Kein Opfer (13)

Obwohl ich noch immer sehr entfernt davon war zu verstehen, was Yoga ist und den Inhalten der Yoga-Sutras oft sehr skeptisch gegenüber stand, sorgte meine regelmäßige Yoga-Praxis (Asanas, Meditation und Atmung) dafür, dass ich bei all dem Wirbel um mich herum immer wieder zu mir und meiner Balance zurückfand. Die Weisheit ging so ihren Weg, ohne dass sich der Verstand einmischen konnte. Deshalb wurde alles, was nun folgte, von mir völlig anders erlebt als früher. Mir war klar, ich bin hier nicht das Opfer und die anderen sind nicht die Schlechten oder die Bösen. In mir wuchs ein nie dagewesenes Vertrauen ins Leben, und mit ihm entstand eine neue, ganz neutrale Sichtweise auf alles.

Ohne dieses Vertrauen und die dadurch gewonnene Stabilität hätte ich mich mit dem, was geschah, gedanklich und emotional identifiziert. Ich hätte Widerstand geleistet, gekämpft, gestritten und mich so auf die Menschen eingelassen, die gerade dabei waren, mich zu verletzen und zu demütigen. Das hätte mich geistig und körperlich vollkommen fertiggemacht.

Stattdessen begriff ich, all das hat nichts damit zu tun, dass ich nicht liebenswert bin oder dass ich keine gute Arbeit geleistet hätte, sondern dass gerade bei denen, die so aggressiv handelten, allergrößte Unsicherheit herrschte. Sowohl der Mobber als auch der Narzisst wurden von ihren eigenen Ängsten getrieben. Und das war ihnen nicht bewusst.

Der Mobber hatte furchtbare Angst davor, dass er seine berufliche Aufgabe nicht erfüllen würde, weil ich ihm in die Quere kommen könnte. Der Narzisst hat grundsätzlich Angst vor zuviel Nähe und kann auch keine Kritik vertragen, weil er ein zutiefst unsicheres Wesen hat.

Und weil ich das so deutlich sehen konnte, entstand auch keine Wut in mir. So etwas hatte ich zuvor noch nie erlebt. Ich konnte früher ziemlich schnell auf die Palme gehen, aber nun blieb das völlig aus. Ich kann mich an Augenblicke erinnern, in denen ich mich mehr über meine ausbleibende Wut wunderte als über das, was die anderen da trieben. Aber ich konnte nicht mehr auf jemanden wütend sein, der völlig hilflos und unbewusst um sich schlägt und alles zerstört, vor allen Dingen sich selbst. Da entstand in mir so etwas wie ein Sehen mit dem Herzen. Dies nennt man wohl Mitgefühl.

Natürlich hatte ich furchtbare Angst, nach dem Job auch noch den Partner und unser neues Zuhause für mich und meine Kleine zu verlieren. Aber ich spürte und vertraute darauf, dass es in Ordnung ist, wenn das nun auch noch wegfällt. Nach allem, was ich im Internet gelesen hatte, war es offensichtlich, dass man mit einem Narzissten nicht glücklich werden kann, und der häufigste Ratschlag lautete, „lauf so weit weg wie du kannst und komm nie wieder zurück“.

Wie richtig diese Aussagen waren, konnte ich immer mehr spüren. Nach dem Drama zum Jahreswechsel 2011/2012 erwartete mich zu Hause alles andere als Frieden und Harmonie.

Tagebuch 11.01.2012

10 Tage eisiges Schweigen im Haus. Hasserfüllte Blicke. Ich bin es, die als erste auf ihn zugeht. Ich berühre mit klopfendem Herzen in der Küche seine Hand. Nichts. Heute Nacht nun kommt er ins Gästezimmer und das einzige, was er sagt ist, dass er Angst hat, mich zu verlieren. Keine Entschuldigung. Kein Bedauern. Kein Verarbeiten. Kein Heilen.

Er möchte wieder von vorne anfangen, um dann alles aufs Neue zu wiederholen. Ob er wohl das mit „nicht lernfähig“ gemeint hat? Einfach immer wieder neu beginnen geht aber bei mir längst nicht mehr, auch wenn ich mir die größte Mühe gebe, denn es gibt zu viele Wunden und ich bin lernfähig. Es ist schwer die schlagende Hand zu lieben und die Worte, „ich solle verschwinden“, zu vergessen. Ich fühle mich bei ihm, als säße ich auf einem Pulverfass.

Wenn ich gehe, geht für ihn alles so weiter wie bisher. Seine Arbeit, sein Haus, seine Freunde. Er kann alle Termine im Kalender weiter abhaken. Ohne mich. Und ich? Ich stehe vor dem Nichts. Habe alles aufgegeben. Sogar meine Große. Das hat er sehr klug eingefädelt. Ich muss wieder unabhängig werden. Ich suche krampfhaft nach Arbeit. Angst vor der Zukunft steigt auf.

 Tagebuch 17.01.2012:

Ich bemühe mich, freundlich zu sein, obwohl es mir sehr schwer fällt. Ich spüre den Vertrauensverlust und die Angst in seiner Gegenwart. Da er für sich selbst – und nicht für andere – sehr sensibel ist, muss er das in irgendeiner Form auch mitbekommen.

 Tagebuch 26.01.2012:

Ich kann seit Wochen nicht mehr richtig schlafen. Ich wache immer wieder auf. Gehe dann ins Wohnzimmer. Heute gehen wir zur Paar-Beratung. Er hat hierfür schon ein Konzept vorbereitet und es vorab zur Psychologin geschickt. Er will auch hier die Kontrolle behalten.

