Retreat mit Ritualen (15)

Ich war, für mich auch völlig unverständlich, wahrscheinlich in der schlimmsten Existenzkrise meines Lebens und absolut entspannt. Erst Ende März habe ich mich getrennt und schon am 12.05.2012 steht in meinem Tagebuch:

“Ich kann es nicht glauben. Mir geht es richtig gut. Und das liegt an der Aufmerksamkeit von A. und Yoga. Habe ich nicht gerade alles verloren? Sollte ich nicht voller Sorge sein, wie alles weitergeht? Aber nein, ich bin total happy.”

Diese Zeilen schrieb ich, nachdem ich zum zweiten Mal innerhalb von zwei Jahren an einem Yoga-Retreat teilnahm. Unsere Yoga-Lehrerin war inzwischen in einer glücklichen Beziehung und schwanger, und es war eine Freude, sie in diesem Zustand bei ihrer Arbeit zu beobachten.

Auch ich hatte mich verändert. Yoga wurde zum festen Bestandteil meines Lebens und ich war inzwischen selbst Yoga-Lehrerin. Während ich auf der Yoga-Matte immer mehr verwurzelte und zum Beobachter wurde, wuchs mein Vertrauen in dieses Leben. Aber wie ist das denn möglich? Es gab doch gleichzeitig außerhalb meiner Yoga-Matte in dieser kurzen Zeit so viel extreme und schmerzhafte Veränderung und zu allem Überfluss ging auch meine ganze materielle Welt den Bach runter!

Ja, das ist wirklich das Verrückte an der ganzen Sache, und ich habe keine Ahnung, wie das funktioniert. Das müssen wir wahrscheinlich auch gar nicht wissen und es gibt nichts zu tun. Es geschieht einfach, wenn – und das ist meiner Meinung nach die einzige Voraussetzung – der ernsthafte Wille wirklich da ist.

In den letzten Wochen vor dem Retreat gab ich hier und dort privat kostenlos Yoga-Unterricht, um zu lernen und zu teilen. Allerdings war ich selbst mit mir noch nicht im Reinen und konnte und wollte daher noch nicht professionell unterrichten. Die Sache war irgendwie noch nicht rund. Hatte ich doch selbst noch mit eigenen Veränderungen zu kämpfen und keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Aus diesem Grund entschied ich mich für ein weiteres Retreat.

Wie auch beim letzten Mal sollten wir in der ersten gemeinsamen Meditation alles notieren, was uns in den Sinn kam. Wer die letzten Beiträge zum Yogaweg gelesen hat, der erinnert sich vielleicht. Damals waren es die Wale, die ich von oben im Ozean unter mir schwimmen sah. Und diese Vision war so echt, als würde ich es tatsächlich erleben. Es war so wunderschön und auch befreiend, dass mir dabei die Tränen liefen. Die Wale waren nicht vergessen, aber ich konnte ihnen noch immer keine besondere Bedeutung geben. Wie sollte ich auch. Ich konnte ja da noch gar nicht wissen, dass mich in Kürze die Flugangst verlassen und ich bis nach Australien fliegen sollte.

Auch diesmal schrieb ich alles auf und auch diesmal kamen wieder die Tränen. Es war jedesmal so, als könnte ich ganz tief in mich hineinblicken und schon Dinge erkennen, die ich überhaupt noch nicht wissen kann.

Tagebuch : 6.5.2012

“Wie immer bei Julia, am Anfang die Notizen. Was geht uns bei der ersten morgendlichen Meditation durch den Kopf?

Worte: LOSLASSEN (alle Beziehungen)

Bilder: DER GELIEBTE

Erinnerungen: WORTE DER LIEBE

Zukunft: YOGASCHULE. SCHREIBEN.“

Dass meine Gedanken und Gefühle sich um den Geliebten drehen werden, war mir klar. War er doch der Funke, der eine unbeschreibliche Leidenschaft und Liebe auflodern ließ und das Feuer, welches anschließend alles in Schutt und Asche brannte.

Aber wo kam das mit der Yogaschule und dem Schreiben her? Und es stehen nicht nur die Worte auf dem Papier. Ich zeichnete ein Notebook und in diesem stand das Wort: Schreiben. Ich malte ein Haus und in diesem stand: Yogaschule.

