Ausgebremst (32)

Als ich nach dem Kriya-Yoga Wochenende wieder zu Hause war, ließ ich die neuen Eindrücke erst einmal sacken. Ich hatte zwei Mantren mit auf dem Weg bekommen, die ich in Gedanken aufsagen sollte, und eine Liste mit Atem- und Meditationsübungen für jeden Tag in der Woche.

Meine tägliche Yoga-Praxis war nun noch umfangreicher geworden. Neben den Atemübungen von Iyengar, die ich weiterhin fleißig studierte und übte, meiner eigenen Mediationspraxis und Reiki, kamen nun noch die Kriya-Yoga Übungen hinzu. Wann sollte ich das alles machen?

Da war es gut, dass mein Freund von Istanbul wegzog und ein kleines Haus an der Nordägäis in dem Ort mietete, in dem ich vor Jahren ein winzig kleines Grundstück gekauft hatte. Hier wollte ich mich später mal niederlassen und irgendwann ein Haus bauen. Da wusste ich aber noch nicht, dass ich ziemlich bald den Job verlieren und mehr oder weniger mittellos werden würde.

Tagebuch 12.05.2014:

“Eine Mischung aus Traurigkeit und Freude löst dieser Umzug in mir aus. Auf der einen Seite ist mein bester Freund nun so weit entfernt aber auf der anderen Seite freue ich mich auf das, was der Umzug bringen wird. Vielleicht ein neues Projekt in den Bergen? Vielleicht kann ich auch bald für immer weg aus Istanbul? Und meine Kinder? Wie ich meine Kinder liebe. Ich weine. Diese Trennung wird einmal sehr schmerzen. Ich werde mich nun in Istanbul ganz auf Yoga konzentrieren können und wenn ich in den Bergen bin, auf meinen Schatz.

Ich habe heute Nacht von Schlangen geträumt. Allerdings hatte ich diesmal keine Angst vor ihnen. Nur die anderen waren voller Furcht und traten noch auf das Tier, obwohl es schon längst tot war.

Morgens habe ich eine Tarotkarte gezogen. Der Turm. Aufruhr, die zur Freiheit führen kann. Raus aus einer erdrückenden Situation. Erleuchtung ist möglich.”

Meine Tarotkarten besitze ich schon seit über 35 Jahren. Während meiner Lehre, Anfang der 80iger Jahre, waren sie “in” und wir zogen im Büro eine zeitlang jeden Tag eine Karte. Dabei hatte ich gar keinen Bezug zu diesen Dingen. Es war ein Spass, so wie andere morgens ihr Horsokop in der Tageszeitung lasen. Anschließend lagen die Karten über all die Jahre irgendwo im Schrank herum. Erst kurz, bevor ich mit Yoga anfing, entdeckte ich sie wieder ganz neu für mich. Bisher passte jede Karte, die ich zog und das ist das Geheimnis, welches in diesen Karten ruht.

Träume ernst zu nehmen und zu deuten lernte ich erst nach einem Besuch bei einer Paartherapeutin, die ich nach der Trennung gemeinsam mit dem Vater meiner Kinder für einige Sitzungen besuchte. Sie sagte, alles was wir träumen, sind wir selbst. Alle Objekte entspringen unserem Gehirn. Der Vogel, den wir im Traum sehen, sind wir daher selbst. Die Schlange, die Berge und alle Personen, die uns im Traum erscheinen.

Bei der Traumanalyse wollte sie daher, dass ich mich in jeden Gegenstand und somit in jede Form, die im Traum erschien, hineinversetze und erkläre, wie ich mich dann fühle. Als Zaun. Als Vorhang. Als Tier. Als die andere Person oder gar als der Himmel, der über allem stand. Es ist wirklich erstaunlich, wie diese Analyse alles in uns aufdeckt. Seitdem habe ich die wichtigsten Träume aufgeschrieben.

War es schon schwer genug zu verstehen, dass in der Traumwelt jede Form und Handlung ausschließlich mit mir selbst zu tun hat, wie schwer war es erst, zu erkennen und zu akzeptieren, dass es im Wachzustand nicht anders ist. Auch tagsüber sehen/träumen wir das, was uns unser Gehirn vorgaukelt. Aber von dieser Erkenntnis war ich damals selbst noch weit entfernt.

Diese kluge Frau war es auch, die als allererste versuchte, ganz bewusst bei mir eine Panikattacke herbeizuführen, um dann mit mir zusammen in die Angst hineingehen zu können. Ich hielt sie für völlig verrückt und als ich merkte, dass Angst aufstieg, lief ich davon und konnte mich selbst im Auto, auf dem Weg nach Hause, kaum beruhigen. Ich weinte stundenlang.

Da war nur Widerstand gegen die Angst und ich war noch nicht bereit für diesen Weg nach innen, der – wie ich heute weiß – tatsächlich der einzige Weg aus der Angst heraus ist. Hierfür brauchte ich wahrscheinlich erst einmal Yoga und innere Balance.

