Wasser (5)

Es ist nicht verwunderlich, dass ich nach diesem ersten Yoga-Tag in der Nacht sehr viel geträumt habe. Nach 9 Jahren schaue ich heute das erste Mal wieder auf die Zeilen, um zu sehen, wie zerbrechlich ich damals war und wie sehr mir die Vergangenheit zu schaffen machte.

Das Haus, welches im ersten Traum auftaucht, ist das Haus, das ich mit meinem Schwiegervater zusammen in der Türkei gebaut habe. Es ist das Haus, das unser Familienhaus sein sollte, in dem meine Kinder glücklich und geborgen aufwachsen und immer ein Zuhause finden sollten. Es ist das Haus, welches am Ende mein goldener Käfig werden sollte und in dem ich in tiefe Depressionen fiel. Auch viele Jahre nach meinem Fortgang konnte ich diese Vorstellung von der glücklichen Familie und diesem Haus nicht loslassen und die Frage, warum alles so kommen musste.

Tagebuch 11.04.2010

1. Traum: Mit vielen anderen Menschen stehe ich auf der Terrasse unseres Familienhauses. Es herrscht große Aufregung. Die Menschen um mich herum kenne ich alle nicht.

Ein Mann mit einer Spitzhacke in der Hand rennt in unserem Garten herum und schlägt auf etwas ein. Er versucht eindeutig etwas zu erwischen und zu töten. Ich kann noch nicht erkennen, was es ist. Ich spüre nur die Anspannung und Aufregung um mich herum. Dann erwischt er es und ich sehe, dass es ein riesengroßer Skorpion ist. Ich bin total erschrocken, dass es so etwas überhaupt geben kann und dann noch in meinem Garten. Das Tier ist so groß wie eine Ratte und so häßlich. Ekel und Angst überkommen mich.

Obwohl er mit der Spitzhacke ein großes Loch in den Körper des Tiers gerammt hat, rennt es weiter. Es ist so unglaublich schnell, dass man es kaum verfolgen kann. Es flitzt durch den Garten. Ich hoffe, dass es bald zusammenbricht, aber es ist so voller Energie und läuft immer weiter.

Ich denke, wenn es einen gibt, dann gibt es sicherlich noch andere, und dass man hier auf keinen Fall sicher sein kann. Dieses Tier bedeutet den Tod.

2. Traum: Eine große tiefe kreisförmige Öffnung. Ringsherum ein Geländer. Ich soll an das Geländer treten und nach unten schauen, weil es einen guten Ausblick bietet. Ich habe Angst. Als ich näher komme, zieht es mich nach unten. Mir wird schwindelig und ich falle. Ich rufe, gebt mir eine Hand und holt mich zurück. Es dauert ewig, bis mir endlich jemand die Hand reicht.

Um 8.00 Uhr morgens gibt es eine Gehmeditation. Einatmen, einen Schritt laufen. Ausatmen, drei Schritte laufen. So gingen wir in langsamen Schritten vorwärts, bis wir zu einem kleinen Bach kamen. Auf einer Seite war das Gelände abfallend, so dass das fließende Wasser dadurch ein schönes plätscherndes Geräusch machte. Hier haben wir uns hingesetzt und meditiert. Unsere Intentionen, die wir tags zuvor aufgeschrieben haben, sollten wir hier noch einmal mit dem fließenden Wasser verinnerlichen. Mit der Konzentration auf das Fließen des Wassers haben wir in Gedanken alles losgelassen, was uns daran hindert, unsere Ziele und Wünsche zu erreichen. 

Ich schaue auf das Wasser und verstehe, dass ich immer gegen den Strom schwimme. Ich kann mich nicht fallenlassen. Kann nicht mit dem Strom fließen. Ich habe mich dort am Wasser selbst gesehen. Ich habe gesehen, wie ich stets die falsche Richtung anstrebe, nämlich die, die so anstrengend und sinnlos ist. Loslassen.

Am Bach kamen wieder die Tränen. Die Intuitionen und das fließende Wasser, die Erde, all das löst etwas in mir aus. Aber was? Trauer? Warum?

Sehe ich meine Verzweiflung, meine dunkle angstvolle Vergangenheit? Sehe ich, dass ich loslassen kann und muss? Weine ich um die verlorenen Jahre, um das verlorene Glück? Weine ich, weil ich mich plötzlich spüre?

Nach der Meditation sollten wir ins “kalte Wasser springen”. Wir haben die Schuhe und die Socken ausgezogen und sind hineingesprungen. Es war eiskalt. Ich spüre diese Kälte noch immer.

Anschließend machten wir unsere Yoga-Übungen. Fließende und dehnende Haltungen. Alles ist in Bewegung. Wir tanzten mit Unterbrechungen, und in diesen kurzen Pausen sollten wir spontan aufschreiben, welche Blockaden es gibt, die uns daran hindern, unsere Träume zu leben.

Meine 5 Blockaden, die ich aufschrieb:

            Ich kenne mich nicht genug. Ich weiß nicht wer ich bin. Verschlossenheit.

            Negative Gedanken. Pessimismus.