Nie zuvor hatte ich für meine Zukunft solche klaren Vorstellungen. Wo kam das her und woher sollte eine Schule kommen, von welchem Geld? Und Schreiben? Ich habe noch nie geschrieben und die Tagebücher waren für mich nur Notizbücher, um Gedanken aus dem Kopf zu kriegen oder oft auch aus Gründen der Einsamkeit. Und vor allen Dingen, worüber sollte ich etwas schreiben? Was hatte ich denn zu erzählen? Und wer erzählt, der muss doch auch eine Begabung zum Schreiben haben, oder? Das wäre mir aber aufgefallen. Und überhaupt, die deutsche Sprache habe ich durch meinen langen Aufenthalt im Ausland doch schon fast verloren. Oft fallen mir nicht mal die deutschen Wörter ein, wenn ich mich auf Deutsch unterhalte. Und auf Türkisch? Nein, dafür reicht der Wortschatz nicht. Aus dem Herzen schreiben kann man sicher nur in seiner Muttersprache.

Aber was soll ich sagen, ihr seht ja selbst, ich schreibe, weil ich teilen möchte, und ein Buch wurde auch geschrieben. Auch ein Yoga-Studio wartete schon auf mich. Es existierte und lag im Schlaf. Mitten in Istanbul wurde es mit großem Aufwand und Liebe gebaut und noch war es ohne Leben. Aber springen wir nicht zu weit, hier beim Retreat wusste ich ja noch nicht einmal, wo ich demnächst wohnen würde, geschweige denn, dass um die Ecke der neuen Wohnung eine Aufgabe auf mich wartete.

Es ist ein Wunder, und zu den wichtigsten Dingen, über die ich schreiben möchte, bin ich fast noch gar nicht gekommen, denn Ihr sollt verstehen und langsam mitreisen können. Das ist mir sehr wichtig. Es geht hier nicht darum, dass mir etwas Wunderbares passierte, sondern dass alles Schöne schon immer da ist und zwar für jeden von uns.

Im Retreat wurden neben den anstrengenden Yoga-Übungen wieder Rituale durchgeführt. Als sich an einem Tag alles um das Element Erde drehte, wurden alle Wünsche wieder auf einem Zettel notiert und zum Beet getragen, wo sie symbolisch der Erde übergeben und zum Wachsen und Gedeihen freigegeben wurden. Diesmal schon mutiger stand nicht nur auf dem Zettel, dass ich die Angst loswerden möchte, sondern auch die Worte: Abenteuer, Fliegen und Freiheit.

Wir leben nicht in einer Zeit, in der wir mit Ritualen groß werden. Ich jedenfalls habe in meinem ganzen Leben – außer an diesen zwei Retreats – noch an keinem Ritual (auch keinen kirchlichen o.a.) teilgenommen. So etwas war mir fremd und es war daher nur normal, dass ich immer eine gewisse Scheu und Skepsis hatte. Auch bei diesem Yoga-Retreat ging ich ganz vorsichtig an diese Zeremonien – andere würden sagen Theater – heran. Aber ich war trotzdem bereit mich darauf einzulassen. Dafür war ich ja gekommen und so durfte ich die Kraft solcher Sitzungen mit voller Wucht erleben.

Als es um das Element Wasser ging, sitzt mir eine noch fremde Person aus dem Kurs gegenüber und schöpft mit einem Löffel Wasser aus einer Schale. Dieses Wasser gießt sie fünf mal in meine offenen Hände, und ich

reinige damit meine Augen – damit ich die Wahrheit sehen kann,

reinige damit meine Nase – damit ich die wahren Gerüche aufnehmen kann

reinige damit meinen Mund – damit wahre Worte gesprochen werden können

reinige damit meine Ohren – damit ich die Wahrheit hören kann

reinige damit mein Herz – damit ich die Wahrheit fühlen kann.

Als ich mit den feuchten Händen meine Augen berührte, war ich ganz bei meiner Liebe zum Narzissten und wusste im gleichen Augenblick, er kann nie jemanden lieben. Auch mich nicht. Ich sah und konnte es nicht mehr leugnen und die Tränen liefen, erst ganz vorsichtig und dann unaufhaltsam, bis zum Ende der ganzen Zeremonie.

