Alles darf geschehen (12)

Wenn ich damals etwas hatte, dann war es Disziplin, und so übte ich fast jeden Tag auf meiner Yoga-Matte. Ich war mein eigener Lehrer. Ich versuchte neben den Übungen auch zu meditieren. Meistens nur ein paar Minuten am Tag. Ich hatte jedoch noch keine Ahnung, was Meditation wirklich ist und so waren es tatsächlich Konzentrationsübungen. Aber auch dieses kurze Innehalten war gut und wichtig. Zu mehr war ich damals auch gar nicht fähig. Ich hatte noch nicht die Reife.

Der im Retreat gesetzte Samen erhielt immer mehr Lebensfunken und fing langsam an zu keimen. Plötzlich gab es ein neues Ziel, einen Sinn in meinem Leben. Ich wollte verstehen, was Yoga ist, wer ich bin und wie das Leben funktioniert. Die ganze Lebensenergie, die wie ein Scheinwerfer zuvor auf das Außen gerichtet war, ging nun nach innen. Ganz automatisch, also ohne dass es mir am Anfang bewusst wurde, verlor das Geschehen um mich herum an Kraft und somit an Einfluss auf meine Person. Immer wieder, egal wie dramatisch sich auch alles gestaltete, ich kam zurück auf meine Matte, wo ich meine Balance fand.

Strecken, beugen, halten, öffnen, atmen, staunen, weinen, Stille …

Weise Worte, die vorher nur irgendwo im Verstand ruhten, sollten so Schicht für Schicht tiefer in mich eindringen. Ich konnte nicht mehr darüber hinwegsehen, was für mich gut und richtig war. Ich konnte ziehen lassen, was gehen wollte und offen sein für Veränderung. Etwas, was Menschen mit Ängsten normalerweise niemals zulassen.

Was die Arbeit betraf, so wurde ganz klar, dass ich mit diesen Menschen, die jetzt die Verantwortung in Deutschland trugen, gar nicht mehr zusammenarbeiten konnte und wollte. Ich begriff, dass es in diesem Unternehmen eine Wandlung hinsichtlich des Umgangs mit dem Personal und auch den Kunden gab, die ich mit meinem Gewissen gar nicht mehr vereinbaren konnte. Jeder weitere Tag in diesem Job wäre eine einzige Lüge gewesen.

Tagebuch 27.05.2011:

Traum: Mein Chef kommt mit seinen Managern nach Istanbul. Er überreicht mir als Dankeschön ein Foto. Darauf erkenne ich einen Stein. Mein Name steht darauf. Das sei etwas ganz besonderes, sagen sie. Aussehen tut es jedoch wie ein Grabstein auf einer Wiese. Ich bin enttäuscht und entsetzt. Dann setzen wir die Arbeit einfach fort. Niemand merkt, wie blöd das ist. 

Was sich privat innerhalb der nächsten Monate abspielte, kann ich hier nur andeuten. Wer nie mit einem Narzissten zusammen war, wird es nicht verstehen, egal, wie viel man hier erklärt, und wer es kennt, der versteht es auch mit wenigen Worten.

Er möchte, dass ich zu ihm ziehe. Er möchte für mich und meine Kinder da sein. Gerade auch dann, falls der Job wegfällt. Was soll ich davon halten? Kann ein Mensch sich so ändern? Wie kommt es, dass er diesmal so aufmerksam und einfühlsam ist? Warum möchte er unbedingt, dass wir zu ihm kommen? Das kann ich unmöglich annehmen. Ich kann niemandem zur Last fallen. Habe ich nicht immer alles alleine geschafft? Es ist doch furchtbar, wenn man von einem anderen Menschen abhängig ist. Ich brauche doch keine Hilfe. Habe ich noch nie gebraucht. Warum sollte mich jemand versorgen, verwöhnen und beschützen? Nein, ich werde das ausschlagen.

 Und was mache ich dann mit der Großen? Sie kann nicht so weit von der Uni wegziehen. Sie sagt, sie braucht mich noch. Noch immer diese Vorwürfe, weil ich den Vater verlassen habe. Sollen wir drei Mädels uns jetzt trennen? Lasse ich sie im Stich? Kann ich sie loslassen? Mein Gott, wie sehr ich meine Kinder liebe. Sie bedeuten mir alles.

 Es ist schön, wenn wir etwas zusammen unternehmen. Er geht jetzt auch so liebevoll mit den Kindern um. Ich muss ihm wirklich wichtig sein. Ich fühle mich so sehr zu ihm hingezogen. Jede Berührung ist wie ein Erdbeben. Immer wenn er da ist, fließt  Champagner durch meine Adern. Und doch, irgendetwas stimmt hier nicht oder bilde ich mir das nur ein? Die dramatische Trennung vor drei Jahren, die meinen Körper total lahmlegte. Diese Schmerzen. Tränen über Monate. Selbst im Schlaf. So muss es sich anfühlen, wenn man drogenabhängig ist und keinen Stoff mehr bekommt. Bin ich wieder zu misstrauisch und zu sehr im Kopf? Das ist doch jetzt vorbei und nun ist er ganz anders.

