Karma Yoga (27)

Als ich die Geschäftsführung des Yoga-Studios übernahm, gab ich alles, um aus diesem sich noch im Dornröschenschlaf befindlichen kleinen Schatz ein für alle Beteiligten rentables Geschäft zu machen. Dabei sollten jedoch die Werte, die die Philosophie des Yoga ausmachen, nicht außer Acht gelassen werden. Aber tatsächlich hatte ich nicht die geringste Chance, denn alles, wirklich alles, was man sich nur vorstellen kann, wirkte scheinbar gegen mich.

Und so kam es, dass ich mich von meinem mir selbst vorgestellten und angestrebten Raja Yoga-Weg immer mehr entfernte. Der Raja Yoga des Patanjali setzt voraus, dass man sich mit seinem Geist und dessen Beherrschung beschäftigt. Hierfür ist Selbstbeobachtung und Selbstanalyse wichtig, um die individuellen Muster zu erkennen und zu durchbrechen.

Das Studio nahm mich aber so sehr ein, dass ich kaum noch Zeit für mich und meine eigene Yoga-Praxis hatte. Alles um mich herum führte mich weg vom Kopf und fort von der Selbsterforschung direkt hin zum Herzen. So saß ich dort in diesen Yoga-Räumen und übte zwei Jahre lang Karma-Yoga aus. Man nennt dies auch das “Yoga der Tat” oder “Yoga des selbstlosen Dienens”. Natürlich wusste ich theoretisch, dass es so etwas gab und ich habe auch darüber einiges gelesen, aber ich verstand gar nicht, dass ich mich gerade selber mittendrin befand.

Hatte ich vorher schon große Zweifel, ob ich überhaupt noch einmal Verantwortung für eine Firma übernehmen möchte, hätte ich sofort alles hingeschmissen, wenn ich gewußt hätte, dass ich mich nun zwei Jahre lang ohne (wirtschaftlichen) Erfolg völlig aufreiben würde.

Und doch, auch wenn alles so schwer und sinnlos erschien, gab es immer wieder dieses tiefe Vertrauen in mir, dass das alles so seine Richtigkeit hat. Dabei hatten wir mit Widerstand aus allen Richtungen zu kämpfen.

Kurz nachdem ich die Verantwortung für das Studio übernahm, flackerten ab Ende Mai 2013 immer wieder die Proteste und Demonstrationen in der Türkei auf. Es riß uns alle mit und außerdem spielte sich alles direkt vor unserer Haustür ab. Demonstranten und Polizei stürmten fast täglich durch unsere Straße, und das Tränengas kroch durch unsere undichten Fenster hindurch.

Niemand war an Arbeit oder an Yoga interessiert. Die Türkische Lira ging auf Wanderschaft und man wusste nie, wo sie am nächsten Tag zu finden war. Das geht übrigens bis heute so. Das Land bekam einen tiefen Riss und wurde gespalten. Ein Vater war an der Macht, der ganz klar sagte, diese Kinder liebe ich und diese nicht. Und die, die man nicht liebt, werden vernichtet.

Und natürlich spürte man das in jedem Bereich der Wirtschaft. Auch im Yoga-Studio. Yoga wurde plötzlich zu einer fremden Religion. Es gab neue Verordnungen. Alles wurde immer schwerer und der Staat wollte auch beim Yoga ein Mitspracherecht darüber haben, was Yoga ist und wie Yoga ausgeübt wird. Immer wieder musste neu investiert werden und die Steuern stiegen, genauso wie die Miete des Studios.

