Das Schönste kommt noch (24)

Die Fernreise war zu Ende aber die innere Reise ging weiter.

Als wir von Australien wieder zurück nach Istanbul kamen, warteten dort meine große Tochter, eine Wohnung, die uns nicht gehörte und ein Koffer auf uns. Wir hatten ein Abenteuer hinter uns, an dem wir beide sehr gewachsen sind und von dem wir heute noch zehren. Es gab viel zu berichten und es gab jetzt jede Menge zu tun.

Ich brauchte einen Job und wir drei Mädels brauchten wieder eine neue Wohnung. Für mich war klar, ich wollte unbedingt Yoga unterrichten und ich führte viele Gespräche mit fast allen Menschen, die ich kannte. Vielen Dank an all diejenigen, die mich mit ihren Ideen in dieser Zeit motivierten und unterstützten. Und doch war es nicht einfach.

Denn in der Türkei war Yoga noch nicht so bekannt und ich hatte daher kaum Kontakte zu anderen Yoga-Lehrern oder Studios. Auch hatte ich kein Kapital. Hinzu kam, dass viele in der Türkei dachten, wenn sie Yoga machen würden, würde das mit ihrem muslimischen Glauben nicht vereinbar sein.

Da ich außerdem beruflich aus einer ganz anderen Welt kam, bewegte ich mich über all die Jahre in ganz anderen Kreisen. Hier spielte der Mensch selbst keine wesentliche Rolle, sondern nur der Schein. Sobald man nicht mehr die berufliche Position inne hatte, wurde man nicht mehr wahrgenommen. Mir war klar, dass von denen bestimmt keiner Yoga machen würde.

Eine innere Gewissheit für die Richtigkeit dieses Weges war da, aber trotzdem kamen zu dieser Zeit immer wieder Sorgen und Zweifel auf, ob ich mit Yoga tatsächlich Geld verdienen könnte.

Tagebuch 18.08.2012:

“Heute habe ich gegen Geld Privatunterricht gegeben und 50 TL verdient (das waren damals ca. 22,00 Euro und heute wären das nur noch ca. 7,90 TL). Es fühlt sich gut an, auch wenn ich dafür mindestens 3 Stunden unterwegs war. Auf dem Weg zum Schiff (ich musste über den Bosporus nach Asien und wieder zurück fahren) hatte ich jedoch jede Menge Stress und es kam die Frage auf, ob das wirklich alles so richtig ist?

Bin ich jetzt weg von der großen weiten Welt? Gehöre ich jetzt nicht mehr dazu? Ausgestoßen aus der Welt der Reichen und Schönen? Keine Partys mehr und keine Reisen?

Werden meine Mails von den Geschäftsführern (BASF, Daimler, Siemens, Bosch…) oder Leitern von Institutionen, wie dem Goethe-Institut oder dem Generalkonsulat nicht mehr beantwortet? Melden sich die Frauen nicht mehr, mit denen ich zuvor gefeiert und die ich auch bei mir zu Hause bewirtet hatte? Mit denen man seine Sorgen ausgetauscht hatte? Wo sind diese “Freunde” plötzlich alle geblieben? Was für eine oberflächliche Welt. Tut es trotzdem weh? Ja, ein wenig.

Fange ich wieder von vorne an, wie mit Anfang 20, als ich meinen Job geschmissen hatte, um das Abi nachzuholen. Fange ich wieder von vorne an, wie mit 40 Jahren, als ich meinen Mann und mein Haus verließ, um wieder lachen zu können. Fange ich nun mit 50 Jahren wieder von vorne an, um frei zu sein und machen zu können, was ich will.

Wenn ich nur keine Miete zahlen müsste. Der Vater meiner Kinder sitzt im Doppelhaus und ich suche wieder eine Wohnung und werde Miete zahlen für mich und meine Kinder. Ohne Mietzahlungen könnte ich mich mehr auf Yoga konzentrieren und viele Menschen glücklich machen. “

Trotz dieser Zweifel ist es gut und richtig, auf seine innere Stimme zu hören und die Sorgen und Ängste im Hintergrund zu lassen. Irgendwie fügte sich nun alles.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich genau zu dieser Zeit, als ich noch keine Ahnung hatte, wie es weitergehen würde, ein zweites Interview für eine deutsche Tageszeitung gab. Das erste Interview kam zustande, weil ich damals zu den wenigen deutschen Frauen gehörte, die Karriere in der Türkei machten. Nun beim zweiten Interview war alles anders und ich weiß nicht, ob die zweite Reportage je erschienen ist.

