Erste Schritt in die Freiheit (16)

Als ich nach dem Yoga-Retreat zurück nach Istanbul kam, war erst einmal Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Ich war 50 Jahre alt. Lebte gerade aus dem Koffer. Ich hatte noch ein paar Reserven auf der Bank von meiner letzten Jahresprämie und ansonsten absolut keine materielle Sicherheit mehr. Keine erworbenen Rentenanwartschaften in Deutschland und sehr wenig in der Türkei. Ich wußte sehr wohl, dass außerdem niemand in der Türkei von seiner Rente wirklich leben kann. Einen Versorgungsausgleich und das gemeinsam erbaute Haus hatte ich mit der Trennung verloren. Das war der Preis für die Scheidung und den Frieden für mich und meine Kinder.

Meine wenigen Habseligkeiten hatte ich noch im Haus des Narzissten und mussten dort irgendwann abgeholt werden, sobald ich wieder eine eigene Wohnung hatte. Ging es bei der Scheidung vom Vater meiner Kinder um den Frieden, war es hier wahrscheinlich eher mein Stolz, der mich ein Haus im Süden, das er auf meinen Namen gekauft hatte und all den schönen Schmuck an ihn zurückgeben ließ.

Ich wollte von diesen Menschen nichts zurückbehalten, weil ich nicht das Gefühl haben wollte, dass sie noch in irgendeiner Form Macht über mich besitzen.

Es war klar, es gab kein Zurück und der Blick nach vorne war völlig unbestimmt. Was blieb war nur das Hier und Jetzt, und was ich da sah war, dass ich absolut frei war. Ich bin mir sicher, dass ich das ohne Yoga überhaupt nicht begriffen hätte. Dass ich mich dann womöglich auf die Vergangenheit konzentriert, mich bedauert und auch beschuldigt hätte und mich in Sorgen und sogar Ängsten um die Zukunft verloren hätte. Der Blick auf das was ist wäre mir dann verwehrt geblieben.

Ich hätte sie nicht gesehen und nicht verstanden, die Botschaft der Freiheit, die immer dann über mich hinwegzog, wenn ich mit den Kindern oder meinen Verwandten nachmittags statt im eigenen Garten nun im öffentlichen Park auf der Decke saß und mich des Lebens freute. Der Atatürk Flughafen war nicht weit entfernt und es war für mich ein sehr aufregendes Spektakel, die Flugzeuge von unten zu betrachten, wenn sie zur Landung ziemlich nah über uns hinwegflogen. Wir versuchten die Airline zu erkennen, die oft auf dem Bauch des Flugzeug stand und wie ein Kind jubelte ich und rief, da kommt wieder eine Maschine und je größer sie war, desto mehr Gänsehaut bekam ich.

Es war Mitte Mai 2012 und als die Flugzeuge wieder über uns hinwegdonnerten, war sie plötzlich da, die alles entscheidende Frage: Was hast du jetzt eigentlich noch zu verlieren? Es gab keine Ausreden, keine Bindungen und somit auch kein Festhalten, keine Hoffnungen und keine Verpflichtungen mehr. Und die Antwort kam prompt: Du kannst jetzt deine Angst loslassen und fliegen und frei sein.

Nach über zwanzig Jahren panischer Flugangst war das keine Antwort, die ich erwartet hatte. Aber im gleichen Moment, wo sie mir erschien, wusste ich, dass es wahr ist.

Aus Flugangst, die ja wie alle Ängste nichts anderes als Todesangst war, wurde plötzlich Aufregung und Abenteuerlust. Vielleicht könnt ihr euch das so vorstellen, es ist ein Gefühl, wie Achterbahn fahren oder in die Geisterbahn steigen. Freude und Angst gemischt ergeben einen Cocktail, der uns unheimlich lebendig macht.

Sofort schrieb ich spontan an meine Freundin in Australien. Sie war früher meine beste Freundin und als Kinder spielten wir auf der Straße oder im Park. Als wir älter wurden, zogen wir gemeinsam durch die Discos von Berlin. Wir teilten unseren Kummer und sahen uns in Beziehungen treten und diese wieder verlassen. Später wanderte sie aus und zog mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern nach Australien. Ich zog in die Türkei und aufgrund meiner Flugangst konnte ich sie nie besuchen. Nun nach über zwanzig Jahren eine Nachricht von mir zu bekommen, dass ich zu ihr kommen möchte, hat sie ziemlich umgehauen.

Man könnte hier einwenden (und sicher hätte ich das selbst noch vor einiger Zeit getan), dass ich doch verrückt oder es sogar unverantwortlich sei, in dieser unsicheren Situation das letzte Geld für eine Reise zu verprassen. Aber ich kann Euch versichern, es war das Allerbeste, was ich machen konnte. Es war nach allem, was ich mit Hilfe von Yoga gelernt hatte, der eigene erste große Schritt weg von der Angst in die Freiheit. Ein Sprung ins Ungewisse. Ab dem Moment, als ich den Flug für mich und meine Kleine (die Große arbeitete neben dem Studium und konnte nicht mitkommen) gebucht hatte, fing ich regelrecht an zu vibrieren. Ab diesem Tag bis zum Abflug fühlte ich mich so, als würde ich dauerhaft in der Schlange vor der Achterbahn mit doppeltem Looping stehen mit dem Wissen, dass es gleich losgehen würde.

Wir hatten kaum etwas zu packen und wußten auch gar nicht, was wir in Australien brauchen würden. Sollte etwas fehlen, müssten wir es vor Ort besorgen. Ich hatte auch nicht viel über Australien gelesen, worüber ich sehr froh bin, denn hätte ich gewußt, wieviel Gefahren dort lauern können, hätte ich mich vielleicht nicht auf die Schönheiten dieses Landes konzentrieren können. Meine Freundin organisierte inzwischen das Wohnmobil, mit dem wir 6 Wochen lang durch Australien reisen sollten.

