Aufblühen der Angst

Wer jahrelang mit irrationalen Ängsten zu kämpfen hat, bei dem liegt schon eine Konditionierung vor und es ist extrem schwer, wieder angstfrei zu werden. Die Amygdala schaltet dann nicht nur bei uns schon bekannten Situationen, in denen wir einmal Angst hatten auf Alarm, sondern sie ist fast ständig und überall in Alarmbereitschaft. Wir sind dadurch immer angespannt und somit wird die Angst zu unserem ständigen Begleiter. Gnadenlos bestimmt sie über unser Leben. Die Angst vor der Angst gibt uns den Rest, und dann führen wir ein Schattendasein und sehen die Sonnenseiten dieses Lebens nicht mehr.

Aber solange wir vor der Angst davonlaufen, uns zu Hause verstecken oder Medikamente nehmen, so lange werde wir nicht verstehen, was die Angst uns eigentlich sagen möchte. Nur wer seinen ganzen Mut zusammennimmt und in die Angst hineingeht, der wird sie vollends überwinden, da sie sich dann auflösen kann.

In meinem Buch beschreibe ich die Angst als unseren Freund, der etwas zu erzählen hat und dem wir lauschen sollten. Heute stoße ich auf eine andere schöne Beschreibung von Krishnamurti, die ich gerne mit euch teilen möchte und die euch Mut machen soll, der Angst gegenüber zu treten.

Krishnamurti schrieb am 19.07.1961 in Gstaad in einem Brief an Nandini:

“Angst ist zerstörerisch und pervertiert jegliche Wahrnehmung. Sie täuscht uns, trübt das Bewußtsein und nimmt uns unsere Würde. Untersuche die Angst – schau ihr offen ins Gesicht. Versuche nicht, Ausreden zu finden. Geh total hinein. Mache Dir alle Formen Deiner Angst bewußt und wasche sie hinweg. Laß sie nicht eine Minute länger ihr zerstörerisches Werk tun. Unschuld kann nicht existieren, wo Angst, Eifersucht und Verhaftung herrschen. Sei Dir dessen zutiefst bewußt.”

Im gleichen Jahr hielt Krishnamurti in der Rishi-Valley-School Vorträge. Seine letzte Rede hieß “Über das Aufblühen” und ich möchte einige Ausschnitte hier für euch festhalten. Laßt diese Zeilen wirken und meditiert darüber, wenn ihr könnt. Sie enthalten die Lösung für die Befreiung von der Angst.

“Kann Frustration (ihr könnt hier auch statt “Frustration” das Wort Angst, Wut, Depressionen oder Eifersucht, alle Emotionen oder Gedanken einsetzen) aufblühen? Wie muss man fragen, damit Frustration sich entfaltet, zur vollen Blüte gelangt? Nur wenn einem Gedanken gestattet wird, sich voll zu entfalten, kann er sich auf natürliche Weise auflösen. Wie eine Blume im Garten muss der Gedanke blühen können, muss Frucht tragen und dann sterben. Und so, wie man Gedanken erlauben muss, sich zu entfalten, so muss man ihnen auch gestatten zu sterben. Die richtige Frage lautet: Ist es möglich, der Frustration (Angst)so viel Raum zu geben, daß sie aufblühen und verwelken kann?

Schau in den Garten, betrachte dir die Blumen dort! Sie blühen, und nach ein paar Tagen welken sie dahin, das ist ganz natürlich. Und ich sage, man muß auch der Frustration die Freiheit geben, vollständig aufzublühen.

Das “Aufblühen” darf aber nicht als Vorstellung im Verstand hängen bleiben. Der Verstand kümmert sich stets nur um die Symptome, nie um das Wesentliche. Er hat nicht die Freiheit, es wirklich herauszufinden. Er tut genau das, was für ihn charakteristisch ist, indem er sich sagt: Es ist eine gute Idee, ich werde darüber nachdenken, und so ist er verloren, denn er beschäftigt sich nur mit der Vorstellung, nicht mit dem Realen.