Warum fragt mich meine Große, ob ich wirklich glaube, dass Menschen sich ändern? Meine Kleine hat starke Schmerzen, die behandelt werden müssen. Immer diese Träume. Warum Brustkrebs oder Spinnen, Schlangen und Herpes auf meiner Haut, wenn ich doch einen so schönen Abend hatte? Warum nehme ich mir mit einem Schraubenzieher die Pupille aus dem Auge? Bin ich blind? Was sehe und verstehe ich nicht? Und immer diese Autos, die sich meiner Kontrolle entziehen und in die Katastrophe rasen.

Und während Yoga mir dabei half, den Job loszulassen, ließ es mich hinsichtlich der Beziehung einfach ins Ungewisse springen. Es war mir plötzlich egal, was dabei herauskommt. Bei all den Sorgen und Ängsten die ich hatte, war das ein für mich absolut unüblicher Schritt.

Das kann nur geschehen, wenn es tiefes Vertrauen gibt. Nicht Vertrauen in meine oder eine andere Person, sondern Vertrauen in das Leben. Wo das herkam, war mir selbst ein Rätsel. Noch nie hatte ich einfach irgendetwas passieren lassen. Vertrauen kannte ich nicht, musste ich doch immer alles selbst erledigen und um alles kämpfen. Jedenfalls entschied ich mich Ende April, die Wohnung zu kündigen und zog im Juni mit der Kleinen zu ihm.

Ich bin so glücklich. Er hat sich so verändert. Ist so aufmerksam. Ich bin der Mittelpunkt seines Lebens und alles dreht sich nur um uns. Endlich steige ich auch wieder in ein Flugzeug. Mit Yoga und ihm zusammen schaffe ich es. Ich kann es nicht begreifen, alles ist wie ein Traum. Nur der Weg zur Arbeit ist jetzt wieder so lang.

Die Schulaufführung der Kleinen ist schön. Ihr Vater ist auch da. Sein Anblick macht mich traurig. Seine Augen sind voller Verachtung für mich und aus seiner Stimme tönt der Hass. Warum konnte er es nicht zulassen, dass wir ein gutes Verhältnis zueinander haben? Wenigstens für die Kinder. Wie ein Fels. Unverrückbar hält er an dem Alten fest. Stets hat er nur darauf gewartet, dass ich scheitere. Diesen Gefallen habe ich ihm aber nicht getan. Und nun übergebe ich ihm die Große.

Zu Hause die ersten Konflikte. Was passiert hier? Ich verstehe nichts und mein Körper reagiert heftig. Wieso habe ich ständig Schmerzen im unteren Rücken? Ich mache doch Yoga. Als wenn der Schmerz permanent auf der Lauer liegt und nur darauf wartet zuschlagen zu können.  Jetzt kommen seine Freunde zu Besuch aus Deutschland und ich kann mich kaum bewegen. Reiß dich zusammen, Monika. Wie, ich soll das ganze Haus auf Vordermann bringen und auch noch die Einkäufe machen? Bin ich hier die Dienstmagd? Der Rücken schmerzt.

Ich werde wach. Mein Herz rast, ich habe Angst. Hat er gerade mitten in der Nacht das Fenster laut zugeknallt? Wieso fragt er mich so aggressiv, was los ist? Ist doch wohl klar, dass ich mich gerade fast zu Tode erschrocken habe. Laut und hart treffen die Worte auf meine noch müden Ohren: „Monika, es ist zu warm, ich kann nicht schlafen. Entschuldige bitte.“ Der Schmerz geht direkt von der Brust in meinen Magen. Mir wird übel. Die Tränen laufen. Alles dreht sich. Fragen über Fragen. Was geschieht hier? Von der Seite tönt es herüber, ob ich ein Taschentuch brauche. Böse. Eiskalt.

 Jetzt bin ich den Job los. Ich hatte es ja schon geahnt. Der Geschäftsführervertrag wurde nicht verlängert. Hinter meinem Rücken haben sie mit einem von mir gerade neu eingestellten Mitarbeiter meine Nachfolge abgesprochen. Wie einen Schwerverbrecher haben sie mich aus dem Büro gejagt. Auch eine Abfindung wollen sie mir nicht geben und dem Mobber liegt bei dieser Verkündigung ein süffisantes Lächeln auf den Lippen. Wo nehmen diese Menschen solchen Hass her? Meine Mitarbeiter weinen.Ich sammle meine persönlichen Sachen ein. Das ist nicht die Matte. Es ist das Leben. Atme. Beobachte. Entspanne die Schultern. Vertraue.