Aber mit Hilfe dieser wenigen Sitzungen bei der Paartherapeutin begriff ich, dass meine Träume wichtig sind und mir sehr viel über meine momentane Situation verraten. Dabei konzentrierte ich mich hauptsächlich auf die spirituelle Bedeutung und nicht auf all die anderen Aussagen. Die Schlange im Traum vom 12.05.2014 bedeutete, dass der Träumende bereit ist, sich mit völliger spiritueller Selbstgenügsamkeit zu beschäftigen. Die Schlange ist spirituell das Symbol des sich selbst erneuernden Lebens und des durchdringenden Wissens.

Einige Tage später, als ich meinen Freund in den Bergen besuchte, träumte ich davon, dass ich frei fliegen konnte.

Tagebuch 19.05.2014:

“Ich habe geträumt, dass ich meine Hände und Arme bewegte und fliegen konnte. Ich träumte von Abenteuern. Märchen. Hexen. Drachen und einer fliegenden Monika.”

Kennt ihr dieses Gefühl? Es ist unbeschreiblich, wenn man aus eigener Kraft plötzlich abheben und über alles hinwegfliegen kann. Der Traumdeutung nach bedeutet es spirituelle Freiheit. Noch vor wenigen Jahren konnte ich nicht in ein Flugzeug steigen und nun träumte ich, aus eigener Kraft frei durch den Raum fliegen zu können.

Statt abends fernzusehen oder Kriminalromane zu lesen, verbrachte ich also meine ganze Freizeit mit Yoga. Am Morgen und/oder am Abend hakte ich all die Yoga-Übungen nach und nach ab. Mein Yoga-Tagebuch bestand zu dieser Zeit aus langen Listen von Übungen, die ich jeden Tag absolvierte. Dabei hatte ich noch immer große Zweifel, ob diese Kriya-Yoga Übungen das Richtige für mich waren. Da ich aber auch Zweifel an meinen eigenen Vorbehalten hatte und die eigenen Gewohnheiten und womöglich arrogante Einstellungen brechen wollte, führte ich diese Übungen erst einmal durch. Vielleicht ging es ja darum?

Weiter empfahl uns die Kriya-Yoga Lehrerin, sich bei wichtigen Fragen oder Konflikten direkt an Babaji zu wenden. Die Antwort oder Hilfestellungen würden dann von ihm zu  uns kommen. Ich verstand es so, dass es nicht wirklich um die Person Babaji selbst ging, sondern um den inneren Lehrer, den man auch Gott, Vertrauen, Weisheit oder eben Babaji nennen konnte. In uns selbst ruht stets die richtige Antwort und es ging nur darum, mal still zu sein und zu lauschen, anstatt zu denken und zu reden.

Tatsächlich wendete ich diesen Ratschlag auch eine zeitlang an und einen Dialog schrieb ich auch nieder.

Tagebuch 20.05.2014:

“Frage: werde ich auf meinem kleinen Grundstück je ein Haus/zu Hause haben?

Antwort: wenn du deinen Weg weitergehst, wirst du überall auf der Welt Häuser/ein zu Hause haben.”

Ohne, dass es mir jemand sagen musste, begann ich nach dem Kriya-Yoga Wochenende eine für mich selbst sehr wichtige Entscheidung zu treffen. Ich fing an, einmal in der Woche zu schweigen. Wie Gandhi wollte ich einmal in der Woche still sein, um zum einen besser zu verstehen, wie mein Geist/Verstand funktioniert und zum anderen, um ruhiger zu werden.

Immer Mittwochs war ich still. Egal, ob ich im Studio arbeitete oder unterrichtete. Körperlich war es um einiges anstrengender, da ich statt zu erklären, sehr viel Übungen selbst zeigen musste. Ich beschloss daher, Mittwochs nur noch in Ausnahmefällen zu unterrichten und selbst dann mein Schweigen nicht zu brechen.

Dadurch, dass wir im Studio Acro-Yoga anboten, etwas, was man in der Türkei noch nicht kannte, wurde auch das TV auf uns aufmerksam und so stand am 24.05.2014 ein Team von Journalisten und ein Kameramann in unseren Räumen, um über uns und dieses akrobatische Yoga zu berichten. Natürlich ging es nicht um Yoga, sondern darum, dass sie etwas Neues entdeckten und zu berichten hatten.

Während das Studio auf diesem Weg an Bekanntheit zunahm, ärgerte ich mich gleichzeitig immer mehr über das Verhalten vieler Menschen, die zu uns kamen. Liegt es in der Natur der Türken, dass sie immer verhandeln müssen? Die Preise waren sowieso schon sehr niedrig und diese ständigen Preisverhandlungen waren mir völlig unverständlich, da wir auch so viel dafür gaben.