Hinzu kam, dass mein Studio-Partner auch noch einen persönlichen Gegner hatte. Ebenfalls ein Yoga-Lehrer oder sagen wir lieber ein selbsternannter Yoga-Guru, der die Vorherrschaft in der türkischen Yoga-Welt beanspruchte (später wurde dieser wegen Mißbrauch verhaftet und ich persönlich hielt ihn von Anfang eher für einen sehr gefährlichen Sektenführer). Er hatte eine Freude daran, unser Studio permanent anzuzeigen. Das wurde dann später auch noch dadurch erleichtert, dass man nach einem neuen Gesetz anonym ohne Vorlage von Beweisen andere Menschen einfach anzeigen und denunzieren konnte. Übrigens, so etwas nennt man Faschismus. Es gab nun kaum eine Woche, in der nicht die Polizei oder die amtlichen Gesundheits- oder Steuerbehörden vor unserer Tür standen. Dann hieß es, wir würden Ausländer beschäftigen, Steuern hinterziehen oder Medikamente verkaufen.

Wir versuchten wirklich alles 100% richtig zu machen, damit man uns nicht angreifen konnte, aber wer erst einmal an der Angel hängt, den lässt man nicht mehr so leicht los. Während sich die Polizeibeamten oft entschuldigten für die Umstände, die sie machten und dass sie verpflichtet sind, hier anzutreten, waren die Finanzbeamten dazu angehalten, auf jeden Fall irgendetwas zu finden. Sie suchten so lange, bis sie ein fehlendes Datum, Nummer oder Unterschrift fanden und drückten uns eine Strafe auf, wo wir schon damit zu kämpfen hatten, die Miete einzubringen. Warum der Steuerzahler da herangezogen wird und nicht der den winzigen Fehler verursachende Steuerberater, der ja alles ausfüllt, bleibt mir bis heute ein Rätsel. Das sind Methoden, die jedes Vertrauen in eine Wirtschaft zerstören.

Und doch sprudelte ich auch da noch nur so vor Ideen und Engagement und arbeitete ein Konzept aus, wie wir mehr Menschen mit Yoga erreichen, sie über die Vorteile von Yoga informieren und sie behutsam in die Asanas einführen können. Dafür entwickelte ich einen Anfängerkurs, den es bis dato in der Türkei noch nicht gab. Mir war es wichtig, dass den Neuzugängern exklusiv die Möglichkeit gegeben wurde, Yoga innerhalb von zwei Wochen mit vier Unterrichtseinheiten ein wenig in seiner Gesamtheit kennen zu lernen.

Sie erhielten in diesem Kurs, der aus höchsten 6-7 Teilnehmern bestehen durfte, eine kurze Einführung über die Bedeutung des Yoga, die Wichtigkeit eines gesunden Körpers, des Atems und der Meditation mit jeweils darauf aufbauenden Yoga-Übungen. Mir war wichtig, dass sie sofort verstanden, dass Yoga nicht als eine andere Form des Pilates verstanden wurde, sondern die sportlichen Übungen nur einen Teil eines Ganzen ausmachen, die den Menschen wieder in Harmonie mit sich und der Umwelt bringt.

Ich führte Statistiken, wer von diesen Besuchern der Anfängerkurse weiterhin zum Yoga kam und ich war sehr froh, als ich merkte, dass diese Einführung die Menschen erreichte und sie weiterin am Yoga-Unterricht teilnahmen.

Da es verschiedene Arten von Yoga gibt, versuchte ich, mit dem Studio die wichtigsten davon abzudecken. Neben Hatha Yoga boten wir daher auch Ashtanga-Yoga, Vinyasa-Yoga, Yin-Yoga, Kundalini usw. an. Auch Qi Gong, Selbstverteidigung für Frauen, Ayurveda und Acro-Yoga standen nun auf dem Programm. Für letzteres holte ich meine Lehrer aus Deutschland und wir machten den ersten Acro-Yoga-Workshop in Istanbul und anschließend noch weitere mit Lehrern aus Belgien, Frankreich, Portugal und Deutschland.

War der Widerstand von Außen schon hart genug, erschöpfte mich jedoch der Widerstand aus den eigenen Reihen am meisten. Ich wollte verschiedene Kursstufen einführen, damit Anfänger sich nicht ausgeschlossenen und überfordert fühlten und Fortgeschrittene die Möglichkeit hatten, mit sehr erfahrenen Lehrern neue Herausforderungen anzunehmen.

