Ist Angst ansteckend?

Dieser Beitrag ist für K. Als ich die Nachricht gelesen habe, sind mir zwei Ereignisse eingefallen, die ich hier wiedergeben möchte. Vielleicht beantworten sie einige Fragen.

Eine Mutter leidet unter Ängsten. Somit ist sie bei allem, was geschieht, in Sorge um ihr eigenes und das Leben ihrer Kinder. Man nennt diese Menschen auch Bedenkenträger. Als Kind fällt einem das nicht weiter auf, aber plötzlich taucht die erste Panikattacke bei dem einen Kind (inzwischen erwachsen) und dann bei dem anderen in Form von Verhaltensstörungen auf.

Das eine Kind entfernt sich räumlich von der Geburtsstadt und hat aus diesem Grund nur noch sehr wenig Kontakt mit der Familie. Es hat immer wieder mit Panikattacken zu kämpfen, diese werden aber von den neuen Lebensumständen, wie extreme Wirtschaftskrisen, Erdbeben und Eheproblemen in einer fremden Kultur von realen Ängsten verdrängt. Irgendwann stellt sich dieses Kind seinen Ängsten und bewältigt sie mit Hilfe von Yoga.

Das andere Kind lebt weiterhin in der gleichen Stadt wie die Mutter, und sie haben einigermaßen regelmäßig Kontakt.

Viele Jahre vergehen und der ausgeflogene Vogel kommt zu Besuch in die Heimatstadt und trifft die Familie.

  1. Angst steckt an

Man trifft sich für eine gemütliche Kaffeerunde bei der Mutter. Bevor das eine Kind kommt, erklärt die Mutter dem lange im Ausland lebendem, dass es das andere nicht nach der Gesundheit fragen soll. Es würde furchtbar leiden und wäre sehr krank und es solle durch diese Fragerei nicht noch mehr aufgeregt werden. Es hört sich so an, als läge es schon fast im Sterben. Als dann das so kranke Kind fröhlich hinzukommt, wundert sich das andere über diesen Eindruck. Freut sich aber, dass es wohl doch nicht so schlimm ist und die Mutter mal wieder übertrieben hat. Trotzdem hält es sich an das Gebot der Mutter, da es deren Wohnung ist und der erste Eindruck ja täuschen kann. Alle Antennen stehen jedoch auf Achtung.

Es wird beschlossen, abends draußen zu essen, damit die Mutter nicht immer den ganzen Aufwand zu Hause hat. Auf der Suche nach einem Restaurant in der Nähe der Wohnung kommt es zu dramatischen Szenen. Das eine Kind ist nicht in der Lage, ein Restaurant zu betreten. Es findet stets irgendwelche Ausreden, und die anderen beiden finden liebevoll Gegenargumente, warum man doch in dieses oder jenes Lokal gehen könnte. Irgendwann spürt es dann, dass es die anderen mit den aufgeführten Gründen nicht überzeugen kann und bricht in Tränen aus. Mit angsterfüllten großen Augen dreht es sich um und läuft panisch in Richtung nach Hause davon.

Die Mutter hat der emotionale Ausbruch auch sehr mitgenommen. Wieder zu Hause, sitzt sie mit hochrotem Kopf auf dem Sofa und muss sich erst einmal lange beruhigen. Dabei ist sie aber noch in der Lage, auf das ängstliche Kind tröstend einzureden, während das andere das alles aus einer gewissen Distanz und mit Befremden beobachtet.

Dabei erkennt es das eigene Verhaltensmuster der aufsteigenden Panikattacke und versucht, mit den anderen beiden darüber zu sprechen, damit sie ebenfalls erkennen und aus dieser Angstspirale heraustreten können. An Bewältigung ist jedoch niemand interessiert. Vielmehr möchte man schnell vergessen und verdrängen. Es wird daher über etwas anderes geredet, gespielt und gelacht. Spät abends geht man fröhlich auseinander und es ist, als wäre nichts geschehen.

Was das ängstliche Kind zu Hause macht weiß niemand. Aber das andere Kind geht in die für die Zeit des Aufenthalts gemietete Wohnung und erlebt in dieser Nacht seit vielen Jahren das erst mal wieder eine Panikattacke. Das Erlebnis mit der Familie hat die alten erlernten Konditionierungen wieder in Gang gesetzt. Diese Attacke war so heftig, dass sie sehr lange Atemübungen machen musste, bevor sie sich soweit beruhigte, dass sie schlafen gehen konnte.

Ihre letzten Gedanken vor dem Einschlafen waren: Wahrscheinlich kann ich froh sein, dass ich über all die Jahre diese räumliche Distanz hatte, sonst würde ich noch heute keinen Fuß vor die Tür setzen können. Gut war es sicher auch für meine Kinder, die solche Szenen nicht erleben und solches Verhalten nicht erlernen mussten. Denn eins ist klar, Angst ist ansteckend.