 Zu Hause schnappt die Falle zu. Wie kann ein Erwachsener empfindlicher sein als ein kleines Kind und immer wieder mitten in einem Gespräch davonlaufen? Auch dieses Verhalten wird nie zum Thema gemacht. Ich insistiere? Das höre ich zum ersten Mal in meinem Leben. Was meint er denn damit? Ist das normal, dass immer nur eine Person bestimmt, wann, wo und wie geredet wird. Ich weiß nie, wann er explodiert. Ganz unerwartet, mit voller Härte und sehr ungerecht.

 Und dann noch dieser Unfall. 20 Jahre unfallfreie Autofahrt in Istanbul und dann knallt es, kurz bevor ich den Firmenwagen zurückgeben muss. Und dann habe ich auch noch die Kleine im Wagen. Ich bin völlig fertig. Wie konnte mir das passieren?

 Es ist erst August und ich fühle mich elend, weil ich nicht mehr weiß, was ich zu dem Menschen, den ich wie verrückt liebe und zu dem ich vor zwei Monaten gezogen bin, noch sagen darf und was nicht. Es ist auch ganz egal, was ich mache. Ob ich nett bin, ob ich rede oder schweige, ob ich so aggressiv werde, wie er. Ich habe alles ausprobiert und immer ist es falsch. Er reagiert immer mit verbaler Gewalt oder mit eiskaltem Schweigen, was sich über Tage hinziehen kann. Ich berührte ihn. Er stößt mich weg. Auch aus dem Bett. Mach gefälligst was ich will und alles ist gut. Hat er das gerade wirklich so gesagt und ernst gemeint? Er hat doch dabei gelächelt oder? 

Ich muss im Internet mal recherchieren. Ich komme damit nicht klar. Irgendetwas stimmt hier nicht. Bin ich nicht mehr normal?

 Jetzt habe ich mir auch noch eine Grippe eingefangen. Ich muss ins Krankenhaus. Kann die Kopfschmerzen nicht mehr aushalten. Endlich, es geht mir etwas besser. Wieso schlägt dieser Mensch jetzt hier mit Worten so brutal um sich? Sieht er nicht, dass es mir nicht gut geht oder ist es gerade deshalb? Kann es sein, dass er meine Schwäche nicht ertragen kann und deshalb flucht und schimpft, weil ich den Geschirrspüler falsch eingeräumt habe, das Brot an der falschen Stelle liegt und eine Schublade etwas offen steht? Ich mache irgendwie alles nur noch falsch. Wieso fühle ich mich plötzlich nur noch als Versagerin?

Er fragt mich, ob ich heimlich trinken würde, da der Pegel in den teuren Flaschen sinkt.  Auch würde Geld fehlen. Es war im Pilotenkoffer. Darin ist auch der Schmuck von meiner Oma aufbewahrt. Ach du Scheiße. Einiges fehlt. Die Putzfrau? Ich stelle sie zur Rede und sie streitet alles ab. Als der Arzt wegen der Kleinen kommt, versteckt sie sich. Er kennt sie. Ich schmeiße sie raus und mache erst mal alles selbst. Warum wissen seine Freunde schon von dem Geldverlust, bevor ich etwas davon erfahre? Sollen sie annehmen, ich hätte damit irgendetwas zu tun, weil ich jetzt ohne Job bin? Intrigiert er gegen mich oder habe ich jetzt schon Verfolgungswahn? Habe ich das jetzt richtig verstanden, ich soll mit einer Zahnbürste die Fugen der Fußbodenfliesen im Bad reinigen?

Ich kann mit niemandem darüber sprechen. Wie soll ich das erklären? Es ist alles so subtil. Wer wird mir glauben? Im Internet stoße ich auf den Begriff des Narzissten. Mir ist Angst und Bange. Dieser Job, dieser Alkoholkonsum, die Raserei mit dem Auto, diese Rechthaberei, diese Unfähigkeit über Dinge zu reden und wirkliche Nähe zuzulassen. Diese Kälte, dieser Hass. Das starke Auftreten nach außen im Gegensatz zu dieser tatsächlich großen Unsicherheit. Die Unfähigkeit, Kritik zuzulassen. Diese Machtspielchen. Das Durchplanen des ganzen Jahres an einem Kalender im PC, wo alles, auch die Finanzen, sorgfältig eingetragen werden.

Ich drohe zu ersticken in dieser Enge und diesen ständigen Demütigungen und Verletzungen. Dann wieder diese Geschenke und Aufmerksamkeiten. Besonders vor anderen. Ist damit der Ausdruck „Zuckerbrot und Peitsche“ gemeint? Ich bin in völlige Abhängigkeit geraten und darf es jeden Tag spüren. Wieso werde ich ständig für irgendetwas bestraft und warum steht ständig der Begriff der Schuld im Raum? Ich bin zwar Juristin, aber in diesem Zusammenhang habe ich das noch nie erlebt. Das Schlafzimmer als Gerichtssaal?