Aber hier stieß ich nun auf die heftigsten Protesten der Yoga-Lehrer, da sie sich selbst nicht in Klassen und Gruppen einteilen wollten. Das konnte ich auf der einen Seite als Yogi zwar verstehen aber auf der anderen Seite hatte ich dafür zu sorgen, dass wir ein breites, gutes und professionelles Angebot aufstellen, damit das Yoga-Studio Gewinn abwirft und uns alle ernährt. Ich bezog daher alle Lehrer in meine Vorstellungen mit ein, bat um eigene Ideen und Vorschläge. Aber anstatt Alternativen und Wege aufzuzeigen, zogen sie sich eher skeptisch zurück. Veränderung wollten sie einfach nicht und Verantwortung übernehmen wollte auch niemand.

Während ich es in der Wirtschaft mit professionell ausgebildetem Personal zu tun hatte, stand ich hier Menschen gegenüber, die aus allen beruflichen Bereichen kamen, und oft genug waren darunter gescheiterte Existenzen, die wie ich, einiges hinter sich hatten. Kein Wunder, dass sie Ängste hatten und mit Händen und Füßen gegen jegliche Veränderung kämpften.

Alles sollte so weiterlaufen wie bisher und dabei übersahen sie, dass das nur möglich ist, wenn mein Partner und ich weiterhin auf ein Einkommen verzichten würden.  Außerhalb des Studios unterrichtete ich auch noch private kleine Gruppen oder Einzelpersonen, damit Geld in meine persönliche Kasse kam. Bis spät Abends ging der Unterricht im Studio und morgens um 7.00 Uhr war ich schon wieder unterwegs für Privatunterricht und Massagen.

Ich versuchte die Lehrer für das Yoga-Studio zu gewinnen und sie zu integrieren, da mir nichts daran lag, die Chefin zu spielen, sondern hier etwas für uns alle aufzubauen. Deshalb war es mir auch wichtig, dass sie sich selbst auch weiterbildeten. Ich versuchte regelmäßige Besprechungen und Yogastunden nur für uns Lehrer einzuführen. Das Interesse war jedoch gering. Es kamen nur ein oder zwei Lehrerinnen und auch die hielten das nicht lange durch. Ich habe noch nie so wenig Interesse an der eigenen beruflichen Entwicklung erlebt, wie bei den Yoga-Lehrern. Auch hatte ich das Gefühl, dass sie sich gegenseitig eher als Konkurrenten und nicht als Partner und Kollegen sahen.

Ein schönes Extrembeipiel hierfür war ein junger Mann, der viele Jahre in Indien verbrachte und sich dort einer sehr bekannten Yoga-Linie anschloß und von dieser ausbilden ließ. Als er nun nach Istanbul zurückkehrte, wollte er als Yoga-Lehrer unterrichten. Sobald er unser Studio betrat, lagen Arroganz und Eitelkeit in der Luft. Ich hätte seine Mutter sein können und er betrat mit erhobenem Haupt und mit nackten Füßen den Boden, den ich wischte und dessen Miete ich zahlte und doch gab es keinen Funken von Respekt oder gar eine Übernahme von Aufgaben und Verantwortung.

Selbstverliebt kamen viele, nicht alle, Lehrer ins Studio und wollten unterrichten. Dabei brachten sie meistens auch nicht einmal eigene Schüler mit, sondern unterrichteten die Schüler, die wir über Monate mit finanziellen und körperlichem Einsatz überzeugt und gewonnen haben.

Aber auch all das wäre kein Problem gewesen, wenn irgendwer mit mir an einem Strang gezogen hätte. Ich wollte etwas Schönes aufbauen aber ich hatte wirklich niemanden an meiner Seite, der das mit mir teilen wollte. Unterstützung kam hier und da von meinen Kindern und meinem Partner, aber niemand sah sich und seine Zukunft in diesem schönen Projekt, außer mir… (morgen geht es weiter)

Ich wünsche euch ein wunderschönes neues Jahr und freue mich auf eure neuen Beiträge und Kommentare, Monika