Ich wollte mich auf keine Diskussionen mehr über die Preise einlassen, jedoch mein gutherziger und ebenfalls nicht Nein-sagen-könnender Partner, ließ stets mit sich verhandeln. Ich bot den Leuten an, im Studio zu putzen oder anderweitig mitzuhelfen, wenn sie kein Geld hatten. Aber darauf wollten sich Studenten, Schüler und Arbeitslose auch nicht einlassen. Sie wollten nur etwas haben aber nichts geben und das ging mir immer öfter gegen den Strich.

Immer mehr verstand ich die alten Meister, die keine Schüler annahmen. Erst als sie tagelang vor dem Tor des Klosters/Ashrams saßen und damit zeigten, dass es ihnen wirklich ernst war, wurde ihnen Einlaß gewährt. Und wenn ich zu dieser Zeit Geld gehabt hätte und nicht jeden Monat um die Miete hätte bangen müssen, hätte ich es genauso gemacht. Ich hätte noch mehr Geld verlangt, statt immer weniger. Ich hätte es vielleicht später zurückgegeben aber ich hätte erst einmal gesehen, ob überhaupt Interesse an Yoga besteht oder ob es nur ein billiger vorübergehender Zeitvertreib auf meine Kosten sein sollte.

So merkte ich, wie meine Freude am Unterricht immer weiter abnahm und ich mich immer mehr wie ein Hampelmann fühlte, wenn ich da vorne stand. Yoga war nichts anderes mehr als Pilates oder Body-Building und ich wurde müde davon zu erzählen, was Yoga bedeutet. Ich konnte nur sehr wenige Schüler mit auf diese Reise nehmen und ich freue mich, wenn ich sehe, dass es genau diese Menschen sind, die heute selber Yoga unterrichten.

Und doch wurde ich nicht müde, weiter an mir selbst zu arbeiten und so meldete ich mich für eine Fortbildung an. Ein 300 Stunden Yoga-Teacher-Training, das im Süden der Türkei von einer der besten Yoga-Lehrerinnen des Landes angeboten wurde.

Aber es war nicht der richtige Zeitpunkt, denn tatsächlich wurde mir alles viel zu viel. Ich musste noch zwei Tage vor dem Kurs die Finanzen regeln und auch noch unterrichten. Nichts war für die Reise vorbereitet. Gleichzeitig ging ich auf Wünsche von Freund und Kindern ein, so dass ich mich auf einem Konzert und einem Ausflug wiederfand, anstatt mich um meine Sachen zu kümmern. Ich konnte hier ebenfalls noch immer nicht NEIN sagen? Ärger kam auf, weil ich meine eigenen Bedürfnisse nicht durchsetzen konnte. Ich wollte niemanden traurig machen.

Einen Tag vor der Abreise zum Teacher-Training, auf dem Weg zum Studio für den letzten Abendunterricht war ich dann so gereizt und wütend über meine eigene Unfähigkeit, dass ich unachtsam die steilen und unebenen Straßen hinunterlief und sehr unglücklich mit dem Fuß umknickte. Er war angebrochen. Das bedeutete von einem Moment auf den anderen, erst einmal kein Unterrichten mehr und auch kein Teacher-Training.

Ich war sehr traurig, aber ich hatte sofort begriffen, dass es an der Zeit war, sich nicht noch mehr aufzubürden, sondern auch mal in meinem Yoga-Ehrgeiz stillzuhalten.

Die erste Nacht war trotz Schmerztabletten die Hölle. Nach den Wehen waren es die schlimmsten Schmerzen, die ich je hatte und ich konnte nicht einschlafen. In Wellen kam der Schmerz und dann verspannte sich der Körper und zitterte. Schweiß trat auf meine Stirn. So ging es mehrere Stunden, bis ich mich zusammenriss und darauf konzentrierte, was ich bisher mit den Atemübungen von Iyengar theoretisch gelernt hatte.

Ich konzentrierte mich auf meinen Atem und entspannte erst einmal so nach und nach den ganzen Körper. Dann ließ ich mich vollkommen auf den Schmerz ein. Lang und tief atmete ich in den Schmerz hinein und erlaubte ihm da zu sein, ohne mich gegen ihn zu wehren. Plötzlich war der Schmerz erträglich und nur kurze Zeit später schlief ich ein. Es erschien mir am nächsten Morgen wie ein Wunder. Hier wurde mir das erste Mal praktisch selber klar, wie sehr Atem, Geist und Körper zusammenhängen.

Was habe ich nicht alles gelernt und studiert und warum konnte mir das in 50 Lebensjahren niemand sagen? Mir wurde bewusst, dass wir viel zu oft Tabletten nehmen, wenn wir körperliche Schmerzen haben und auch Tabletten schlucken, wenn wir Kummer, Ängste und Depressionen haben, weil wir nichts über uns wissen.