Als das Wasser in meinen Händen meine Nase berührte, fiel mir auf, dass er nie einen eigenen Duft hatte. Es gab immer nur den Duft des Aftershaves, aber er selbst hatte keinen eigenen Körpergeruch. Wie kann ein Mensch keinen eigenen Duft haben?

Das Wasser berührte meinen Mund und ich begriff, dass Worte nichts wert sind. Alles, was aus seinem Mund kam, war nicht die Wahrheit. Und alles was ich hörte somit auch nicht wahr.

Als das Herz das alles begriff, war der Schmerz so stark wie schon lange nicht mehr, aber es verstand und konnte nun endgültig loslassen.

Es ist nur logisch, dass ich am nächsten Tag beim Thema Feuer einen Zettel in die Flammen warf, auf dem sein Name stand.

Tagebuch 9.5.2012:

Ich stand am Feuer und war sehr ernst und traurig. Ganz aufmerksam habe ich zugeschaut, wie die Flammen das Papier verschlangen. Geweint habe ich nicht. Es war in Ordnung.

Als ich anschließend G. (der Inhaberin der Anlage) erzählte, was in den letzten zwei Jahren nach dem ersten Retreat alles passierte, schenkte sie mir wieder ein Buch: ”Der russische Geliebte”. Ich lese, es gibt ein russisches Sprichtwort: “Derjenige liebt wirklich, der nicht weiß, warum”. Dieser Satz haut mich um. So würde ich meine Liebe zu diesem Mann beschreiben. Ich hatte mich nicht immer wohl mit ihm gefühlt aber total lebendig.

Am nächsten Tag, dem Tag des Herzens, konnte ich alle Übungen voller Freude mitmachen. Übungen, die die Herzgegend öffneten und symbolisierten, dass wir für alles neue offen und dankbar sind. Der Eintrag am letzten Tag zeigt, wie sehr diese Woche mich beeinflusste.

Tagebuch 12.05.2012:

“Ich sitze auf der Terrasse, schaue wieder auf die Burg und das Meer. Die Luft riecht feucht und von weit hinten hört man es donnern. Bald wird es wohl regnen. Herrlich, ich liebe wildes und stürmisches Wetter. Mein Gott, was alles in mir steckt. So viel Lust und Wildheit. Soviel Neugierde. Ich muss dankbar dafür sein, dass ich das alles erleben darf. Wie einfach und schön alles sein kann. Was noch alles kommen kann. Der Wind nimmt zu. Die Wolken werden dunkler. Noch scheint die Sonne über mir, aber die dunkle Wolkendecke bewegt sich immer schneller. Ich bin so glücklich und zufrieden.”

Zum Retreat hatte ich mir ein Buch von Mahatma Gandhi mitgenommen. Im Tagebuch hatte ich mir am 7.5.2012 ein Zitat von ihm notiert:

“Von der Macht des Gebets

Wir sollten von Tag zu Tag zufriedener werden und eine größere geistige Ruhe erleben. Wenn wir diese Erfahrung nicht machen, dann liegt der Fehler nicht im Wort des Gebets, sondern in einer gewissen Unwahrhaftigkeit in uns selbst.”

Wahrhaftigkeit ist das ernsthafte Streben nach der Wahrheit. Ich hatte das Gefühl, diese Worte verstanden zu haben. Ist es nicht genau das, was ich in den letzten zwei Jahren mit Hilfe der Yoga-Sutras des Patanjali getan hatte: am Ball bleiben, üben, üben, üben, sich nicht vom Weg nach innen abbringen lassen, sich selbst gegenüber ehrlich und treu bleiben und vertrauen?

Alles, was ich mit Yoga bisher erleben durfte und dieses Zitat von Gandhi lösten in mir den tiefen Wunsch aus, zu verstehen, was mit dieser “Wahrheit” und der immer wieder zitierten “höheren Wahrheit” gemeint ist. Und wird der Mensch dann mit dem Erkennen zur Weisheit gelangen? In dem Wort Weisheit steckt das Wort Wissen, und doch scheint es so, als hätte es mit dem Wissen, so wie wir es kennen, überhaupt nichts zu tun. Es scheint sogar genau das Gegenteil von Wissen zu sein. Es war mir alles noch ein Rätsel.

Ich wünsche Euch ein schönes Wochenende :-), Monika