Mitte Juni war es dann schon soweit. Unser erster Langstreckenflug. Noch vor kurzem konnte ich nicht einmal von Istanbul nach Berlin fliegen. All die Jahre musste meine Familie wegen meiner Flugangst mit dem Auto über den gefährlichen Autoput nach Deutschland und zurück fahren, und nun stieg ich ins Flugzeug, das mich über 20 Stunden in der Luft halten sollte! Niemals hätte ich mir das zuvor vorstellen können.

Es war unbeschreiblich schön. Anstatt mit meinen Gedanken in der Angst gefangen zu sein, was alles passieren könnte, fühlte ich mich so frei und schwerelos. Früher gab es nie Vertrauen und Hingabe, und das war der Unterschied. Hier wusste ich einfach, dass alles gut war, egal, was auch passiert. Und ich sah mir in diesem riesengroßen Flieger alle Kinofilme an, die ich über Jahrzehnte im Ausland nie sehen konnte. Wir flogen mit Emirates und es gab ständig irgendetwas zu essen. Ich glaube, wir haben während des Fluges mindestens 2-3 Kilo zugenommen. Wir flogen über den nicht enden wollenden Ozean und die Kleine schlief entspannt neben mir. Ich schaute aus dem Fenster. Vor mir und unter mir nur Dunkelheit und ab und zu ein leichtes Vibrieren der Maschine. Dann schloss auch ich die Augen, es gab nur Dankbarkeit und Freude. Keine Angst.

Als wir in Brisbane landeten und von meiner Freundin abgeholt wurden, fühlte ich mich, als hätte ich Drogen genommen. Ich konnte es nicht glauben, dass ich jetzt in Australien war. Ich dachte, ich wäre in einem Film. Und ich war noch nicht ganz vom Fluggelände runter, da sah ich auch den Namen der Firma in großen Buchstaben auf zwei Containern an mir vorbeifahren, für die der Narzisst arbeitete. Auch hier werde ich mich wohl noch mit ihm gedanklich herumplagen müssen, dachte ich.

Ich glaube, kaum jemand kann sich vorstellen, was für ein Gefühl das ist, sich plötzlich nach so vielen Ängsten frei zu fühlen. Wenn die Gitter der Angst in unserem Gehirn gesprengt und einem die Welt in einem ganz neuem Licht erscheint. Da ist zwar alles, was ich für so wichtig hielt, weggebrochen, aber gleichzeitig hat dieser Verlust Platz für die Freiheit geschaffen.

Das war nicht nur eine normale Reise für mich, es war der Anfang für ein anderes Leben. Auch meine Freundin konnte das sicher nicht verstehen, denn sie kannte keine Angst. Sie war diejenige, die in die Ferne zog, im Busch lebte, sich nur zum Spaß mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug fallen ließ und immer mit dem eigenen Motorrad unterwegs war. Ich war die, die immer grübelte und sie war die, die einfach sprang.

Wir kamen aus dem warmen türkischen Sommer und in Australien war es Winter. Zwar war es nicht kalt, aber kühler als in der Türkei und nachts ziemlich feucht. Wir froren und das – und vielleicht auch weil wir im Flugzeug so verwöhnt wurden – war wohl der Grund, warum wir die ersten Tage solch einen riesengroßen Hunger hatten.

Meine Freundin lebt südlich von Brisbane auf einem riesengroßen Grundstück am Rand des Buschs. Es gibt sogar einen kleinen See, der die Grenze zum Nachbargrundstück markiert und am anderen Ende fließt ein Fluß. Bis auf die Eukalyptusbäume, die ich auch aus der Türkei kenne, waren mir fast alle Pflanzen fremd. Allerdings waren diese Eukalyptusbäume so hoch gewachsen, dass ich, als ich unter ihnen stand, deren Krone nicht erkennen konnte. Meine Freundin empfahl mir, nicht zu nah unter diese Riesen zu laufen, da sie auch den Namen “Widowmaker” trugen. Warum, konnte ich gut auf ihrem Grundstück erkennen, denn die großen Äste dieses Baumes können sehr schnell abbrechen, und dann bohren sie sich wie eine Speerspitze in die Erde. Viele Menschen wurden wohl auf diese Art und Weise schon aufgespießt.

Aber nicht nur die Pflanzen, auch die Tiere, die ich allein vor ihrer Haustür sah, kamen mir vor wie kleine Wunder. Ich lernte wieder Staunen wie ein Kind.

Wir planten in Ruhe einige Tage unsere Reiseroute, und alles, was uns noch fehlte, wie feste Wanderschuhe, Sonnenhut und warme Jacken, besorgten wir uns vor Ort. Auch packte meine Freundin aus ihrem eigenen Vorrat für die kalten Nächte in der Wüste gestrickte Hosen und warme Mützen und Handschuhe für uns ein.

Anschließend verbrachten wir noch einige Tage in ihrer Umgebung, machten schöne Ausflüge und lernten dort ihr Umfeld und die Menschen kennen, mit denen sie im Alltag zu tun hatte.

Dann war es endlich soweit. Wir besuchten ihre inzwischen erwachsen gewordenen Söhne in Brisbane und flogen anschließend von dort aus nach Darwin in den Norden von Australien, wo das Wohnmobil, unser vorübergehendes Zuhause, auf uns wartete. Unser gemeinsames Abenteuer konnte beginnen.