Karma-Yoga II (28)

Es war nichts Ungewöhnliches, wenn ich an einem Montag ins Studio kam und eine Mail von meiner Sekretärin vorfand, dass sie erst zwei Tage später kommen würde. Von der Yoga-Lehrerin, die an diesem Morgen unterrichten sollte war weit und breit auch nichts zu sehen. Erst nachdem ich ununterbrochen anrief, ging sie ans Telefon, um mir enthusiastisch mitzuteilen, dass sie geheiratet hätte und daher nicht kommen könne. Sie würde jetzt gerade auf der Hochzeitsreise sein.

Als ich sie darauf hinwies, dass sie hier im Studenplan stünde und das mindeste eine rechtzeitige Nachricht von ihr gewesen wäre, damit ich umplanen könne, war ihre völlig erstaunte Antwort, ob ich ihr etwa das Glück nicht gönnen und etwas dagegen hätte, dass sie heiraten und eine Hochzeitsreise machen würde.

Diese Antwort konnte mein logisch denkendes Gehirn nicht fassen. Immer wieder musste ich erfahren, dass ich mich auf die meisten Lehrer nicht verlassen konnte. Selbst wenn sie, so wie diese junge Frau, noch vor wenigen Wochen zuvor vor unserer Studiotür standen und mich anflehten, ich solle ihr einen Platz zum Unterrichten geben.

Wenn Lehrer ausfielen oder die Sekretärin ihre einfachsten Aufgaben nicht bewältigen konnte, musste das alles von uns Eigentümern aufgefangen werden und ich hatte das wohl berechtigte Gefühl, dass sich niemand einen einzigen Gedanken darüber machte.

Aber das wirklich Verrückte war, dass ich es nun beruflich mit Yoga zu tun hatte und mit Menschen zusammenkam, die ausgebildete Yoga-Lehrer waren, sich aber niemals darüber unterhielten, was Yoga eigentlich bedeutet. Ich war, so schien es, in diesem Yoga-Studio so weit weg von Yoga, wie man nur sein konnte.

Deshalb versuchte ich, mich weiterhin verzweifelt an meinen Atem- und Meditationsübungen festzuhalten. Hierfür blieb mir nur die Zeit früh am Morgen oder spät in der Nacht. Die Atemübungen nach Iyengar hießen jetzt Viloma-, Anuloma-, Pratiloma-Pranayama, Surya Bhedana und die Meditationsübugen Nasujagra Drishi, Manipura Chakra wobei man auf die Nasenspitze schaut. In meinem Tagebuch habe ich diese täglichen Übungen und meine Fortschritte oder sonstigen Erlebnisse stichpunktartig notiert.

Tagebuch 23.09.2013:

“Abends im Studio Muldhara Chakra 1, Mula Bandha Stufe 1, Trataka (mit geschlossenen Augen hell leuchtenden Kreis in Gelb und Rot gesehen). Shambavi Mudra mit offenen Augen (Kreis mit dunklem Inhalt und hellblauem Rand, der immer nach links wegzog gesehen).”

Nachdem ich das Buch von Paramahansa Yogananda gelesen hatte, schrieb ich an die Self Realization Fellowship und forderte die Lehrbriefe an, die sie gegen Porto weltweit kostenfrei verschicken. Ich dachte, dass wäre ein guter Leitfaden für mich, da ich immer noch keinen spirituellen Lehrer hatte. Ich brauchte etwas, woran ich mich orientieren konnte. Ich wollte lernen und ich wollte teilen.

Tagebuch 08.10.2013:

Gestern kam Post von der Self Realization Fellowship (mit dem Brief 3 + 4) . Auch dort geht es jetzt um die Meditation. Interessant ist der Satz im 3. Brief: Bei regelmäßiger Meditationsübung sieht man einen goldenen Ring, der einen blauen Kreis umgibt, in dessen Mitte wiederum ein fünfzackiger, weißer Stern pulsiert. Ist das nicht eine ähnliche Beschreibung, wie ich sie hier zuvor niedergeschrieben habe? Ich bin überrascht. “

Neben diesen Übungen, die ich wie ein Roboter abhakte übte ich eisern meinen freistehenden Handstand. Seit meinen Acro-Yoga Kursen wollte ich diesen unbedingt lernen. Er war meine persönliche körperliche Herausforderung, wenn ich schon keine Zeit hatte, jeden Tag Yoga-Asanas für mich selbst zu üben.

In meinen Notizen gehe ich außerdem immer wieder auf meine finanziellen Sorgen ein. Schon ab der Mitte eines jeden Monats taucht die Frage auf, ob genug Geld für die Miete des Studios eingehen wird. Auch die Kosten für meine eigene und die Krankenversicherung für meine jüngste Tochter musste ich bis zum Jahresende zusammenbringen, und da das Studio für mich kein Geld hergab, gab ich privat immer weiter Unterricht und Massagen. Niemand wusste, wie sehr ich unter finanziellem Druck stand und wie sehr mich das alles belastete.

Tagebuch 22.10.1013:

“In der Nacht aufgewacht. Immer wieder. Wie soll es weitergehen? Wir können die Miete für das Studio nicht zahlen. Heute wird die Steuer für die Miete fällig (in der Türkei zahlt der Mieter von Gewerberäumen alle drei Monate die Steuer auf die Miete und die ist so hoch, dass man praktisch nicht mit 12 Mieten, sondern 16 Mieten im Jahr kalkulieren muss).”

Tagebuch 14.11.2013: “Noch kein Geld für die Miete eingegangen.”

