Bhagavad Gita (Der Gesang Gottes)

In meinem letzten Beitrag (Auf der Spur bleiben) hatte ich zwei Bücher erwähnt, die ich mit auf meiner Australienreise hatte. Von diesen beiden möchte ich euch heute die Bhagavad Gita vorstellen. Wer sich nicht nur oberflächlich mit Yoga beschäftigt, stößt unweigerlich auf dieses Werk, da es die spirituelle Grundlage des Yoga ist.

Aber auch für diejenigen, die nichts mit Yoga am Hut haben aber sich für Philosophie interessieren oder auf Gottessuche gegangen sind, ist die Bhagavad Gita ein Muss. Als Gandhi starb, hatte er kein Eigentum. Er besaß nur seine Brille, seinen Baumwollumhang, seine Sandalen und die Bhagavad Gita.

»In der Bhagavadgita finde ich einen Trost, den ich selbst in der Bergpredigt vermisse. Wenn mir manchmal die Enttäuschung ins Antlitz starrt, wenn ich verlassen, keinen Lichtstrahl erblicke, greife ich zur Bhagavadgita. Dann finde ich hier und dort eine Strophe und beginne zu lächeln, inmitten aller Tragödien, und mein Leben ist voll von Tragödien gewesen. Wenn sie alle keine sichtbaren Wunden auf mir hinterlassen haben, verdanke ich dies den Lehren der Gita.« (Mahatma Gandhi)

Ich weiß nicht, ob ich sie deshalb immer auf Reisen dabei habe, aber ich weiß ganz sicher, dass dieses für die Hindus heilige Buch alles enthält, was man über Gott und die Welt wissen muss.

Da ich mit der Kirche nie etwas zu tun hatte, hatte ich die Bibel erst gelesen, als ich in der Türkei mit dem Koran konfrontiert wurde. Um mich herum hieß es dann immer, dieses oder jenes macht man so, weil es im Koran geschrieben steht. Das Verrückte war jedoch, dass kaum einer den Koran gelesen hatte, sondern die Ansagen einfach wiederholt wurden, weil sie so von Mutter, Vater oder Lehrer übernommen worden sind. Es gab aber auch diejenigen, die den Koran auf Arabisch gelesen hatten und aufsagen konnten, aber ihn ebenfalls nicht verstanden haben.

Das hat mich irgendwann so geärgert, dass ich den Koran auf Türkisch und auf Deutsch gleichzeitig gelesen habe, damit man mir hinterher nicht sagen konnte, ich hätte eine schlechte deutsche Übersetzung gelesen. Es würde sich aus dem Koran gar nicht ergeben, dass z.B. Frauen gesellschaftlich weit unter dem Mann stünden und von ihm gemaßregelt werden können usw.

Wie das Alte Testament war der Koran ziemlich blutrünstig und es fiel mir sehr schwer, diese Werke zu Ende zu lesen. Das neue Testament war da schon etwas leichtere Lektüre. Es war trotzdem nicht einfach, aus der Fülle dieser Geschichten die Worte herauszuarbeiten, die Jesus uns hinterlassen hatte. Ein Funke wollte so aus keinem dieser Werke zu mir überspringen.

Es muss von einer kundigen Person erklärt und dann erst kann es verstanden werden, sagten die einen. Man muss daran glauben, sagten die anderen. Ich dachte aber, ein Buch, das als “heilig” bezeichnet wird, muss aus sich heraus in irgendeiner Form auf mich einwirken, und so legte ich die Schriften enttäuscht beiseite, wie zuvor die ältere und neuere philosphische Literatur, die mir immer zu kopflastig war.

Bei der Bhagavad Gita war es jedoch anders. Hier war ich sofort fasziniert und gefesselt, auch wenn ich bis heute sicher nicht alles verstanden habe. Das wirklich Wunderbare ist jedoch, dass ich durch das Lesen der Gita einen Zugang zu Jesu Botschaft fand.

Die Gita zwang mich nicht dazu etwas zu glauben. Die Worte übten keinen Druck auf mich aus, verlangten keine Rituale oder Handlungen und versuchten auch nicht, Angst zu schüren. Sie führten keine Trennung herbei zwischen einem unerreichbaren Gott und dem armseligen Menschen, sondern eine Verschmelzung beider.

