Ich werde zum JOKER

Vor ein paar Tagen habe ich mir den Film “Joker” angesehen. Ich war fasziniert und berührt. Das lag zum einen natürlich an der hervorragenden Leistung des Schauspielers Joaquin Phoenix. Er wirkte in allem was er tat so hilflos und zerbrechlich, so dass ich grosses Mitgefühl für diese scheinbar böse Titelfigur empfinden konnte.

Zum anderen hatte ich das Gefühl, dass dieser Film, der Anfang der 80iger Jahre spielt, gerade jetzt wieder mit seinem sozialkritischen Hintergrund sehr aktuell ist. Der Regisseur Todd Phillips hätte keine bessere Zeit für diesen Film finden können. Es ist egal, in welches Land wir heute schauen, fast überall brodelt es. Wut und Hass im Internet und auf den Straßen. Nationalismus und Faschismus. Despoten und Narzissten erlangen immer mehr Zulauf und Macht.

Ich finde es bewundernswert, wie der Regisseur in seinem Film ganz klar zeigt, wie ein Mensch, der sich eigentlich nur nach Liebe und Aufmerksamkeit sehnt, zum Mörder werden kann. Die Mitschuld des Systems sowie die Arroganz und Ignoranz der Menschen finden ihren Ausdruck mal in Form von kalten Pommes oder einem einfachen Werbeschild, die uns entgegenfliegen.

Am nächsten Tag hatte ich Kopfschmerzen. Vier Tage lang. In dieser Zeit bemühte ich mich trotzdem, so gut es eben ging, am Leben um mich herum teilzunehmen. Ich merkte jedoch, dass dies von meinen Mitmenschen als selbstverständlich hingenommen wurde. Niemand kam auf die Idee, seinen Rhythmus wegen meiner Schmerzen zu ändern oder zu fragen, ob ich etwas bräuchte. Ich vermisste Fragen wie, ob man mir einen Tee machen könne, ob ich mal inhalieren wolle, ob ich eine Massage gebrauchen könne? Sie haben es einfach ignoriert, dass da Schmerz war.

Sie haben ihre Sachen durchgezogen und ich habe mich auch noch bemüht, mitzuhelfen. Sie haben es schon als selbstverständlich hingenommen, dass jemand unter ihnen Schmerzen hat. Schmerzen scheinen etwas ganz Normales zu sein, so wie es schon normal geworden ist, dass Menschen in anderen Ländern hungern, im Meer vor unserer Tür ertrinken oder die Natur zugrunde geht, weil wir auf nichts verzichten möchten.

Hier wollte niemand auf einen Tagesablauf verzichten, der sowieso keinen Inhalt hatte. Blicke aufs Handy. Bequemlichkeit. Fernsehen. Was ist denn so viel wichtiger, als einen Tee zu kochen für jemanden, der Schmerzen hat oder mal die Hand auf die schmerzende Stelle zu legen? Was kann schöner sein, als jemanden nur fünf Minuten lang vom Schmerz abzulenken?

Nach drei Tagen merkte ich, wie ich langsam zum Joker wurde. Wut kam auf, weil niemand meine Bemühungen sah und gleichzeitig kein Mitgefühl und keine Aufmerksamkeit für meine Schmerzen da waren.

Gedanken stiegen in mir auf, die sich auf den Film bezogen. Wenn ich mich schon so mies fühle,

weil es für die eigene Familie wichtiger zu sein scheint, auf dem Handy zu lesen

und darüber zu reden, was in der weit entfernten Welt los ist

oder darauf zu spielen,

anstatt mal zu schauen,

ob ich nach drei Tagen und drei Nächten

voller Schmerzen immer noch da unten im Zimmer sitze

und atme

und vielleicht mal etwas brauche,

wie muss sich dann ein Mensch fühlen, den man dann auch noch in seinem Schmerz nicht nur ignoriert, sondern brutal niederschlägt?

Eine Gesellschaft verroht, wenn es kein Mitgefühl, kein Verständnis und keinen Respekt für andere (auch gegenüber der Natur) gibt. Enttäuschung und Traurigkeit werden zu Geschwüren, die immer dicker und größer werden und dann platzen diese Wunden auf und der dicke Saft aus Wut und Hass sucht sich seinen Weg. Es wird verletzt und wild um sich geschlagen, bis irgndwann nach der Zerstörung wieder Heilung eintreten kann.

Und ich, ich fing dann nach 72 Stunden Schmerzen an, mich zu melden und zu sagen, es reicht jetzt. Ich kann hier nicht mehr sitzen. Ich brauche mal einen Tee. Ich will ihn nicht mehr selber machen, weil jeder Schritt so sehr schmerzt. Wie könnt ihr meinen Schmerz einfach ignorieren? Wo ist euer Mitgefühl? Jede kleine Aufmerksamkeit würde schon durch ihre Ablehnkung helfen.

Und ich denke, muss ich Schmerzen haben, damit die anderen lernen, Mitgefühl zu entwickeln? Darauf habe ich aber keine Lust.

Wut steigt auf und Tränen nach drei Tagen, an denen ich mein Bestes gab, um mich in Luft aufzulösen. Als Antwort kam dann, warum hast du nicht gesagt, dass du einen Tee möchtest?

Und ich frage mich, ob ich meine Kinder falsch erzogen habe? Was habe ich gemacht, als es ihnen schlecht ging? Habe ich sie krank liegen lassen und bin tanzen gegangen oder habe ich versucht, sie zu pflegen und ihnen die Situation so angenehm wie möglich zu machen? Und hatten wir nicht auch dann Spaß zusammen?

Und dann ging es gar nicht mehr um Schmerzen und Mitgefühl, sondern darum, dass ich Vorwürfe machen würde. Es kam nicht an, was ich sagen wollte.

Der Joker wusste das auch und zog deshalb die Waffe und ich blieb einfach still und versuchte darauf zu achten, dass ich nicht in die Opferrolle falle. Ich blieb bei mir und dachte darüber nach, was ich demnächst für mich besser und anders machen kann.

Irgendwann hatte ich mal gelesen, was Buddha über Mitgefühl (nicht Mitleid) sagte und ich erinnere mich ungefähr so:

Die meisten Menschen entwickeln Mitgefühl für andere erst dann, wenn sie selbst einmal in einer sehr schlimmen oder ähnlichen Situation waren.

Einige Menschen spüren Mitgefühl, wenn jemand leidet, den sie persönlich kennen. Ein Familienmitglied oder einen Freund.

Nur sehr wenige Menschen haben auch dann Mitgefühl, wenn andere in der Ferne leiden. Deshalb können Menschen und Tiere in anderen Ländern hungern, leiden und sterben, ohne dass es die Menschheit berührt.

Wir sollten uns daher nicht wundern, wenn es überall immer mehr Joker gibt.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, Monika