Der Schrei der Natur

Heute wollte ich gerne mit euch teilen, dass “Der Schrei”, das berühmteste Bild  des norwegischen Malers Edvard Munch (zw. 1893 und 1910 entstanden), wohl nicht den Schrei einer Person, sondern den Ausdruck einer Panikattacke darstellt.

Bisher ist man immer davon ausgegangen, dass die auf dem Bild mit aufgerissenen Augen und Mund dargestellte Person einen Schrei ausstößt. Jetzt hat das British Museum bekanntgegeben, dass diese Interpretation nicht richtig sei.

Vielmehr sei es so, dass die Figur einen Schrei höre, der aus der Natur kommt. Der Gesichtsausdruck wäre daher nur ein Ausdruck der Reaktion auf diesen Schrei. Das ergibt sich aus einem Tagebucheintrag des Malers:

„Ich ging mit zwei Freunden die Straße hinab. Die Sonne ging unter – der Himmel wurde blutrot, und ich empfand einen Hauch von Wehmut. Ich stand still, war todmüde und lehnte am Geländer – über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen. Meine Freunde gingen weiter – ich blieb zurück, zitternd vor Angst – ich fühlte den großen Schrei in der Natur. Ich malte dieses Bild – malte die Wolken wie wirkliches Blut – die Farben schrien.“

Aus den Tagebucheintragungen von Munch geht eindeutig hervor, dass “er versuchte, ein Gefühl zu einem bestimmten Zeitpunkt einzufangen. Er schrieb den Satz ganz bewusst auf diese Version, um zu beschreiben, dass die Inspiration für dieses Bild von einer plötzlichen Panikattacke stammte“, so Giulia Bartrum, die Kuratorin der neuen Ausstellung Edvard Munch: Love and Angst im British Museum.

Deshalb steht nun in der Ausstellung am unteren Rand des Bildes der Satz „Ich fühlte das große Geschrei durch die Natur.“

Ob Munch nun tatsächlich einen Schrei in der Natur hörte oder nur in seinem eigenen Kopf, könne sie, die Kuratorin, natürlich nicht wissen.

Aber vielleicht könnt ihr das wissen oder euch vorstellen? Ich glaube, wer Panikattacken erlebt hat, der kann sich in diesem Bild gut wiederfinden. Im Augenblick der Todesangst scheint alles auf einen einzustürzen. Auf dem Bild sind noch die zwei Freunde von Munch zu erkennen. Sie sind da, und doch sind sie weit weg vom Geschehen, so wie es sich auch in der Angst anfühlt. Menschen sind da und bieten Hilfe an, aber tatsächlich kann uns niemand von dieser Todesangst im Moment der Attacke befreien. Völlige Hilflosigkeit. Entsetzen. Panik.

Was ich mir aufgrund meiner eigenen Erfahrungen und der Notizen von Munch noch vorstellen kann, ist, dass er in dem Moment, als er auf der Brücke müde innehielt, einen winzigen Augenblick in dem, was um ihn herum war, ankam. Der Sehende löst sich auf, und es gibt nur noch Sehen. Was dann passiert, ist, dass der Betrachter (das Subjekt) und betrachtendes Objekt (Landschaft) miteinander verschmelzen. Wenn man unerwartet mit einem rotglühenden Himmel und blauschwarzen Fjorden eins wird und auch den Klang der Farben hören kann, dann kann ich mir gut vorstellen, dass das eine heftige Panikattacke auslöst.

Das Wunderbare ist, dass er dieses Gefühl so ausdrucksstark in seinem Bild darstellen konnte. Wenn man das Bild mit anderen berühmten Gemälden vergleicht, dann könnte man meinen, dass es keiner besonderen Kunstfertigkeit bedarf, um so ein paar bunte Linien auf die Leinwand zu bringen.

Ich bin keine Künstlerin und kann mich hier nur amateurhaft aus meinem Herzen äußern, aber ich finde, gerade durch diese Schlichtheit kann sich alles auf den Ausdruck in diesem Bild konzentrieren. Deshalb berührt es uns. Deshalb ist dieses Bild so bekannt, und gerade deshalb ist es wohl eins der teuersten Bilder auf der Welt. Im Mai 2012 wurde es für ca. 120 Millionen USD versteigert.

Ich wünsche euch einen schönen Sonntagabend, ganz herzlich Monika

https://www.telegraph.co.uk/news/2019/03/20/edvard-munchs-scream-isnt-screaming-says-british-museum/

https://ze.tt/edvard-munchs-der-schrei-schreit-gar-nicht/