Eine Vision wird wahr (22)

Die Australienreise näherte sich langsam ihrem Ende, und gleichzeitig schloß sich ein Kreis.

Mittags kamen wir in Hervey Bay an und blieben diesmal auf einem Big4-Campingplatz. Das sind sehr große Anlagen, die mit mindestens einem Pool, Freizeitanlagen für die ganze Familie und Restaurants ausgestattet sind. Das ganze Gegenteil vom vorherigen Bush-Camping. Da wir uns auf dieser geschäftigen Anlage nicht sehr wohl fühlten, verließ ich mit meiner Tochter den Campingplatz am Nachmittag, um in Ruhe am etwas weiter entfernten Strand zu lesen, zu fotografieren und Muscheln zu sammeln. Ich machte mir Notizen. Je näher die Heimreise heranrückte, desto mehr glitt meine Aufmerksamkeit wieder zum Kopf hin und ich musste daran denken, wie das Leben weitergehen wird.

Tagebuch 27.07.2012:

“Das wunderschöne blaue Meer. Ein weißes Segelboot. Mangroven. Ein Weißkopfadler fliegt über uns. Bunte Papageien, die hinter uns in den Bäumen hocken und sich kreischend unterhalten. Das ist alles, was ich hier wahrnehme. Jetzt ist die Reise bald zu Ende und Wehmut taucht auf. Ich wäre gerne noch länger hier geblieben. Es gibt so viel zu entdecken. Nicht so viel herumfahren. Länger an einem Ort ruhen. Sich vollkommen fallen lassen. Genießen. Es war doch sehr anstrengend, so viel mit dem Auto unterwegs zu sein.

Mein Kleine hat überall Mückenstiche und die Hand ist sehr geschwollen. Ich hatte die gleiche Schwellung am Bein. Ich betrachte sie und denke, wie schnell die Zeit vergeht. Lag sie nicht gerade noch mit einem Strampler im Bett? Was in diesen 15 Jahren alles passiert ist! Mein geliebtes Haus weg. Mein neues Zuhause weg. Der Job weg. Jetzt bin ich ein Nichts mit Nichts. Ich gehöre nirgendwo mehr hin und bald wird auch die Kleine Flügel bekommen und was mache ich dann?”

Für den nächsten Morgen hatten wir eine Fahrt mit dem Katamaran gebucht und freuten uns darauf, eventuell auf Wale zu treffen.

Schon um 5.00 Uhr morgens wurde ich wach, weil A. mühselig und geräuschvoll versuchte, von seinem Liegeplatz oben im Auto, in das Fahrerhaus zu klettern. Als ich ihn müde fragte, was er da macht, antwortete er, dass er sich fertig machen wolle. Er bräuchte 1 ½ Stunden dafür. Auf meine Frage, warum er nicht den Schlüssel nimmt und normal von hinten aussteigt, antwortete er, er hätte nie einen Schlüssel bekommen.

Dabei gaben wir ihm gestern den Schlüssel und wie sich später herausstellte, liess er ihn am Vorabend neben seiner Kaffeetasse an der Spüle liegen. Vehement bestritt er jedoch, jemals einen Schlüssel erhalten zu haben. Nachdem nun alle Lichter an und alle Türen weit offen waren und er auch noch anfing zu lügen, war ich nicht nur endgültig wach, sondern auch total wütend. Ich feuerte ihm seine Kulturtasche hinterher, die er ebenfalls suchte, und dann ließ ich ihn hinaus in die Dunkelheit mit den Worten, er solle bloß verschwinden und nicht wiederkommen.

Leider erfüllte er mir diesen Wunsch nicht und kam schon nach 5 Minuten zurück. Er legte sich wieder in seine Koje. Er wolle jetzt warten, damit wir noch schlafen könnten, antwortet er auf meine Nachfrage. Als ich ihm klar machte, dass wir jetzt sowieso nicht mehr schlafen könnten und er sich in Ruhe fertig machen könne, sagt er, wir sollen ihm nicht vorschreiben, was er zu machen habe und drehte völlig durch. Er wiederholt alles, was zuvor gesagt wurde und ich musste mich sehr beherrschen, um nicht völlig auszurasten, denn schließlich schliefen hier noch alle auf dem eng besiedelten Campingplatz. Ich dachte nur, wie furchtbar das alles ist. Da liegt der Schlüssel, wo er ihn hingelegt hatte, nachdem er ihn von uns erhielt und er redete immer weiter, ohne zuzuhören. Worum es eigentlich ging, wußte er schon lange nicht mehr. Ich beschloss in diesem Moment, ihn auf jeden Fall in Brisbane irgendwo an einem Hotel abzusetzen. Diese Vorstellung beruhigte mich.