Was habe ich mir und meiner Kleinen da angetan? Bricht mir das Private jetzt auch noch weg? Mein 50. Geburtstag steht vor der Tür und ich befürchte, ich stehe bald auf der Straße.

Meine Freundinnen sind übers Wochenende gekommen. Ich habe etwas Schönes für sie vorbereitet. Sie sollen an meinem Geburtstag verwöhnt werden. Ein kleines Dankeschön für ihre Freundschaft über all die Jahre. Sie bewundern das Haus, die Gegend, den Golfplatz. Beneiden mich um all den Luxus. Ich lächle traurig. Ich weiß schon längst, dass ich hier nicht mehr lange bleiben werde.

Silvestervorabend. Antalya. Hotel mit Golfanlage. Er möchte, dass ich ihm einen Rat gebe hinsichtlich seines Sohnes. Ich antworte aufrichtig und voller Liebe. Hasserfüllte Blicke sind die Antwort. Ich kann die Wut körperlich spüren. Bin still. Unsicher. Zeit vergeht. Ich reiße mich zusammen. Es ist schließlich Silvester. Berühre ihn sanft und frage, ob er jetzt sprechen möchte. Die Wut springt mich an und ich erfahre, dass ich wieder insistiere und außerdem überhaupt nicht lernfähig bin. Nicht lernfähig? Ich?

Freunde warten auf uns in der Halle. Ich bewundere seine Schauspielkunst, wie schon so oft. Niemand spürt etwas. Noch nie hat überhaupt irgendjemand etwas gemerkt, außer meiner Tochter. Ich mag dieses Theater nicht und gehe. Er kommt hinterher. Er geht vor, nur um die Fahrstuhltür vor mir zufallen zu lassen. Auf dem Zimmer halte ich mich nicht mehr zurück. Endlich lasse ich auch meinen Frust heraus. Er wird immer ruhiger. Warum tut er das? Freut er sich darüber, wenn es mir schlecht geht? Soll ich ihm sagen, was ich denke, was ich befürchte? Nein, lieber begebe ich mich auf sein Niveau, nehme sein Portemonnaie und verteile seine Kreditkarten auf dem Boden, wie ein kleines Kind. Ich sitze auf dem Bett. Er steht vor mir. Holt weit aus und langt zu. Ich stürze zu Boden. Aus verbaler Gewalt ist nun körperliche geworden.

Nur raus hier. Nur weg. Wohin? Draußen regnet es in Strömen. Wie kann es hier im Süden nur so regnen? Ich laufe und laufe. Regen und Tränen vermischen sich. Wo bin ich? Was mache ich jetzt? Jetzt ist alles aus. Du bist selbst Schuld. Wie konntest du dich nur in so eine Abhängigkeit begeben? Was ist aus dir geworden? Schau dich doch an. Die Schuhe und Kleidung triefen vor Nässe. Ich schluchze. Wo war das Hotel?

Der Wellness-Bereich. Eine Liege. Keiner da. Ich heule. Es ist ein lautes Klagen. All das, was über Monate unterdrückt wurde, will nun heraus. Wie lange liege ich hier schon? Ein Paar tritt ein. Die Frau kommt auf mich zu. Sie fragt mich etwas. Ich kann nichts verstehen und ich kann nicht reden. Es kommt nur ein Schluchzen und dann heule ich wieder los. Wenn ich nicht heule, bekomme ich keine Luft. Sie sagt, ich müsse die nassen Kleider ablegen, sonst würde ich krank werden. Ich kann mich aber nicht bewegen. Sie stellt sich vor. Maria Theresia und sie komme aus Südamerika. Noch nie habe ich jemanden getroffen, der Maria heißt, geschweige denn Maria Theresia. Gibt es tatsächlich Menschen, die so heißen? Ich empfinde tiefe Dankbarkeit und Liebe für sie und gebe mich ihr ganz hin. Sie bringt mich in den Sauna-Bereich, hilft mir beim Ausziehen und sorgt dafür, dass ich unter die warme Dusche komme. Hier beruhigen sich meine Nerven langsam wieder. Ich staune über sie, dieses Geschenk, und bedanke mich.

Ich kann nicht mehr zurück aufs Zimmer. Ich gehe zur Rezeption und bestelle mir ein eigenes mit der Bitte um Diskretion. Ich brauche Zeit. Das Handtuch lege ich auf den Boden und mache Yoga und Atemübungen. Stille. Meine Kopfschmerzen sind weg. In der Minibar finde ich Salzstangen und Cola. Der Fernseher läuft. Ich verschlafe den Wechsel ins Jahr 2012.