Meditation im Wald

Nachdem der Vertrag mit dem türkischen Verlag Inkilap für das Buch in türkischer Sprache unterzeichnet wurde und ich Istanbul wieder verlassen konnte, kann ich endlich wieder durchatmen. Keine Enge und kein von Menschen verursachter Lärm.

Immer wenn ich von der Metropole zurück in unser Dorf komme, ist es wie eine Befreiung. Wie konnte ich das nur all die Jahre in einer Großstadt aushalten?

Am schönsten ist nach der Rückkehr immer der erste Spaziergang im Wald. Alles ist mir vertraut und doch nach einem Aufenthalt in der Stadt schaue ich mit neugierigen und hungrigen Augen.

Auf einigen Blättern ruht noch ein Rest des Regens, und als die Sonne durch die Wolken bricht, fängt alles an zu glitzern. Die Blätter der Olivenbäume und die Nadeln der Kiefern funkeln und ich kann mein Glück nicht fassen. Die ersten Blumen zeigen sich und Schmetterlinge tanzen um uns und die frischen gelben Blüten herum.

Wie immer lege ich an einer Steinmauer eine Haselnuss zwischen die Steine, die dort von einem Eichhörnchen still und heimlich eingesammelt wird.

Unser Hund rast mit einer Lebensfreude die Berge hinauf und aus irgendeinem Grund löst das ein großes Glücksgefühl in mir aus. Es ist, als würde ich selbst durch diesen Wald flitzen.

Ab und zu hole ich mein Handy raus und versuche den Glanz festzuhalten, aber es gelingt mir nicht. Auch die Steine funkeln in der Sonne.

Weiter oben steht eine Kiefer so dicht am Wegesrand, dass ich sie berühren kann. Sie ist sehr alt, so wie die meisten dieser wunderschönen Bäume hier und hat eine Krone, die wie ein schützender Schirm über mir steht.

Wie so oft gehe ich zu ihr und lege meine Hände auf die aufgebrochene Rinde, die sich mir wie Bätterteig öffnet. Beinahe 10 cm tief sind die Furchen in ihrem Stamm. Sie gewähren mir einen Blick in ihr Innenleben. Ich erkenne eine Unmenge von Löchern und Wege, die kleinen Lebewesen dort Heimat und Nahrung bieten.

Ich vergleiche diese Rinde mit meinem Rücken. Sagt man nicht, im Rücken des Menschen wird seine Vergangenheit festgehalten?

Es taucht die Frage auf, schaue ich den Baum an oder schaut der Baum mich an?

Dann schließe ich die Augen und lausche. Der Wind hat zugenommen und durch die Kiefern erhält er einen Klang. Wassertropfen fallen von den Bäumen auf die Blätter der Büsche und ich denke erst, es fängt wieder an zu regnen. Unten im Tal rauscht der Bach ins Dorf hinunter. Vögel singen und die ersten Insekten summen an mir vorbei. Es knistert, als würden noch vom Herbst verbliebene Samenkapseln aufplatzen.

Ich schaue nach oben und die Sonne versucht, ihre Strahlen durch das Dickicht der Krone zu schieben, was ihr kaum gelingt. Ich muss die Augen trotzdem schließen, weil es so ein intensives Aufblitzen ist. Ich bin glücklich.

Plötzlich wird es lauter. Der Hund kommt von oben quer durch die Landschaft geschossen und sucht mich. Als er mich erblickt, rennt er mit neuer Freude den Weg hinauf, um das gleiche Spiel zu wiederholen.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende mit vielen präsenten Augenblicken.