Ich konzentrierte mich wieder auf unsere bevorstehende Bootsfahrt, um anschließend mit meiner Tochter die aufregendsten 5 Stunden unserer Reise zu erleben. Vielleicht erinnert ihr euch an meinen Text aus Erste Begegnung mit Yoga (3).  Ich war bei einem Yoga-Retreat und zum ersten Mal in meinem Leben machte ich Yoga. Ich schrieb am 9.04.2010 auf:

“Nachmittags sollten wir für uns fünf wichtige Begriffe notieren und diese anschließend mit Stichworten ergänzen. Meine fünf Begriffe: 

  • Frieden (mit mir, mit der Vergangenheit, mit der Familie, in der Beziehung, im Leben, im Beruf, mit den Menschen, der Umwelt)
  • Freiheit (Bewegungsfreiheit, Zufriedenheit, Unabhängigkeit, Lebensfreude, Glück)
  • Angstfreiheit (Freiheit, Fliegen, Freude, Abenteuer, Reisen, Lust, Leben, Glück)
  • Gesundheit (Zufriedenheit, Mut, Selbstsicherheit, Glück, Stärke, Sport)
  • Energie (Ziele im Leben haben, Geduld, Spaß, Kraft)“

Wie weit entfernt war ich damals von diesen 5 Punkten! Ich steckte fest in einem Job, der an mir zehrte und nichts mehr mit mir zu tun hatte. Steckte in einer Beziehung, die einen Punkt erreichte, da ich nur noch Kummer und Demütigung empfand. Ich konnnte nicht frei atmen, nicht reisen und nicht fliegen. Hatte Ängste, verlassen zu werden und immer öfter kamen wieder die Panikattacken. Auch mein Körper war völlig am Ende und nur noch Schmerz.

Und nun, zwei Jahre später war ich in Australien. Konnte ich vorher nicht von Berlin nach Hamburg fliegen, war ich nun in der Lage, über 20 Stunden in einem Flugzeug zu sitzen und es zu genießen. Ich hatte die Flugangst hinter mich gelassen. Da waren tiefes Durchatmen und Freiheit. Abenteuer und Freude. Reisen. Lust. Leben und Glück. Da waren auch Zufriedenheit und Spaß. Kraft und Mut. Alles, was mich Jahre zuvor einengte, war weggefallen und ich konnte es ziehen lassen. Yoga lehrte mich, bewusst auf das zu schauen, was innen und außen passiert und zu vertrauen. Ja, es schmerzte, aber all das musste gehen, damit sich meine Flügel entfalten konnten. Ich hatte begriffen: wer versucht festzuhalten, kann nicht wachsen.

Aber kommen wir zurück auf das Yoga-Retreat von 2010. Nachdem wir die Notizen über die fünf wichtigen Begriffen gemacht hatten, sollten wir sitzen und meditieren. Bis dato hatte ich noch nie meditiert. Wusste nicht, was das genau bedeutete und so setzte ich mich eben hin und überließ mich dem Moment. Im Tagebuch schrieb ich:

„Bei der anschließenden Meditation hatte ich eine Vision:

Ich dachte an den Vogel, den ich beim Mittagsspaziergang sah und der scheinbar auf einem Zaun saß. Er sah aus der Ferne so lebendig und groß aus wie ein Rabe. Als ich näher herantrat, sah ich, dass er aus Metall oder einem anderen Material gebaut und dort befestigt wurde. 

Und in der Meditation wurde der Vogel plötzlich lebendig. Er konnte sich vom Zaun wegbewegen. Ich war der Vogel, der aus seiner Versteinerung ausbrach und fliegen konnte. Ich flog über die Hügel, über die Burg und über das Meer. Ich sah Delfine und flog immer weiter Richtung Norden, bis ich auch Wale sehen konnte. Es war herrlich. 

Anschließend musste ich weinen. Nein, das ist nicht richtig, es liefen einfach nur Tränen. Ich habe nicht geweint, weil ich gar keinen Grund zum Weinen hatte.  Aber wo kamen dann die Tränen her? Warum kamen sie?“

Warum die Tränen damals liefen, konnte ich erst viel später verstehen. Wie sollte ich dort begreifen, was ich da sah? Woher sollte ich wissen,dass ich nur zwei Jahre später in einem Katamaran an der Küste von Fraser Island entlang fahren würde, um auf die Wale zuzusteuern, die ich vor zwei Jahren aus der Vogelperspektive sah?

Aber so einfach war es dann doch nicht, denn die Wale wollten und wollten nicht kommen. Es war noch recht früh im Jahr. Die Stimmung auf dem Boot wurde immer schlechter und die Mannschaft wollte schon zum Hafen zurückfahren. Ich tat dann etwas, was ich noch nie zuvor in meinem Leben getan hatte. Ich schaute meine Tochter an und sagte zu ihr:

Tagebuch 28.02.2012:

“ Gib mir deine Hände und dann wünschen wir uns gemeinsam von ganzem Herzen, dass sie kommen sollen. Ganz nah und ganz aufregend soll es sein. Erst wollte sie mir ihre Hände nicht geben. Doch dann blickte sie mich an und gab sie mir.“

Dabei blickte sie mich erst fragend an, so als wäre ich nicht mehr richtig im Kopf. Ihre Mutter, die stets rational denkende und immer starke Frau kam hier mit so etwas wie Hokuspokus. Das kannte sie nicht von mir.

