Blickrichtungen (9)

Durch das Yoga-Retreat erhielt ich zum einen die Chance, einen distanzierteren Blick auf meine Lebenssituation zu werfen, und zum anderen entstand wieder Nähe zu mir selbst. Wünsche und Bedürfnisse wurden wahrgenommen, und durch symbolische Rituale sollten diese wieder lebendig werden, während die erkannten Hindernisse dem Feuer übergeben wurden.

Auf Lesbos wurde der Same gesetzt – und was könnte ihn denn zum Wachsen bringen, als das Leben selbst!

Als ich nach Istanbul zurückkam, hatte sich natürlich äußerlich nichts geändert. Warum sollten sich auch Umstände oder Menschen ändern, nur weil ich eine Woche unterwegs war? Beruflich war ich neben dem normalen Arbeitsablauf auch noch mit dem Umzug der Firma in einen anderen Stadtteil beschäftigt. Wir sind vom Taksim-Platz auf der europäischen Seite nach Kadiköy auf die asiatische Seite von Istanbul gezogen, wo wir für die Firma eine eigene Immobilie gekauft haben. Mein Arbeitsweg verkürzte sich von 3-4 Stunden täglich auf ca. eine halbe Stunde pro Tag. Eine sehr große Erleichterung.

Das Mobbing aus Deutschland ging weiter. Hinzu kam erschwerend, dass meine Assistentin, die mir im Laufe der Jahre eine liebe Freundin wurde, ihren Sohn verlor. Dies war eine sehr dramatische Angelegenheit und hinterließ dementsprechend ihre Spuren bei ihr, bei mir und bei allen Mitarbeitern in unserem Betrieb.

War die Situation im Büro schon schwierig und kompliziert, so hatte ich auch zu Hause noch immer keine Ruhe und keinen Frieden.

Mein Tagebuch liest sich wie eine Krankenakte. Schon einen Tag nach meiner Rückkehr aus Lesbos hatte ich wieder Schmerzen beim Wasserlassen und zwei Tage später wieder Migräne. Nach einer Woche konnte ich schon keine Kraft mehr zum Aufstehen finden, hatte starke Rückenschmerzen, wieder eine Sonnenallergie und war voller Wut und sehr aggressiv, obwohl ich selbst persönlich doch überhaupt gar keine Sorgen hatte. Meine Kinder waren gesund und selbstständig. Ich auch. Ich hatte einen Job, mein soziales Umfeld und eine tolle Wohnung.

So konnte ich nur darüber staunen, dass es in der Beziehung gar keine Gemeinsamkeit mehr, sondern nur ein Gegeneinander gab. Verstehen konnte ich es aber nicht. Die Abende verbrachte mein Partner wie immer vor dem PC und nun kam noch hinzu, dass er in meinem Dabeisein direkt mit anderen Frauen flirtete. Das geschah auf so eine gemeine und subtile Art, dass es mich völlig verunsicherte. Plötzlich waren da extreme Eifersucht und das Gefühl von Minderwertigkeit. Das kannte ich auch noch nicht, und mein Körper konnte damit ebenfalls nicht umgehen.

Es kam eine Harnwegsinfektion nach der anderen. Ich musste ständig Antibiotika nehmen, und wenn die Blase wieder in Ordnung war, kamen eine Erkältung, Schwindel, Migräne oder Rückenschmerzen.  Schon am 4.5., also knapp drei Wochen nach meiner Rückkehr, schrieb ich in mein Tagebuch: ”Ich falle auseinander.” Am 28.05., als ich das Brennen wieder spürte, schrieb ich: “Ich drehe bald durch.”

Mein Partner ist für eine Bewerbung nach Deutschland geflogen. Es hat nicht geklappt, aber er möchte trotzdem länger dort bleiben, um sich vor Ort zu bemühen. Mir passt es gut. Nun kommen die Verletzungen per Mail ins Haus und ich schreibe am 30.05.:

Ich bitte um Kraft und Energie, damit ich die Arbeit und die Kinder bewältigen kann. Ich bitte um Kraft, damit ich an diesen Auseinandersetzungen nicht zerbreche. Ich bitte um Kraft, damit ich alleine klar komme.