Tagebuch 21.11.2013: “Wenig Schlaf und viel Sorgen. Bekommen wir die Studiomiete zusammen? Wie werde ich die Krankenversicherungen zahlen?”

Tagebuch 09.12.2013: “Ich verliere den Boden unter meinen Füßen. Das kann es nicht sein. Keine Zeit für mich.”

Das Jahr 2013 hatten wir ohne Schulden abgeschlossen. Die Miete konnte immer irgendwie bezahlt werden und auch die Steuern und die Lehrer. Wir hatten einen festen Kundenstamm. Wir Eigentümer hatten zwar noch immer keine Einkünfte, aber das Studio lebte und das war für mich das Wichtigste. Ich entwickelte so viel Unterrichtsroutine und machte durch meine eigenen Atem- und Meditationsübungen so große Fortschritte, dass ich auch immer mehr Schüler hatte, die ich gegen gutes Honorar privat unterrichtete, so konnte ich auch Lebensmittel für zu Hause kaufen.

Zum Jahresende gab es auch einen Tag der offenen Tür, der keine neuen Kunden brachte und auch erschienen nicht viele Lehrer. Ich weiß noch, wie enttäuscht ich darüber war.

Dabei kämpfte ich doch wie ein Löwin, dass alle einen Raum in diesem Studio fanden. Das Studio war so etwas wie die Erweiterung meines Herzens, die in jener Nacht vor ca. einem Jahr ihren Ursprung hatte und von der ich noch immer nur etwas ahnte aber nichts wusste.

Dabei hatte ich nicht begriffen, dass gar nicht alle von mir behütet und beschützt und geliebt werden wollen. Es ging allen immer nur um etwas anderes, aber nie um meine Person und es ging nie um das Studio, nie um Yoga oder gar um Gott.

Worum es hier wirklich ging – wie immer in jedem Augenblick und bei allen Menschen – war nicht das Studio und nicht die anderen Menschen, sondern es ging immer nur um mich und meine eigene Entwicklung.

Zwar hatte ich meine Übungen, die ich brav in mein Tagebuch schrieb aber tatsächlich wurde ich nicht davon, sondern von den täglichen Erlebnissen geformt, wurde poliert und geschliffen, ohne dass ich es erkennen konnte.

Man beschimpfte und erniedrigte mich und ich öffnete trotzdem jeden Morgen mit einem Lächeln die Tür zu diesem Studio und zu meinem Herzen. Es war ein Dienen, das mein Herz reinigen und meinen Egoismus noch mehr abbauen sollte. Ich lernte auf meine Gefühle und Gedanken zu schauen, wenn ich mit Eifersucht oder Überheblichkeit konfrontiert wurde. Es war hart und es schmerzte. Ich beschwerte mich jedoch nicht, sondern beobachtete mich und alles um mich herum, lernte tiefe Demut kennen und wie es sich anfühlt, der letzte Idiot zu sein.

Ich war weiß Gott keine Heilige. Ich geriet immer wieder in tiefe emotionale Krisen und Zweifel packten mich jeden Tag aufs Neue. Ich stritt mich aufgrund dieser starken Belastungen im Studio mit meinen Kindern und als meine Kleine mich einmal sehr stark provozierte, rutschte mir auch die Hand aus und sie bekam eine Ohrfeige. Ich weiß nicht, ob ich sie je zuvor schon einmal geschlagen hatte.

Das hier zu schreiben fällt mir nicht leicht aber jede alleinerziehende Mutter kann das bestimmt nachfühlen. Wenn Kinder in der Pubertät sind, wäre ein Vater, der mal Grenzen setzt, eine große Hilfe. Während meine Tochter diesen Ausrutscher sicherlich schon nach dem ersten Wutanfall vergessen hatte, tut mir das noch bis heute weh.

Ich hatte keine Zeit, an mich selbst zu denken und nie gab es irgendwelche persönlichen Erwartungen, weder zu Hause noch im Studio. Ich gab bei meinen Kindern und in diesem Studio immer alles. Während die Liebe einer Mutter immer selbstlos ist, war das bei der Aufgabe im Studio nicht selbstverständlich, denn ich bekam nichts. Kein Geld. Kein Lob. Keine Anerkennung. Ich sah nur die zufriedenen und glücklichen Gesichter der Menschen, die nach dem Unterricht wieder nach Hause gingen.

Und doch fühlte es sich richtig an. Wie war das möglich? Ich war mitten drin im Karma-Yoga, einen Weg, den ich mir niemals bewusst ausgesucht hätte. Kein Guru oder Lehrer hat mich dort hingeführt. Das war ich ganz allein, die sich jeden Tag aufs Neue für diesen  Weg entschied. Ich meditierte und lauschte auf das, was in mir vorging. Ob noch alles stimmig war. Ob das wirklich der richtige Weg ist oder ob ich daran zerbrechen würde. Ich bat um Kraft und Liebe, damit ich auch am nächsten Tag aufstehen und die Tür zum Studio öffnen könne.

Ich vertraute auf diese innere Führung, die mich zu diesem verschlafenen Studio brachte und ließ mich ganz und gar von meinem Herzen führen. Ich ahnte, dass es nur darum ging, was ich mache und nicht darum, was die anderen tun. Das war es, was ich in dieser Zeit lernen durfte und was mal wieder die Sicht auf alles in meinem Leben veränderte. Ein neuer Prozess des Lernens und des Wachsens. All das, auch die unangenehmen Ereignisse waren nötig, um mich zu entwickeln und zu erkennen, wer ich wirklich bin.

Heute weiß ich, es war alles ein Geschenk.