Ein schönes Land

Heftige Erdbeben. Starke Orkanböen, bei dem u.a. das Dach unseres Nachbarn fortgerissen wurde. Platten im Vorderreifen, weil ich über Dachstuhlteile gefahren bin, deren Nägel mindestens 10 cm in den Himmel ragten. Keine Heizung, da der Strom ausgefallen ist und nachhaltige Schäden, als er wieder kam, so dass es kein warmes mehr Wasser gab. Zwei Todesfälle. Wetterschwankungen von 18 Grad mit Frühlingsgefühlen bis 5 Grad heute mit gefühlten -5 Grad. Flugzeugabsturz in Istanbul an dem Flugplatz und mit der Airline, mit der meine Tochter vor einer Woche hierhergekommen ist und in den nächsten Tagen wieder zurückfliegen wird.

Ich konnte mich unmöglich mit meinem Tagebuch hinsetzen und schreiben, was vor einigen Jahren passierte, während hier die Erde bebte und der Himmel an uns vorbeiraste und auf uns zu stürzen schien.

Es ist nicht so, dass wir all diese Umstände sonst hier nicht haben. Es ist nur so, dass es diesmal alles in einer Woche passierte und mein Göttergatte in Deutschland ist. Ich konnte niemandem die Schuld geben und außerdem musste ich mich um die Beseitigung der Schäden alleine kümmern.

Ein Vierteljahrhundert lebe ich nun in diesem wunderschönen Land und bin daher so einiges gewöhnt. Ich habe es nie bereut hierhergekommen zu sein und ich fühle mich inzwischen hier mehr zu Hause als in Deutschland. Ich habe in all den Jahren und mit Hilfe von Yoga gelernt, mich nicht zu ärgern und alles ganz entspannt auf mich zukommen zu lassen.

Für Ängstliche gibt es hier jede Menge Gründe, in Panik zu verfallen, aber meistens hat man gar keine Zeit dafür, weil man zu sehr mit dem Überleben beschäftigt ist. Immer wieder wird man durch einen Ruck durch die Erde daran erinnert, dass das Leben endlich ist und der Absturz der Währung zeigt uns, dass Geld nichts wert ist und man sich darüber keine Sorgen machen sollte.

Ich plane nichts mehr. Nur im Groben nehme ich mir etwas vor, und wenn meine Kleine mich fragt, ob wir morgen zum Friseur gehen, dann lautet meine Antwort, gerne, aber schauen wir mal, was der Tag morgen bringt. Und dann war er da, der Morgen und ich konnte nicht ausschlafen, weil ich von den Handwerkern geweckt wurde, die ins Nachbarhaus wollten. Ich bewahre den Schlüssel auf. Dann war er da, der Schaden an der Sicherung im Keller für das Heiz- und Warmwassersystem, so dass wir auf den Elektriker warten mussten und der kaputte Reifen, so dass wir nicht aus dem Dorf kamen.

Und dann sind da die schönen Seiten, die uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist im Leben. Dass der Nachbar kommt, obwohl er Schmerzen hat und auch noch den Elektriker aus der Stadt mitbringt. Dass er seine Pumpe holt und den Reifen aufpumpt, damit ich das Auto zur Tankstelle fahren kann und mir dann auch noch Geld leiht für den Elektriker, weil ich nicht genug Bargeld im Haus hatte.

Das erste Mal in meinem Leben fahre ich selbst mit dem Wagen zum Reifendienst, den es hier an jeder Tankstelle gibt und lasse den Reifen reparieren. Ich schaue interessiert zu und staune über diesen flinken und routinierten Service, während ich vor Kälte zittere. Ein Mitarbeiter flüstert dem anderen etwas ins Ohr und kommt dann später mit einem Tablett zurück, auf dem heiß dampfende Teebecher stehen und bietet mir freundlich einen Becher an. Nach 15 Minuten ist alles fertig und ich zahle umgerechnet 5 Euro und bin stolz, dass „ich“ das ganz alleine hinbekommen habe.

Während meine Kleine noch etwas enttäuscht ist, dass wir nicht zum Friseur fahren konnten, war ich ganz fest davon überzeugt, dass alles immer so richtig ist, wie es gerade kommt. Ich sagte ihr, dass er wahrscheinlich heute sowieso nicht da sei oder die Grippeviren im Salon ihre Runde machten und wir deshalb nicht da sein sollten. Ich konnte mich wirklich über gar nichts ärgern und freute mich auf ein Stück selbstgebackenen Kuchen und einen Kaffee nach der erledigten Arbeit.

Meine Kleine hat gerade ihr Studium abgeschlossen und hatte vorher wenig Zeit, so dass ich diese gemeinsamen intensiven Momente mit ihr sehr genieße. Ich kann mich ganz auf ihre Wünsche und Bedürfnisse einlassen und so puzzeln wir, kochen, sehen uns Filme an und natürlich machen wir jeden Tag Yoga. Die Spaziergänge mit unserem Hund im Wald zwischen den Olivenhainen und den sehr alten Nadelbäumen sind für mich stets ein Höhepunkt des Tages. Obwohl wir meistens die gleiche Strecke laufen, sieht für mich doch jeden Tag alles anders aus, und für die Nase unseres Hundes scheint es sich genauso anzufühlen.

Zu sehen, wie der riesengroße Hunde durch die Landschaft fetzt und dabei dankbar zu lächeln scheint, löst eine so große Freude in meinem Herzen aus. Wie schön, dass wir wenigstens ihn von der Straße retten konnten. Als Dank dafür passt er hier nun auf uns auf und verbellt jeden anderen Hund, Katze oder Besucher.

Ich hoffe, die nächsten Tage werden etwas ruhiger und wünsche Euch ein schönes Wochenende, Monika