Und das ist das Schöne. Es hat mir geholfen, Vertrauen zu mir und zum Leben zu entwickeln und nicht mehr gegen das Leben anzukämpfen, denn ich bin das Leben. Gebe ich mich dem Leben hin, gebe ich mich Gott hin. Und gebe ich mich mit meinen Fragen, Ängsten und meinem ganzen Handeln Gott hin, dann wird alles mit/aus Liebe gemacht und dann kann nichts “Falsches” mehr getan werden. Und das ist auch die Hauptbotschaft dieser Schrift.

Die Gita ist im Original in Gedichtform mit 700 Versen geschrieben worden und ist ein kleiner Auszug aus dem längsten Gedicht der Welt, der Mahabharata, welches aus ca. 106.000 Versen besteht, die sich auf 18 Bücher verteilen. Autor soll der Weise Vyasa gewesen sein. Es handelt sich um ein Epos, in dem die Geschichte Indiens über mehrere Generationen eines Herrschergeschlechts beschrieben wird.

Über das Alter dieser Schriften und die Auslegung wird sehr viel kommentiert und diskutiert, dass ich hier nicht darauf eingehen möchte. Es spielt überhaupt keine Rolle, denn es kommt auf die Wirkung der Worte an, die durchdrungen sind von unerschöpflicher Weisheit.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie man die Gita lesen kann, die hauptsächlich aus einem Dialog zwischen Krishna, dem Lehrer und der Manifestation Gottes und Arjuna, einem Krieger aus der o.g. Herrscherfamilie als seinem Schüler besteht. Arjuna macht sich bereit, um in einen gerechtfertigten Kampf zu ziehen. Auf dem Schlachtfeld, kurz vor dem Angriff kommen ihm Zweifel. Er fängt an zu zittern und kann nicht mehr verstehen, warum er ehemalige Freunde, Onkel und Lehrer, von denen er die Kriegskunst selbst erlernt hatte, bekämpfen und gar töten soll. Sein Mut verlässt ihn völlig und er bricht sogar in Tränen aus. In diesem verzweifelten Zustand fragt er Krishna, die Inkarnation Gottes und Kriegswagenlenker, um Rat.

Man kann nun dem Gespräch folgen und sich vorstellen, man sei der ratsuchende Arjuna und so werden die Antworten von Krishna uns ein wunderbarer Leitfaden für schwierige Situationen und gar Lebenskrisen sein. Außerdem erfährt man auch, wie man sterben sollte und was danach geschieht.

Man könnte die Gita aber auch aus der Sicht des Krishna lesen und verinnerlichen, um etwas noch Wesentlicheres zu erfahren, nämlich die Befreiung und Selbstverwirklichung in diesem Leben.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass man das Gespräch zwischen Krishna und Ajurna als unsere eigenen Gedankendialoge erkennt. Die Namen der Personen in der Gita haben alle eine Bedeutung und dementsprechend handeln sie auch. So spiegeln sie unsere charakteristischen Grundzüge wieder, die uns am geistlichen Fortschritt hindern. So wird aus dieser Geschichte, die sich scheinbar auf dem Schlachtfeld abspielt, ein innerer Kampf, den jeder Mensch mit sich führen muss, wenn er sich spirituell weiterentwickeln möchte. Danach kommt der Feind nicht von außen, sondern liegt in unserem Innern.

Wie immer man die Gita auch lesen mag, man sollte sie mit dem Herzen lesen, dann wird die göttliche Weisheit ihren Weg zu uns finden.

»Ich danke Gott, dass er mich so lange hat leben lassen, um dieses Buch kennenzulernen, das schönste, ja vielleicht das einzige wahrhaft philosophische Gedicht, das alle uns bekannten Literaturen aufzuweisen haben.« (Wilhelm von Humboldt)

»Wie wird doch der, dem dieses Buch durch fleißiges Lesen geläufig geworden ist, von seinem Geiste im Innersten ergriffen. Es ist die belehrendste und erhabenste Lektüre, die auf der Welt möglich ist; sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens sein.« (Arthur Schopenhauer) 

Hinter der engen Komfortzone, geschmiedet von der Angst, liegt die Freiheit. Ich wünsche euch ein wunderschönes und befreiendes Wochenende, Monika