Zwischen all den Menschen auf dem Boot setzten wir uns ruhig hin und mit geschlossenen Augen hielten wir uns an den Händen fest. Von ganzem Herzen wünschten wir uns die Wale herbei. Meine Sehnsucht war so unbeschreiblich groß und dann…

Wir hörten aufgeregte Stimmen und dann ganz weit vorne wurden die ersten Wale gesichtet. Die Boote dürfen jedoch nur 100 Meter nah an die Wale heranfahren und müssen dann warten, bis die Tiere sich selbst dem Boot nähern. Also warteten wir und sie kamen näher. Sie kamen zu unserem Boot, nachdem wir symbolisch mit den Armen und Händen über das Wasser fuhren, um sie damit einzuladen.

Sie kamen unter dem Boot von einer Seite hervor, um dann wieder zu verschwinden und von der anderen Seite wieder aufzutauchen. Wir haben vor Begeisterung gerufen und vor Freude geschrien. Wir sind nach links gelaufen, nach rechts gerannt. Sie kamen hoch und sie tauchten wieder ab. Es war ein Jauchzen, ein aufgeregtes Durcheinanderlaufen und eine einzige Freude, die Wale zu suchen und zu schauen, wo sie nun wieder auftauchen würden. Sie haben mit uns gespielt. Sich im Wasser gedreht und uns die schöne weiße Seite ihrer Unterseite gezeigt. Und es schien so, als hätten sie uns mit den Seitenflossen, die hoch aus dem Wasser ragten, zugewinkt.

Und der Geruch. Dieser intensive Geruch nach Fisch, alten Muscheln und Seetang. Nie werde ich diesen extremen Duft vergessen, der ein Gefühl an längst vergangene und vergesse Urzeiten aufkommen ließ. Aus ihren Blaslöchern spritzte das Wasser hoch hinaus und die Sonne sorgte dafür, dass kleine Regenbogen über dem Meer aufleuchteten. Wir wurden nass und unsere Sachen rochen abends noch immer nach den Walen. Ich will sie nicht mehr waschen.

Und dieses Schnaufen. So mächtig und kraftvoll war es zu hören, wenn sie wieder und wieder direkt neben uns mit ihrem Kopf aus dem Wasser hochschossen, um uns zu begrüßen und uns eine Freude zu machen.

Ich habe mich mit Tränen in den Augen bei den Walen dafür bedankt und bei Gott, dass ich das sehen durfte.

Es kamen nun auch Delfine und einige Wale zogen mit ihnen davon. Zwei junge Wale hatten jedoch so viel Freude daran, mit uns zu spielen, dass sie nicht mehr vom Boot abließen. Um die Tiere nicht zu verletzen, konnte der Motor auch nicht gestartet werden und so versuchte man, die Wale mit einem anderen Boot in der Nähe abzulenken. Erst nach einer weiteren Stunde konnten wir zurückfahren. Ich hätte noch ewig dort bleiben können. Hätte mich ins Wasser zu den Walen werfen können.

Und an diesem Abend schlief ich auch mit genau diesem Gedanken ein, dass ich mich zu den Walen ins Wasser fallen lasse.“

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Ich glaube, dass ich in Australien selbst nicht an meine Vision vom Yoga-Retreat dachte. Meine Notizen geben mir jedenfalls keinen Hinweis darauf. Die Tagebücher nahm ich erst wieder zur Hand, als ich Jahre später das Buch schrieb und dann begriff ich den Zusammenhang.

Völlig ahnungslos und ohne Erwartungen versuchte ich in dieser ersten Meditation auf das zu Lauschen, was in mir klang. Die sich in der äußeren Welt bewegende, im Denken verhaftete und stets kämpfende Person blieb für kurze Zeit still.

Gibt es kein Denken, gibt es auch keine Zeit und so konnte ich mich und meine Situation sehen, ohne es anschließend wirklich zu begreifen. Ich war der Vogel, völlig erstarrt vor Angst und unfähig mich zu bewegen. Immer nur vom Gartenzaun aus versteinert auf die Welt blickend. Ich war es, die dann Flügel bekam und frei über den Ozean flog, um Wale und Delfine zu betrachten. Ich sah und erlebte in dieser Vision, was kommen würde und das war es, was die Tränen laufen ließ.

Man könnte auch sagen, ich kam das erste Mal mit mir selbst in Kontakt. Vision und Wirklichkeit verschmolzen in Australien und der Kreis konnte sich schließen. Ich hatte Flügel bekommen, ich war frei.

Ich bin mir sicher, jeder kann frei von Ängsten sein, wenn er es wirklich möchte…