Ich staune über eine Zeichnung in meinem Tagebuch an diesem Tag. Es sind nur ein paar Striche in der oberen Ecke, aber es sieht aus, als würde dort jemand am Kreuz hängen.

Daneben steht: ”Ich habe an Herbert Grönemeyer geschrieben wie ein Teenager. Seine Lieder (aus dem Album “Mensch”) bringen mich zum Weinen. Berühre mich, mach mich lebendig.

Am 1.6. vereiterte mein Weisheitszahn und ich musste wieder Antibiotika nehmen, bis er dann herausoperiert werden konnte. Aufgrund der Mails oder längeren Telefongesprächen konnte ich oft vor Wut nicht einschlafen und an den darauffolgenden Tagen hatte ich wieder das bekannte Brennen. Selbst bei dieser großen räumlichen Entfernung schaffte es die Person, mich traurig, wütend und sprachlos zu machen. Ich träumte fast jede Nacht und notierte die wirren Bilder und Geschichten, um mich besser zu verstehen.

Am 21.06. schrieb ich: “Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen! Ich kann meinen Kopf nach dem Aufstehen kaum bewegen. Der ganze Rücken tut weh.

Am 22.06. sind es schon “unerträgliche Schmerzen im Rücken” und ich konnte meinen ganzen Körper “kaum noch bewegen”.

Wenn ich das heute lese, schüttele ich den Kopf. Der Körper weiß schon alles und zeigt es jeden Tag und doch, ich wollte es noch immer nicht verstehen. Ich möchte diese Frau liebevoll in den Arm nehmen, ihre Freundin sein und ihr ins Ohr flüstern, dass alles gut ist. Dass sie liebenswert ist. Ich will ihr erklären, dass sie nichts tun muss, dass alles kommen darf was kommt und sich alles auflösen wird, sobald sie nicht mehr versucht, gegen die Veränderung anzukämpfen und das, was gehen will, nicht mehr festhält. Aber kurze Zeit später kommt sie selber drauf.

Ende Juni kaufte sie ihm auf seinen Wunsch noch ein Ticket, damit er nach Istanbul kommen konnte und gemeinsam fuhren sie dann mit dem Auto von Istanbul nach Berlin. Ihr wohlverdienter Sommerurlaub und ein Neuanfang sollten es werden. Aber schon die Autofahrt war eine Katastrophe. Sie wohnten auf einem Campingplatz, auf dem auch ihre Mutter den Sommer stets verbrachte, und wo jeder jeden über Jahrzehnte kennt. Dort wurde sie immer unglücklicher und war sich sicher, dass er sie betrügt. Als ihre Mutter ihr dann sagte, Freunde auf dem Campingplatz hätten sie angesprochen und ihr mitgeteilt, dass ihr Freund die Frauen auf dem Platz auf unangenehme Art und Weise anbaggert, hat sie die Beziehung endlich beendet.

Da ich damals Flugangst hatte und auch das Auto wieder nach Istanbul bringen musste, kam meine liebe Freundin und Assistentin nach Berlin. Gemeinsam fuhren wir dann zurück. Langsam wurde der Rücken besser. Der Schwindel ließ nach. Es tat weh, aber es trat wenigstens zu Hause endlich wieder Ruhe ein. Drei Monate lang gibt es keinen Eintrag im Tagebuch.

Ich habe es zugelassen, dass andere ihr Sorgen, Unsicherheiten und ihren Frust auf rücksichtslose und egoistische Art und Weise bei mir abließen, so dass sie zu meinen eigenen Sorgen und Problemen wurden. Dieses Verhalten nahm so starken Einfluss auf mich, dass ich körperlich daran zugrundeging. Ich nehme an, sehr viele von euch kennen das und jeder hat dann bestimmte Stellen im Körper, die Alarm schlagen. Oft kommen dann auch Panikattacken.

