Yoga ist keine Ware (29)

Im Jahr 2014 notierte ich weiterhin fleißig in meinem Yoga-Tagebuch, welche Atemübungen ich machte und wie lange ich jeden Tag meditierte. Wie eine Wissenschaftlerin beobachtete ich mich dabei und schrieb alles auf. Die Ein- und Ausatmung wurden jetzt für jedes Nasenloch getrennt durchgeführt und die Pausen zwischen der Ein- und Ausatmung wurden länger (inneres Luftanhalten). Mit Hilfe dieser Techniken können z. B. Hitze und Verdauungsleistung im Körper angeregt bzw. das Gegenteil bewusst hervorgerufen werden. Trägheit und Übelkeit können bekämpft und Heiterkeit ausgelöst werden.

Ich selbst kann das nur zum Teil bestätigen, aber auf jeden Fall haben mir diese  Atemtechniken bei meiner Sinusitis sehr geholfen. Mir ist auch aufgefallen, dass mein Atem sehr viel tiefer und länger geworden ist. Es wurde auch immer offensichtlicher, dass die Kontrolle des Atems der Schlüssel zu einem ruhigen Geist ist, und letztendlich war es ja später gerade diese Kombination aus Atmung und Meditation, die es mir ermöglichte, mich von meinen Ängsten zu befreien.

Im neuen Jahr beschäftigte ich mich auch sehr intensiv mit einem Buch, dass ganz sachlich über die Yoga-Philosphie berichtete. Ich erfuhr, wann und wo Yoga entstanden ist. Lernte die Unterschiede zwischen der religiösen (ca. 3000 v. Chr. mit den Veden und ihrem letzten Teil, den Upanishaden) und der klassischen Yoga-Philosophie (ca. 250 v. Chr. Bhagavad Gita, Yoga Sutra des Patanjali) kennen und wann und wie Hatha-Yoga (ca. 900 nach Chr.) entstanden ist. All das studierte ich sehr ernsthaft und versuchte alle religiösen Aspekte zwar zu verstehen, aber für mich nicht anzuwenden. Ich wollte nicht mit Religion und auch nicht mit Esoterik in Berührung kommen, sondern war auf der Suche nach der Weisheit, die hinter all dem steckte.

Ich erfuhr viel über Karma=Handlung und was es bedeutet. Es ist die Rede von Wiedergeburt und Samsara (dass wir solange im Kreislauf der Wiedergeburt gefangen bleiben) bis wir Moksa (Befreiung durch Rückkehr zum ursprünglichen Sein) erlangen. Ich versuchte mit meinem Verstand und dem Herzen zu verstehen, was Brahman bedeutet und Atman und was passiert, wenn die Seele/das Selbst in das Ur-Eine zurückkehrt und diese miteinander verschmelzen.

Es sind wunderbare Vorstellungen und Bilder, die sich das Gehirn hierüber zurechtlegt, wenn man so etwas liest, aber zu verstehen ist es mit dem Verstand nicht. Das wusste ich da aber noch nicht. Es war jedoch ein Hinweis und ich fühlte mich sehr davon angezogen und wollte immer mehr darüber wissen. Ich spürte ganz klar, dass ich hier eine Schatztruhe öffnete, die mich in eine unvorstellbare Tiefe bringen würde.

Je mehr ich über Yoga las und meditierte, desto deutlicher konnte ich mich selbst erkennen. Die Wiederholungen in meinem Leben wurden immer offensichtlicher. Die Erwartungen, die ich an all die Menschen um mich herum hatte, ohne überhaupt darüber ein Wort zu verlieren. Jeder sollte es selbst erahnen und wissen. Meine Enttäuschungen, die darauf folgten, weil mich keiner verstand und unterstützte. Die immer wieder auftretenden Ängste und Kopfschmerzen.

Wer meditiert, kann die Zusammenhänge nicht mehr ignorieren. Die Meditation setzt uns den Spiegel direkt vor die Nase, und der Anblick ist nicht immer schön. Entweder schaut man ganz ehrlich da hinein oder man muss aufhören zu meditieren und alles immer und immer wieder wiederholen, bis man daran zugrunde geht. Bis dahin kann man dann stets über sein unglückliches Leben klagen.