 Tagebuch 21.02.2012:

Ich konzentriere mich auf Yoga und bin seit 4 Tagen in Köln. Hier mache ich an einem Institut die Ausbildung für Yoga-Thai-Massage. Ich glaube, dass es eine schöne Zusatzausbildung für eine Yoga-Lehrerin ist. Hier sind ganz „normale“ Menschen. Das tut mir gut. Aber auch hier begleiten mich meine Sorgen und Ängste. Wie konnte ich nur so dumm sein und ein zweites Mal auf diesen Menschen hereinfallen? Weil ich mich auf keine Machtspiele einlasse, hat er mir zum Abschied als Reisegepäck mitgegeben, dass er es besser findet, wenn wir die Beziehung beenden. Wie kann man so etwas auf den Weg mitgeben?

Was werde ich jetzt machen? Als Yoga-Lehrerin arbeiten oder wieder als Juristin? Wann werde ich endlich irgendwo ankommen? Es ist ein furchtbares Gefühl zu wissen, dass man nach dem Kurs nicht mehr nach Hause fahren kann, weil es keins mehr ist.

Wie schön, dass wir uns hier 10 Tage lang gegenseitig massieren. Wahrscheinlich hilft mir das gerade mehr, als ich je begreifen werde.

 Tagebuch 27.02.2012:

Rückflug nach Istanbul. Ich werde vom Fahrer abgeholt. Der Kopf schmerzt schon den ganzen Tag. Ich klingle. Die Tür wird von ihm geöffnet. „Hallo“ lautet der Empfang. Ich erwidere ebenfalls mit einem „Hallo“. Er sei jetzt in den Keller gezogen und hätte schon alle seine Sachen runter gebracht. Alles sei organisiert. Ob ich noch was zu sagen hätte? Was soll ich da noch sagen? Er geht in den Keller. Ich nach oben. Kein Lust und keine Kraft zu streiten. Ich weiß nicht einmal, warum er das alles tut. Es ist wie in einem Film.

 Tagebuch 02.03.20112:

In Bodrum habe ich einen Termin für ein Arbeits-Projekt. Ich telefoniere auch mit unserer Paar-Psychologin. Das Gespräch war sehr merkwürdig. Er sei doch ein so netter Mensch und er wolle doch nur, dass es mir gut ginge. Er will mich doch nur glücklich machen. Ich würde ihn zu sehr bedrängen. Ich wäre viel zu ängstlich. Können Narzissten auch eine Psychologin täuschen? Es ist wahr, was im Internet steht. Sie haben alles unter Kontrolle.

Ich lerne hier eine nette Frau kennen. Wir reden stundenlang. Als sie merkt, dass ich in einer Beziehungskrise stecke sagt sie, dass es zwei Fragen gibt, die Klarheit bringen:

  1. Kann man sein, wer man ist und fühlt man sich als solcher dann dort geborgen? Klares Nein.
  2. Gibt es ein Wir? Klares Nein.

 Ich ziehe eine Tarotkarte: Der Tod.

Durch meine eigenen und seine beruflichen Reisen gab es oft räumlichen Abstand und durch den zusätzlichen inneren Rückzug und die Konzentration auf Yoga/Meditation konnte ich die ganze Entwicklung sehr ruhig und bewusst wahrnehmen. Damals hätte ich es nicht in Worte fassen können, aber heute weiß ich, dass es ein tiefes Wissen und die völlige Akzeptanz einer aussichtslosen Situation war. Es war völlig klar, Widerstand bringt hier nichts. Wenn jemand manipuliert und kontrolliert, heißt das noch lange nicht, dass ich das mit mir machen lassen muss. Für mich gab es dann nur noch ein klares Nein an einen Narzissten und an eine Opferrolle in diesem Leben. Ohne Hass habe ich mich verabschiedet und Verantwortung für mich und meine Tochter übernommen.

Noch im gleichen Monat packte ich unsere Koffer und zog – für ihn völlig überraschend – mit meiner Kleinen aus.

Es tat so weh. Es war, als hätte man mir das Herz herausgerissen. Der Schmerz überschattete die Ängste bei weitem. Aber keine Sekunde zweifelte ich daran, dass dies der einzige und richtige Schritt war. In der Meditation schien es so, als würde ich den Schmerz beobachten und als würde etwas zu mir sagen, dass alles gut ist und nun Neues entstehen kann.

Wenn mich damals jemand gefragt hätte, was Spiritualität ist, hätte ich ihn schief angeschaut, gelacht und geantwortet, woher soll gerade ich das wissen? Und tatsächlich hatte ich mir über diesen Begriff noch nie Gedanken gemacht. Dieses Wort gehörte irgendwo in die Ecke, wo auch Esoterik zu finden ist und hatte mit mir, einer rational denkenden Frau, überhaupt nichts zu tun.

Aber tatsächlich war die Veränderung in mir schon in vollem Gange. Der Blick richtete sich nicht mehr nur nach außen und auf das, was anders sein sollte und was alles passieren könnte und in mir stets Angst und Kampf hervorrief. Vielmehr richtete sich alles immer mehr nach innen, und es gab Kontakt zu mir selbst. Dort traf ich auf Liebe und Vertrauen.

Wenn man das in Worte fassen möchte, könnte man sehr wohl sagen, dass dies der Beginn meiner spirituellen Reise ist. Wenn nicht mehr der Kopf das Sagen hat, sondern das weise Herz die Führung übernimmt. Dann schmerzen Verletzungen und Trennung noch immer, aber wo Vertrauen ist und Mitgefühl, kann es kein Opfer geben.

Ich wünsch Euch eine schöne Woche, Monika