Er sagt nicht : Laß es aufblühen und sieh was geschieht.Dann würde er es wirklich herausfinden, aber er sagt: Es ist eine gute Idee, ich muss diese Idee untersuchen.

Kann ich das Symptom sehen, es bis zu seiner Ursache zurückverfolgen und die Ursache sich entfalten lassen? Aber ich will, dass es sich in eine bestimmte Richtung entwickelt, was bedeutet: Ich hab eine Vorstellung davon, auf welche Weise es sich entfalten soll. Können wir das noch ein wenig weiterverfolgen? Kann ich sehen, dass ich die Ursache am Auflbühen hindere, weil ich Angst habe, weil ich nicht weiß, was geschehen wird, wenn ich zum Beispiel meiner Frustration erlaube, aus dem Unbewussten aufzusteigen und Raum einzunehmen? Kann ich mir anschauen, wovor ich Angst habe?  Ich kann sehen, dass kein Aufblühen stattfinden kann, solange die Angst da ist. Also muß ich mich zuerst mit der Angst auseinandersetzen. Nicht, indem ich mich mit meiner Vorstellung davon beschäftige, sondern, indem ich mich mit ihr als Tatsache auseinandersetze. Kann ich also der Angst erlauben, aufzublühen?”

Krishnamurti geht noch weiter und fragt : “Der Angst erlauben, aufzublühen – weißt du, was das bedeutet? Kann ich allem erlauben aufzublühen? Kann ich einfach das, was ist, aufsteigen und sich entfalten lassen?

Habt ihr schon einmal eine Pflanze gezogen? Wie macht man das? Benutze den richtigen Dünger und die richige Saat, bringe sie zur rechten Zeit in die Erde, kümmere dich um den Schößling, achte darauf, daß nichts ihn zerstört, und gib ihm dann die Freiheit zu wachsen. Warum tust du nicht das gleiche mit der Eifersucht (Angst, Wut…)? Das Aufblühen der Gefühle ist nach außen nicht sichtbar wie eine Pflanze, aber es ist noch viel realer als die Pflanze, die du draußen auf dem Feld pflanzt. Weißt du, was Eifersucht ist? Sagst du in dem Moment, in dem du eifersüchtig bist, es ist nur Einbildung? Sie brennt in dir wie ein Höllenfeuer, nicht wahr? Du bist wütend, voller Zorn, warum schaust du es dir nicht an? Nicht rational, nicht als Vorstellung, sondern wirklich. Kannst du das Gefühl aufsteigen lassen, es anschauen und sehen, wie es wächst? So daß jedes Aufblühen zu seiner eigenen Zerstörung führt und deshalb am Ende kein “Ich” übrig ist, das fragen kann, wer die Zerstörung beobachtet?

Nehmt eine Knospe, die an einem Busch wächst. Wenn man sie abknickt, wird sie niemals blühen, sondern schnell absterben. Wenn man sie aber aufblühen läßt, zeigt sie ihre Farbe, ihre feinen Blätter, den Pollenstaub. Sie zeigt uns ihr wahres Gesicht, ohne daß uns jemand sagen muss, sie ist rot, sie ist blau, es ist Pollenstaub. Sie ist da, damit wir sie anschauen können. Wenn ihr eure Eifersucht (Angst)auf die gleiche Weise aufblühen laßt, dann zeigt sie all ihre Farben, alles, was dahintersteckt. Zu sagen, Abhängigkeit ist die Ursache von Eifersucht, ist reines Verbalisieren, aber wenn man der Eifersucht erlaubt, aufzublühen, wird die Tatsache, dass du von etwas abhängig bist, verhaftet bist, zu einer spürbaren Realität, einer emotionalen Realität, nicht zu einer intellektuellen, rationalen Vorstellung. Und so enthüllt jedes Aufblühen die Dinge, die du bisher noch nicht entdeckt hattest, und während jede dieser emotionalen Realitäten sich enhüllt, blüht sie auf, und du kannst dich damit auseinandersetzen. Du läßt sie einfach aufblühen, und sie öffnen andere Türen, bis du dich mit allen auseinandergesetzt hast, und dann verschwinden auch die Ursachen und die Motive. “

Wir wissen, der Samen der Angst ist in uns gelegt. Die Amygdala weist uns ständig darauf hin. Tatsächlich brauchen wir die Angst auch, um uns vor Gefahren zu schützen.