Diese Disziplin und meine Ehrlichkeit waren es, die auch dafür sorgten, dass immer öfter Zweifel darüber auftauchten, ob ich als Yoga-Lehrerin überhaupt noch glaubwürdig bin.

Tagebuch 28.01.2014:

“Viel Arbeit. Keine Einnahmen, die für Miete, Steuern und die neue Sekretärin reichen. Ich arbeite an der Umstrukturierung des Studios. Entweder weniger Schüler und hohe Preise oder viele Angebote und viele Schüler mit niedrigeren Preisen. Wie arbeitet man mit Menschen, die keine Disziplin haben? Mache ich mich hier zum Hampelmann? Kontakt mit Y. für Kriya Yoga aufgenommen.

Wie bei meinem alten Job im Forschungsinstitut wird nun auch hier die Spaltung zwischen dem, was ich unter Yoga/Leben verstehe und möchte und dem, was ich auf der Arbeit/im Studio mache, immer deutlicher und größer. Ich spürte, ich bin nicht mehr authentisch. In den Anfängerkursen kam ich mir plötzlich geradezu lächerlich vor. Was erzählte ich da den Menschen, die von der Arbeit völlig gestresst voller Vorfreude und Hoffnung zu mir kamen, und wie sah es eigentlich bei mir aus? Ich lebte doch gar nicht das, was ich ihnen da zeigte und erklärte. Womöglich war ich sogar noch viel kaputter und beschissener dran, weil ich nicht mal Geld verdiente mit dem, was ich da gerade auf einem Bein vorführte.

Während meine innere Stimme mir ganz klar sagte, es sei besser, das Studio nur für die zu öffnen, die auch wirklich an Yoga interessiert sind und nicht nur kommen, weil sie mal was anderes machen wollen, war mein Geschäftspartner anderer Meinung. Er inserierte im Internet und bot dort günstige Schnupperkurse an, so dass die Leute eine zeitlang in unser Studio strömten. Keiner von diesen Menschen blieb anschließend als Kunde erhalten. Sie kamen an diesen Billig-Tagen zu uns und anschließend gingen sie zu Samba, Ramba oder Tanga. Je nachdem, was gerade wieder in und billig war. So wie sie alles in ihrem Leben dem Konsum widmeten, so konsumierten sie Yoga und auch mich, und ich habe den Unterricht hier wirklich nicht gerne gemacht. Mir wurde immer klarer, Yoga ist kein Geschäft. Kann kein Geschäft sein. Ich will hier weder mich noch Yoga als Ware anbieten und verkaufen.

Als dieses zweifelhafte Geschäftsgebaren keine neuen Schüler brachte, versuchten wir es mit mehr Veranstaltungen, Workshops und zusätzlichen Lehrern, die auch ausgefallenere Yoga-Arten anboten. Das war sehr zeitaufwändig. Ich hatte praktisch wegen der ganzen Organisation überhaupt keine freie Zeit mehr. Allerdings brachte dieses Engagement tatsächlich neue Kunden und viel neue Energie ins Studio. Ich hatte nach ca. 1 ½ Jahren harter Arbeit das erste Mal so etwas wie ein kleines Einkommen am Monatsende. Außerdem unterrichte ich immer mehr privat. Piloten, Geschäftsfrauen und Musiker. Auch in einer Bank gab ich Yoga-Unterricht.

Ich verdiente etwas Geld, aber der Preis war auch sehr hoch. Mein Körper, der ja nun schon über 50 Jahre alt war, meldete sich immer mehr.