            Zeitmangel, Trauma, Verlust

            Angst

            Abhängigkeit und Verantwortung

Heute Nachmittag werden wir zu den heißen Thermen laufen. Da mir heute wirklich alles weh tut, wird es sehr angenehm sein, die müden Knochen ins warme Wasser zu halten.

21.40 Uhr, wieder im Zimmer. Völlig durchgefroren, erschöpft und glücklich.

Wir sind mindestens 10 km gelaufen und es war sehr windig. Die Strecke zu den Thermen war schön. In die Thermalquelle selbst bin ich nicht gegangen. 48 Grad war mir einfach zu heiß. Ich hatte das Gefühl, ich würde im Wasser ersticken.

Die Quelle lag in einer kleinen Grotte und eine winzige Tür führte von dort aus direkt zum offenen Meer, wo man sich anschließend abkühlen konnte. Auf dem Rückweg haben wir an einer Stelle eine Pause eingelegt und sind “geflogen”. Unsere Acro-Yoga Lehrerin hat sich auf den Boden gelegt und uns alle “fliegen” lassen. Ja, ich bin auch geflogen und es war herrlich. Ich war so glücklich.

Martina kam zu mir und sagte, “Es ist schön, dass du dabei bist.” Darüber habe ich mich sehr gefreut.

Nach diesen Hochflügen hatten wir Hunger und haben ein Restaurant gesucht. Es ist noch Vorsaison und die Geschäfte sind geschlossen. Endlich am Hafen haben wir ein Restaurant gefunden und uns draußen einen Tisch gesucht. Der griechische Salat war lecker. Leider war es sehr kühl und ich wünschte, man könnte warmen Salat essen.

Was für ein Tag!

Auf die unterstrichenen Wörter in meinem Tagebuch möchte ich auch hier wieder etwas näher eingehen, denn sie waren mir damals wichtig. Eigentlich hatte ich die Antworten auf die Fragen, was das fließende Wasser und der Kontakt mit der Erde in mir auslösen und warum ich traurig bin und weine, gleich anschließend aufgeschrieben. Ich war mir damals nur noch nicht so sicher.

Und hier stoßen wir auf das Geheimnis von Yoga und den Unterschied zu allen anderen Sportarten. Yoga besteht nicht nur aus den Asanas, den sportlichen Übungen. Vielmehr führt es uns immer wieder zu uns selbst zurück, und daher war es genau so, wie ich es einige Zeilen später aufgeschrieben hatte. Dadurch, dass ich mir Raum und Zeit gab, fing ich langsam wieder an, mich selbst zu spüren und vorsichtig zu ahnen, dass ich ein Teil dieses Wassers und der Erde bin.

Dass dem so ist, zeigt auch, dass ich bei den anschließenden Übungen spontan als erste Blockade aufschrieb, dass ich mich selbst nicht kenne und eigentlich nicht weiß, wer ich bin. Ich hatte mich in den letzten Jahren vollkommen aus den Augen verloren.

Auf einmal bröckelte Stück für Stück die so mühsam zum eigenen Schutz errichtete dicke Mauer und die Maskerade fiel. Noch vor unvorstellbar lange zurückliegenden zwei Tagen war ich die starke Frau und Mutter, die Geschäftsführerin, die tröstende Freundin und zuverlässige Partnerin, die, die immer gut aussah, alles im Griff hatte und immer stark war.

Und plötzlich vor diesen fremden Menschen, die mich im Yoga trugen und trösteten, mit denen ich kaum ein Wort gewechselt hatte, blieb da nur noch ein heulendes Häufchen Elend zurück. Wir wußten nichts voneinander und vielleicht war genau das gut für uns. Wir mußten uns nicht vorstellen und verstellen. Wir waren niemand, wir waren einfach nur hier und machten Yoga.

Während ich auf der einen Seite tief in meinem Inneren die Begegnung mit meiner Traurigkeit hatte, strömte auf der anderen Seite ein lange nicht erlebtes Glücksgefühl  und Zufriedenheit durch mein Herz.

Durch das Überschreiten meiner eigenen Grenzen auf der Yogamatte durch die Acro-Yoga-Übungen wurde die von mir selbst gesetzte Enge gesprengt. Jede Übung, zu der ich mich immer wieder sehr überwinden musste, war ein kleiner Befreiungsakt. Hierfür war Acro-Yoga der perfekte Weg. Auch normales Hatha-Yoga hätte diesen Zweck erfüllt, es hätte wahrscheinlich nur ein wenig länger gedauert. Acro-Yoga war der Sprung ins kalte Wasser, und ich habe ihn dankbar angenommen.

Martina, die auf mich zukam und mich am zweiten Tag mit diesen lieben Worten ansprach und Katrin, die mich am Abend zuvor motivierte und umarmte, sind bis heute in meinem Herzen und Leben geblieben. Zusammen mit unserer Yoga-Lehrerin Julia Weis sind sie Jahre später nach Istanbul in – man staune – mein Yoga-Studio gekommen und wir haben dort zusammen den ersten Acro-Yoga Workshop in Istanbul gegeben.

Das Leben ist ein Wunder.

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