Handelt es sich jedoch um eine irrationale Angst, die uns das Leben zur Hölle macht, dann kommen wir da nur raus,

  • wenn wir lernen, ohne Widerstand zu beobachten,
  • wie aus diesem Samen aufgrund eines Ereignisses oder eines Gedankens,
  • ein Trieb und dann eine Knospe wird,
  • die wir nicht wie gewohnt abbrechen (unterdrücken), weil wir Angst vor der Panik haben,
  • sondern zuschauen, wie sie zu einer wunderschönen Blume wird.

Hierfür brauchen wir ein hohes Maß an innerer Achtsamkeit, die wir mit der Meditation lernen, und wir sollten in der Lage sein, unseren Atem zu kontrollieren, damit er uns nicht fortträgt von diesem Blumengarten in die Hyperventilation und Panik.

Das ist alles! Es ist möglich! Ich wünsche euch ein wunderschönes Wochenende, Monika


7 Gedanken zu “Aufblühen der Angst

  1. Stimmt für mich auch. Wenn das „Ego-Ei“ aufbricht, landet, was bleibt, wo ganz anders. Der Druck wird immer stärker, bis es bricht, das ist teils wirklich schwer auszuhalten. Wenn es passiert ist, wird aber jener Mensch zu einem Spiegel dafür, das andere Menschen ihr wahres Selbst darin erkennen können. Jean Gebser würde es in etwa so sagen; der Mensch bezw. jener Mensch, ist Träger dieser Form des integralen Bewussteins , und gibt dieses wahr ….. Lieben Gruß 🙂

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    1. Liebe Steph, das freut mich, dass dir das jemand mit der Amygdala erklärt hat, weil das so wichtig ist. Wir denken sonst immer, dass wir Schuld daran sind, wenn Angst auftaucht. Aber das geht ganz automatisch, so wie uns das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn wir etwas sehen, was wir gerne essen :-). Es ist ein Schutzmechanismus des Körpers und wer das verstanden hat, der kann ganz anders mit der Angst umgehen. Von diesem Wissen ausgehend, kann man wieder der Beobachter und „Herrscher“ über Körper und Geist werden. Ich sende liebe Grüße, Monika

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  2. Zitiere: …. blüht sie auf, und du kannst dich damit auseinandersetzen.
    —-
    Sich mit etwas auseinandersetzen ist aber doch gleichbedeutend mit einer Lösungsfindung?
    Was ist aber, wenn es keine Lösung gibt für das Objekt der Angst? Löst sie sich dann trotzdem „irgendwann“ auf?
    Oder ändert ihre Form z.B. in Wehmut undTraurigkeit, was es nun erneut gilt zum Aufblühen zu bringen, um auch ihr die Möglichkeit des Sterbens zu geben?

    Auch Dir ein schönes Wochenende liebe Monika.

    PS: Würde gerne Dein Buch kaufen, doch fand nur die Kindleversion. Heisst das, dass es noch nicht in einem Cover aufgelegt wurde?

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  3. Hallo liebe Doris Barbara, ich freue mich über deine Fragen und ich hoffe, ich kann sie so beantworten, dass du damit etwas anfangen kannst. Wie du, habe ich mir früher auch all diese Fragen gestellt, bis ich irgendwann – als Vertrauen da war – einfach gehandelt habe.