Tagebuch 08.03.2014:

“Die Zeit rennt. Ich versuche trotzdem, viel zu meditieren und auch Meditation im Unterricht einfließen zu lassen. Ich komme jedoch nicht dazu, selber meine Yoga-Übungen zu machen, da ich vom Unterricht körperlich schon zu erschöpft bin. Ich gebe viel Privatunterricht in Istanbul:  2x in Gümüssuyu, 2x in Bebek, 3x in Sisli pro Woche. Auch im Studio gibt es Einzelunterricht und die Kurse, die ich dort unterrichte. Die Wochenendkurse und Seminare und die Arbeit am PC. Der Rücken schmerzt, der Nacken, die Knochen und die Gelenke ebenfalls…”

Als spirituelle Führung hatte ich in all den Monaten noch immer die Briefe der Self-Realisation-Fellowship. Ich versuchte die Worte von Paramahansa Yogananda in mein Herz sinken zu lassen und die dort angegebenen Kriya-Yoga-Übungen zu machen. Außerdem suchte ich immer nach einer Möglichkeit, einen noch “lebenden Lehrer” für mich zu finden, der mich auf meinem Pfad wenigstens ein Stück begleiten konnte. So erfuhr ich voller Freude, dass es sogar in Istanbul eine kleine Gruppe von Leuten gibt, die Kriya-Yoga übten. Ich nahm (s.o. Tagebuch 28.01.2014) schon im Januar Kontakt auf und hoffte so, mehr darüber zu erfahren. Später kam auch eine Lehrerin direkt aus Brasilien nach Istanbul. Aber dazu später mehr.

Gleichzeitig las ich das erste Mal in einem anderen Buch, dass ich damals vom Retreat aus Deutschland mitnahm, nämlich die autorisierte Biographie über Krishnamurti von Pupul Jayakar. Der Titel lautet: “Ein Leben in Freiheit”. Für mich als modernem und jeglicher Religion fern aufgewachsenen Menschen war dieses Buch ein wichtiger Begleiter über all die Jahre. Die Aussagen von Krishnamurti sorgten endgültig dafür, dass ich nicht auf einen Pfad abglitt, der mich nur immer weiter in die Irre geführt hätte.

Während dieses Buch mir klar machte, dass ich nicht unbedingt einen Lehrer brauchte und es eigentlich viel wichtiger ist, sich von jeglicher Autorität zu befreien, hatte ich auf der anderen Seite die Predigten und Briefe von Paramahansa Yogananda, die direkt an das Herz appellierten.

Eigentlich ein Spagat, aber für mich war das in Ordnung. Ich nahm alles auf und stellte auch alles in Frage. Deshalb konnten meine Notizen im Yoga-Tagebuch dann wie folgt aussehen:

Tagebuch 08.03.2014:

 “…21. Lehrbrief der SRF: HONG SO Meditationsübungen gemacht. Ich spürte, wie es in meinem Rücken kühl wurde und diese Kühle von oben nach unten die Wirbelsäule hinterlief. Ein Gefühl der Leichtigkeit trat ein. Schwerelosigkeit. Danach noch lange meditiert. In den Fingern kribbelte es und ich habe mich erschrocken und die Konzentration verloren. Ein wunderschönes Gefühl.”

Tagebuch 09.03.2014:

Sonntag. Im Studio wegen der Workshops bis 16.30 Uhr gearbeitet. Zu Hause wieder HONG SO Meditation gemacht. (Anschließend Krishnamurti gelesen.) Krishnamurti ist wunderbar!

Er sagt: Das Selbst ist ein Haufen Erinnerungen, und Erinnerungen sind tot. Sie wirken im gewissen Sinne, aber sie kommen aus der Vergangenheit, die vorbei ist. Wenn ich das erkenne, kommt der Prozess zum Stillstand. Ich sehe, das im” Jetzt” “Nichts” ist.”

Da Jahre später dieses wunderbare und unbeschreibliche “Nichts” erkannt wurde, taucht auch hier immer wieder die Frage auf, ob ich noch authentisch bin und weiterschreiben soll?

Wenn erkannt wird, dass da “Nichts” ist, wer schreibt dann hier und für wen wird dann geschrieben?

Diese Fragen werden immer drängender, so als fordere etwas in mir, jetzt endgültig alles hinter mir zu lassen und ins “Nichts” zu springen.

Und dann ging das Notebook aus 🙂

Ich wünsche euch ein wunderschönes Wochenende und auch, dass diese Notizen jemandem helfen, die Angst hinter sich zu lassen, Monika