Aber damit das passieren kann, muss es ja erst einmal jemanden geben, der sich da wie eine Kuh hinstellt und sich von morgens bis abends aussaugen lässt. Bis dahin, und da war ich schon Ende 40, hatte ich überhaupt keine Ahnung, wer ich war und wie ich funktioniere. Ich hatte auch nie gelernt, Grenzen zu setzen und auf mich zu achten.

Ich habe ein völlig unbewusstes Leben geführt und nicht begriffen, dass das Ich und das Leben nichts Getrenntes sind. Es gibt nicht DIE Schuldigen und DIE Opfer. Alles was passiert, hat auch immer mit einem selbst zu tun. Das Leben ist Aktion und Reaktion. Erst wenn ich mich ändere, kann auch Veränderung in meinem Umfeld geschehen. Die spannende Frage lautet daher nicht, was die anderen alles falsch gemacht haben, sondern was sagt das alles über mich selber aus?

Das Yoga-Retreat und alles, was anschließend passierte war nötig, um zu lernen und zu wachsen. Am letzten Abend auf Lesbos schenkte Gisa mir das Buch “Warum gerade ich” und ich fing schon kurz nach meiner Ankunft in Istanbul an, darin zu lesen. Bis heute wundere ich mich darüber, wie dieses Buch in meine Hände kommen konnte. Bis dahin habe ich mir noch nie ein Buch gekauft, das sich mit dem Innenleben eines Menschen beschäftigte. Und die Frau kannte weder mich noch mein Leben und sollte doch mit diesem Geschenk genau ins Schwarze treffen.

Da erhalte ich nun in diesem Alter, aus einem “zufällig” geschenkten Buch, Hinweise darüber, warum ich einerseits so stark bin und mich andererseits andere Menschen so beeinflussen und fertigmachen können.

In meinem Tagebuch steht: “Gestern habe ich angefangen, in dem Buch von Gisa zu lesen. Dabei bin ich auf das Thema “Kinder von Alkoholikern” gestoßen und musste erkennen, dass ich wahrscheinlich einen ordentlichen Schaden davongetragen, mein Leben aber trotzdem einigermaßen in den Griff bekommen habe. Viele Punkte treffen auf mich zu:

– Angst vor dem Verlassenwerden

– sich lieber um andere kümmern, als um sich selbst

– alles unter Kontrolle halten wollen und dadurch ständig im Stress sein

– Schwierigkeiten haben, anderen zu vertrauen

– ängstlich sein unter fremden Menschen oder Autoritätspersonen

– auf keinen Fall Fehler machen wollen

– perfekt sein wollen

– sich anders fühlen, als die anderen

– viel Verständnis für andere aufbringen aber keins für sich selbst

– sich fragen, was “normal” ist

– es fällt ihnen schwer, Spaß zu haben

Wer Panikattacken hat, der wird sich hier vielleicht auch wiederfinden, denn das sind ebenfalls perfekte Voraussetzungen dafür.

Unbewusst wurde hier mit diesem Buch der erste Schritt zur Selbsterforschung gesetzt. Noch ganz weit weg von der Frage: “Was bin ich?” aber schon sehr nah an der Frage: “Wer bin ich?”

Nach dem Sinn des Lebens kann man ewig suchen und man wird ihn nicht finden. Wer in der Natur umherschaut, wird erkennen, dass es keinen Sinn gibt, außer dem Leben selbst. Aber wir sind denkende Wesen. Wir sind uns bewusst, dass wir leben, und das ist der Unterschied zu allen anderen Lebewesen. Wir haben die wunderbare Möglichkeit – und vielleicht ist das der einzige wahre Sinn in diesem Leben – zu erforschen, wer oder was wir selber sind.