Auf die Frage, ob ich denn nun mit 50 Jahren nicht schon das meiste hinter mir hätte und was ich denn jetzt mit meinem Leben machen würde, antwortete ich: “Ich habe nicht die geringste Ahnung aber ich habe einfach das Gefühl, dass das Schönste jetzt noch kommt.”

Fragt mich nicht, woher diese Antwort kam. Ich wusste einfach, dass das stimmen würde. Nachdem dieser Satz ausgesprochen war, staunte ich noch bis zum Abend des gleichen Tages über diese Worte, die mir da über die Lippen kamen.

Mein Tagebuch ist in dieser Zeit nur voll von Ideen und Konzepten, wie man Yoga unterrichten kann. Gespräche mit dem alten Steuerberater über die Gründung einer Firma und Kalkulationen wurden geführt. Mit einem Freund, der ein Sportstudio betreibt, wurden Broschüren entworfen usw. Gleichzeitig gingen wir Mädels auf Wohnungssuche.

Schon einen Monat nach meinem ersten Privatunterricht bezogen wir eine sehr zentral gelegene Wohnung in Besiktas-Istanbul. Entscheidend bei der Auswahl war hier, dass die Große gut zur Uni und zu den Dreharbeiten in ganz Istanbul kam, die Kleine alleine mit dem Bus zu ihrem Gymnasium fahren und ich von dort sehr gut – eventuell auch zu Hause – Yoga unterrichten konnte.

Besiktas liegt auf der europäischen Seite von Istanbul und ist ein sehr lebhafter Stadtteil. Wir wohnten dort zwischen so vielen Welten. Wenn wir aus der Haustür herauskamen und nach links hinunterliefen, waren wir in 5 Minuten an der Anliegestelle der Fähren und konnten zum asiatischen Teil hinüberfahren. Gleich neben dem Hafen lag der Dolmabahce-Palast, in dem Atatürk seine letzten Atemzüge tat.

Liefen wir einfach nur über die Straße, dann waren wir mit ein paar Schritten im Macka-Park und konnten noch an einer der wenigen grünen Stellen in Istanbul spazieren gehen. Hier lag auch das berühmte Besiktas-Stadion, und wenn es Konzerte oder Fussballspiele gab, konnte man die Rufe bis nach Hause hören.

Liefen wir nach oben, dann kamen wir in 5 Minuten nach Nisantasi. Hier gab es wohl die teuersten Geschäfte und Restaurants von ganz Istanbul. Von hier aus konnte man auch direkt zum Taksim-Platz laufen.

Wenn wir das Haus nach rechts verließen, ging es mit vielen Treppenstufen und sich in jegliche Richtungen windenden engen Straßen nach unten ins Zentrum von Besiktas. Dort gab es ein Geschäft neben dem anderen und jede Menge Fischrestaurants, die am Wochenende immer voll besucht waren. Natürlich saßen alle draußen und die Musiker zogen von Tisch zu Tisch, um sich bei den Raki trinkenden Gästen ihren Lohn für ihre  Darbietung abzuholen. Menschenmassen zogen durch die Straßen und die Passagen, in denen die Geschäfte sich neben- und übereinander stapelten. Die Stimmung damals war freundlich und locker und man sah hauptsächlich junge Menschen auf den Straßen, da viele Studenten hier lebten.

Deshalb war Besiktas ein äußerst lebendiger Stadtteil von Istanbul und man spürte förmlich, wie es hier pulsierte. Hier habe ich viele junge und engagierte Menschen getroffen und ich habe mich sehr für meine Kinder gefreut, dass sie nun in diesem Umfeld leben können.

Auf dem Foto könnt ihr den Teil von Besiktas, den ich beschrieben habe, gut erkennen. Es ist ein Foto aus der Zeit von 2012. Heute sieht es schon wieder etwas anders aus. Mehr Hochhäuser. Weniger Grünflächen. Neues Stadion.

Zwei Wochen nach dem Umzug in die neue Wohnung schreibe ich das erste Mal wieder einen Traum in meinem Tagebuch nieder. Er zeigt, wie sehr ich trotz aller Zuversicht ganz unbewusst mit meinen Ängsten zu kämpfen hatte.

Tagebuch 30.09.2012:

“Im Wohnzimmer ein großes Loch im Fußboden. Der Fernseher und alle anderen wertvollen Dinge in dem Raum werden von diesem Loch verschlungen. Selbst der Holzfußboden wird nach unten gezogen. Ich rufe die Polizei und bitte verzweifelt um Hilfe. Ich sage, unten wohnen Leute, die alles stehlen.”