Angst muss ansteckend sein,

damit sie uns warnen und unser Leben retten kann. Bei der realen Angst ist das ein sehr wichtiger Faktor. In einer tatsächlichen Gefahrensituation sorgen die auftretenden Symptome (schnelleres Atmen, größere Aufnahme von Sauerstoff für die Versorgung der Muskeln …) der Angst nicht nur dafür, dass wir Energie für eine mögliche Flucht oder einen Kampf erhalten, sondern auch dafür, dass alle anderen um uns herum die Angst des anderen und somit die Gefahr wahrnehmen. Der Gesichtsausdruck, der Körpergeruch und die ganze Körperhaltung des Ängstlichen sind auch für die anderen ein Warnsignal und sorgen dafür, dass diese auf die Gefahr hingewiesen werden.

Warum passiert das aber auch bei der irrealen Angst? Hierzu muss man wissen, dass unser Gehirn reale und irreale Angst am Anfang erst einmal nicht unterscheidet. Wann Angst auftritt, wird nicht vom rationalen Teil unseres Gehirns entschieden, sondern von der Amygdala (Mandelkern). Diese reagiert, sobald sie eine Gefahr für Leib und Leben vermutet, und sie ist lernfähig. Das heißt, sobald ihr bestimmte Situationen bekannt vorkommen, weil wir oder jemand anderes (Mutter) da schon einmal Angst hatten – auch wenn es eine irrationale Angst war -, schlägt sie Alarm und setzt so im Eiltempo die körperlichen Symptome der Angst in Gang. Das geht so schnell, dass wir das bewusst überhaupt nicht mitbekommen. Das ist ein Automatismus, um unser Leben zu retten!

Entscheidend ist nun, wie nach einigen Sekunden der rationale Teil unseres Gehirns damit umgeht, wenn erkannt wird, dass gar keine Gefahr vorliegt. Normalerweise würde dann sofort Entspannung eintreten, nachdem der Irrtum erkannt wird und das Hochfahren des ganzen Angstapparates würde gestoppt werden.

Bei Menschen mit angelernten Ängsten funktioniert das so aber nicht mehr. Ich kann das nicht alles wiederholen, was ich ausführlich im Buch beschrieben habe, aber kurz zusammengefasst kann man sagen, dass es eine so feste Konditionierung in unserem Gehirn gibt, dass wir nicht mehr in der Lage sind, mit unserer Ratio diese Angstmaschinerie zu unterbrechen. So gehen die schnelle Einatmung und der Aufbau des Adrenalins immer weiter, weil ein Film von Gedanken im Kopf konstruiert wird, obwohl da nichts und niemand ist, dem man diese Energie entgegenbringen könnte.

Das, was ist und das, was sich in unserem Gehirn abspielt (der Angstfilm) sind nicht auf der gleichen Zeitschiene. Im Hier und Jetzt ist alles in Ordnung, aber im Kopf läuft ein auf die Zukunft gerichtetes Horrorszenario ab, was mit dem, was ist überhaupt nichts zu tun hat.

Je öfter das so geschieht, desto fester wird die Konditionierung, und selbst nach langen Jahren der Angstbewältigung kann man wieder rückfällig werden. Es ist wie bei einem Drogensüchtigen oder Alkoholiker. Das haben wir erst einmal nicht unter Kontrolle. Weil wir das aber nicht wollen, entsteht die Angst vor der Angst und wir schaffen uns eine Komfortzone, die immer enger wird, und das Leben da draußen geschieht dann praktisch ohne uns.

Ich bin da rausgekommen, indem ich mit Hilfe von Yoga/Meditation diesen Ablauf der Konditionierung erkannt, akzeptiert und so davon Abstand bekommen habe. Mit Hilfe von Körper-, Atemübungen und Meditation war ich in der Lage, die Angst, wann immer sie wollte, aufkommen zu lassen (das entscheidet ja sowieso die Amygdala, wann das passiert) und mir dessen auch absolut bewusst zu sein, dass Angst da ist. Sie beginnt bei mir im Bauch und steigt dann langsam auf. Dann konzentriere ich mich auf die Situation und auf meinen Atem und lasse die Angst durch mich hindurchziehen, wie jede andere Emotion auch, ohne den Film im Kopf entstehen zu lassen, was jetzt alles passieren könnte. Wenn die Angst ganz ohne Widerstand sein darf, kann sie nicht an Macht und Größe gewinnen und es kann sich keine Panikattacke entwickeln.

Die Lösung war für mich nicht, wie werde ich die Angst los, sondern was will die Angst mir sagen und wie gehe ich mit ihr um. Ich bewerte sie nicht mehr als etwas Schlechtes, etwas, was ich nicht haben will. Alles darf sein. Das ist nicht immer so einfach, aber es funktioniert, wenn Vertrauen da ist. Und das Vertrauen kam mit der Meditation und dem Gefühl, in Kontakt mit mir zu sein.

