es je ein Ende geben oder gehen das Wünschen und die Sehnsucht nach diesem und jenem immer weiter?

Was offen blieb, war der “scheinbare Yoga-Weg” die Suche nach Gott und dies wurde nun der Mittelpunkt meines Lebens. Anstatt nach vorne zu schauen und etwas zu erwarten oder zu wollen, versuchte ich, ein immer aufmerksamerer Beobachter des Augenblicks zu werden. Die Blickrichtung änderte sich immer mehr nach innen. Dort, wo der einzige Schatz auf dieser Welt zu finden ist.

Wer Gott finden möchte, muss also erst einmal wunschlos werden.

Ich wünsche euch ein wunderschönes Wochenende, Monika