    Handeln heißt hier, nicht mehr darüber nachdenken und im Kopf analysieren, sondern es selbst ausprobieren. Die Angst aushalten. Ohne zu denken. Ohne etwas zu wollen oder nicht zu wollen. Schauen, was da wirklich in uns passiert.
    Ich habe mich hingesetzt und der Angst Raum gegeben. Sie durfte anrollen vom Bauch und sie durfte aufsteigen zur Brust und bis zum Hals. Ich habe sie beobachtet, wie sie kommt und welche Gedanken dabei entstehen. Gleichzeitig habe ich mich auf meinen Atem konzentriert, der mein Anker war, so konnte kein Gedankenszenario für die Zukunft entstehen. Es ist nicht leicht. Und ich habe auch geweint. Ich habe gezittert, wollte aufstehen und weglaufen. 30 Jahre konditionierte Angst und dann sitzen bleiben, erfordert Vertrauen, Mut und etwas Übung. Der Drang zu fliehen ist so groß.
    Aber ich wollte der Angst auf den Grund gehen und ich wollte wissen, ob es stimmt, was die großen Weisen sprachen und was ich schon zum Teil erahnen konnte.
    Dann wurde ich wieder ruhiger, weil ich mich vom Kopf weg wieder auf meine Bauchatmung konzentriert habe. Ich habe mich der Angst völlig hingegeben. Wollte lieber sterben, als weiter Angst zu haben. Was ist, wenn ich sterbe? Jetzt hier. Kein Widerstand war mehr da. Meine ganzen Muskeln waren entspannt. Der Atem ruhig. Meditativ. Und die Angst zog einfach weiter und war weg. Hatte keine Power mehr, weil sie auf keinen Widerstand traf. Kein Muskel kämpfte dagegen an. Kein Gedanke machte eine Geschichte daraus.

    Es ist bei allen Emotionen so. Auch bei der Wut oder der Eifersucht. Bei Wehmut und Traurigkeit.Wo kommt das alles her? Es entsteht im Gehirn als ein Gedanke und der Körper reagiert. Er will fortlaufen. Er will wütend herumbrüllen. Er will weinen. Ja, er will sogar leiden, weil er es so gewohnt ist. Selbst dieses Leiden oder die Angst sind uns viel lieber, da vertrauter, als das, was vielleicht dahinter liegt, nämlich die Freiheit von alle dem.

    Wenn das einmal erkannt wurde, dass da niemand ist, der da in unserem Körper sitzt und das alles irgendwie reguliert, sondern dass das Konditionierungen aufgrund unserer Gene, Erziehung oder erlebte Traumata sind, die automatisch ihren Autobahnen folgen, dann kann man das durchbrechen (endgültig auflösen). Man kann das nicht mehr so ernst nehmen. Man wird mehr und mehr zum Beobachter dieser Abläufe und immer freier. Da gibt es nichts mehr zu lösen und zu diskutieren, weil sich schon alles aufgelöst hat.
    Es blüht auf und verschwindet wieder, wenn man im Kopf keine Geschichte daraus macht.

    Ich hoffe, es hilft dir liebe Doris Barbara.

    Das Buch gibt es bei Amazon als Kindleversion und auch als Taschenbuch.
    Liebe Grüße, Monika

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    1. Ja Monika, es hat mir sehr geholfen, denn ich hatte tatsächlich schon wieder vergessen gehabt, dass unser Körper mitsamt dem Gehirn natürlich nichts weiter als eine Maschine/ ein Computer ist. Dieses Wissen ist offensichtlich noch nicht komplett in mein Bewusstsein gedrungen und deshalb meine ich immer wieder noch, dass ICH der Körper bin.
      Bescheidenheit war noch nie meine Stärke und es dauert halt noch ein bisschen, bis ICH mich damit begnüge; „nur“ eine liebende Seele in einem menschlichen Körper zu sein.
      Ich danke Dir für Deine Geduld und drück Dich ganz lieb ❤

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