Ist das Vertrauen gewachsen, kommt vielleicht der Zeitpunkt, an dem man bereit ist, der Angst und somit dem Tod – denn unsere Angst ist ja nichts anderes als die permanente Todesangst – direkt ins Auge zu sehen. Dies geschieht durch die absolute Hingabe an alles, was hier und jetzt ist. Selbst wenn es der eigene Tod sein sollte.

Wenn uns diese Hingabe – am besten in dem Moment, wo wir die Angst spüren – gelingt, wird es bald keinen Grund mehr für das Auftauchen der Angst geben, denn es wird erkannt, dass hinter der Angst nur Liebe ist.

  1. Der Spiegel

Bei einem anderen Besuch in der Heimatstadt trat das eine Kind an das andere heran uns sagte, “Kannst du nicht mit unserer Mutter sprechen und ihr sagen, sie soll mich nicht wie ein kleines ängstliches Kind behandeln? Dieses Verhalten macht mich fertig”.

Und als das gehört wurde, tauchten beim anderen Kind Erinnerungen auf. Das Verhalten und das Gespräch der Mutter beim letzten gemeinsamen Treffen in ihrer Wohnung, bevor das andere Kind dazukam und ihre Bitte, dieses nicht auf die Gesundheit anzusprechen und es nicht zu belasten, da es so krank sei.

Es fiel ihm die Szene vor dem Restaurant ein, die vor Panik weit aufgerissenen Augen, nur weil man eine Pizza essen wollte und die anschließend roten Wangen der Mutter, als man wieder in der Wohnung war.

Wenn man noch nicht erkannt hat, dass alles, was wir wahrnehmen immer eine Spiegelung unseres eigenen Wesens ist, so ist es hier sehr deutlich zu erkennen.

Wie kann eine Mutter, die ihr Kind liebt und selber voller Ängste ist, sich nicht um das eigene Kind Sorgen machen, wenn es ständig Angst und Panik zeigt? Die Mutter kann dem Kind nur dann helfen, wenn sie ihre eigenen Ängste bewältigt und nicht noch ihre eigenen Ängste auf das Kind überträgt.

Als sie zu dem einen Kind sagte, es solle das andere nicht auf die Gesundheit ansprechen, war die Mutter eigentlich nicht mit dem kranken Kind, sondern mit ihren eigenen Ängsten beschäftigt. Die Mutter hatte Angst, dass es dem Kind nicht gut tun könnte, darüber zu sprechen. Vielleicht wäre es dem Kind gar nicht so unangenehm gewesen? Aber es ist besser, wenn wir zu Hause Friede Freude Eierkuchen haben, dachte die Mutter. So bleibt alles ruhig und harmonisch, so dass nichts an den Ängsten rütteln kann.

Wenn ich voller Angst mit weitaufgerissenen Augen und Tränen auf der Wange panisch von einem Restaurant davonlaufe, obwohl da nur ein schönes Essen und gemütliche Gemeinsamkeit zu erwarten ist, kann ich von der Mutter nicht erwarten, dass sie annimmt, dass alles in bester Ordnung ist.

Das Schlimme ist, beide versuchen zu helfen, sind aber dazu nicht in der Lage, weil sich keiner von beiden wirklich mit den eigenen Ängsten auseinandersetzt. Sie projizieren ihre eigenen Ängste daher immer auf den anderen. Angst sieht Angst. Sie stecken sich gegenseitig an. Auch wenn das niemand bewusst macht, aber das ist wie bei einem Co-Alkoholiker. Dadurch, dass man dem anderen immer Verständnis zeigt und immer wieder verzeiht und versucht zu helfen, wo man überhaupt nicht helfen kann, wird es immer schlimmer. Der Alki hört nicht auf zu trinken.

Wir können anderen nur helfen, wenn wir unsere Angst selbst akzeptiert haben und nicht mehr vor ihr davonlaufen und unser Leben nicht mehr von ihr kontrolliert wird. Wo Angst ist, entscheidet am Endeimmerdie Angst darüber, wie man denkt, handelt und wofür man sich im Leben entscheidet.

Lernen wir die Angst zu überwinden, zeigt die Tochter/die Mutter, dass die eigene Angst sie nicht mehr kontrolliert und strahlt Ruhe und Frieden aus. Dann ist ein liebevoller aber auch konsequenter – und nicht mehr von Angst geleiteteter – Umgang mit dem anderen möglich. Der Blick in die Augen des anderen wird nicht mehr die eigene Angst widerspiegeln, so dass Bewegung und Heilung auch bei der anderen Person eintreten können.

Also wünsche ich Euch von ganzem Herzen, dass ihr den Mut findet, Euch in die Angst/ins pralle Leben zu stürzen, um dann frei leben zu können, wie ein Vogel.

Alle Liebe, Monika