Wenn die Kinder schliefen und der Verkehr auf den Istanbuler Straßen etwas ruhiger wurde, meditierte ich. Ich hatte bis dahin nur die drei Bücher, wie zuvor geschrieben, nämlich die Bhagavad Gita, die Yoga Sutra des Patanjali und das Buch von Paramahansa Yogananda, welches neben mir auf dem Bett lag. Ich hatte keinen Lehrer, der mir zeigte, wie man eine Meditation durchführt. Daher saß ich einfach in meinem neuen Zimmer mit geschlossenen Augen auf meinem Bett und lauschte und atmete.

Ich erinnere mich, dass ich meistens an Parmahansa Yogananda dachte und an die Liebe, die mir aus diesem Buch entgegenströmte. Was dann passierte, ist sehr schwer zu verstehen und noch schwerer ist es für mich, dies einigermaßen vernünftig aufzuschreiben.

Ich hatte in einer dieser Nächte eine tiefe Meditationserfahrung und diese selbst ist schon ein Wunder, aber das wirklich Verrückte daran war, dass es zwar genau zu dieser Zeit im Jahr 2012 geschah, aber erst zwei Jahre später mit allen Einzelheiten beim Lesen eines Absatzes in einem Buch völlig überraschend in mein Bewußtsein kam.

Das heißt, ich spürte die Auswirkungen dieser Meditation, konnte mich aber am nächsten Morgen an das konkrete Erlebnis selbst gar nicht mehr erinnern. Ich weiß noch, wie ich deshalb zwei Jahre später, als dieses Erlebnis wieder in mir lebendig wurde, lange meine ganzen Unterlagen durchwühlte, weil ich nach Notizen aus dem Jahr 2012 suchte. Es erschien mir völlig unlogisch, dass die Erinnerung so klar und deutlich 2014 auftauchte aber mir 2012 gar nicht bewusst war. Ich muss mir das doch irgendwo notiert haben oder? Wie war das möglich, dass ich jetzt sehe, was vor zwei Jahren in der Nacht passierte? Gibt es zwei Zeitebenen?

2012 hätte ich diese Fragen nicht beantworten können und daher werde ich hier auch noch nicht darauf eingehen. Vielmehr werde ich es so aufschreiben, wie es sich mir mit meinem jeweiligen Bewusstsein darstellte. Aber soviel sei hier schon vorab verraten: Tatsächlich tauchen schon zwei Phänomene auf, nämlich die Abwesenheit von Zeit und die völlige Akzeptanz und das Gefühl, dass ein spirituelles Erlebniss in dem Moment immer das Natürlichste von der Welt ist.

Auch wenn ich mich also nicht daran erinnern konnte, was passierte, war ich anschließend über lange Zeit mit einer so großen Freude und Liebe in meinem Herzen gesegnet und hatte so viel Energie, wie schon lange nicht mehr. Ab diesem Moment ging in meinem Leben alles Schlag auf Schlag. Es schien so, als würden die Samen all meiner Wünsche, die ich beim Yoga-Retreat in die Erde setzte, nun anfangen zu wachsen und langsam Früchte zu tragen.

Mein Wunsch, Yoga zu unterrichten und selbst die Möglichkeit, ein eigenes Studio zu betreiben, all das lag ab da praktisch genau vor meiner Haustür. Auch der Wunsch nach einem Partner, der nicht nur mein Geliebter, sondern auch mein bester Kumpel gleichzeitig ist, sollte schon in diesem Moment von Ankara nach Istanbul kommen, damit ich ihm begegnen konnte.

Ich entdeckte voller Freude ein kleines Yoga-Studio nur wenige Schritte von uns entfernt. Mit meinen 50 Jahren und der kurzen Yoga-Karriere betrat ich es wie eine 20jährige ganz schüchtern und wollte wissen, ob ich hier unterrichten könnte. Ich wurde vom Eigentümer mit offenen Herzen empfangen und durfte in den nächsten Tagen zeigen, was ich konnte. Hierfür bin ich ihm unendlich dankbar. Anschließend bin ich wie ein aufgeregter Teenager, der seinen ersten Job ergatterte, glücklich nach Hause gelaufen.

Zu meinem Ex-Freund M., mit dem ich vor dem Narzissten drei Jahre lang zusammen war, hatte sich wieder ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Auch er unterstützte mich mit seinen vielen Geschäftsideen tatkräftig aus der Ferne und außerdem war er es, der mich genau zu dieser Zeit auch mit meinem jetztigen Mann zusammenbrachte. Dieser arbeitete für die EU im Umweltministerium in Ankara und wurde nach Istanbul versetzt. Ich sollte mich mal um ihn kümmern, da er sich in Istanbul nicht auskenne. Das tat ich dann auch und schon im November waren wir ein Paar.

Es begann die Zeit, in der ich mich sowohl theoretisch als auch praktisch hauptsächlich nur noch mit Yoga befassen sollte.

Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende, Monika