„Versteh doch, alles passiert nur in deinem Kopf!“

Das war die Antwort der Eltern einer jungen Frau mit Panikattacken (in Italien). Für sie schreibe ich diese Zeilen. Ja, die Eltern haben recht. Alles spielt sich nur im Kopf ab. Aber hilft uns dieser Hinweis und können wir unsere Gedanken ändern?

Diese Antwort hilft uns überhaupt nicht, da wir nicht der Denker unserer auftauchenden Gedanken sind, und es führt nur dazu, dass wir nun zusätzlich noch ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle haben. Tatsächlich können wir nichts dafür, wenn Angst aufsteigt.

Wer Panikattacken hat, sollte daher unbedingt verstehen, was genau in diesem Moment im Kopf passiert und wie anschließend der Körper darauf reagiert. Dadurch wird klar, dass es keine Schuld geben kann. Außerdem befreit uns dieses klare Wissen über den körperlichen Ablauf von der Angst vor der Angst.

Kurz und einfach zusammengefasst passiert folgendes*:

  1. Im Gehirn gibt es eine Region, die man als Mandelkernkomplex bezeichnet. Immer wenn eine ähnliche Situation auftaucht, die schon einmal Angst hervorgerufen hat, schlägt dieser Mandelkern Alarm. Hierfür muss keine tatsächliche Gefahrensituation vorliegen. Es reicht schon ein überfüllter Raum, weil ihr euch mal im gut besuchten Theater unwohl gefühlt habt, oder wenn ihr zum Zahnarzt gehen müsst, weil ihr beim letzten Arztbesuch Schmerzen hattet. Euer Gehirn ist wie ein Computer. Er hat die dort empfundenen Emotionen und Gedanken gespeichert und hat ein Frühwarnsystem entwickelt. Alles gut und nicht zu kritisieren.
  2. Nachdem der Mandelkern im Gehirn aufmerksam geworden ist, sendet er die entsprechenden Signale an den Körper weiter, damit dieser Energie für Flucht oder Kampf entwickelt. Dafür wird der Herzschlag verstärkt, damit mehr Blut zu den Muskeln fließen kann. Es beginnen die üblichen Symptome, wie Herzrasen, Schweißausbruch, Übelkeit usw. Das ist ebenfalls alles ganz normal und in realen Gefahrensituationen außerordentlich wichtig.
  3. Jetzt wird es spannend, denn während dies alles ganz automatisch geschieht, ohne dass wir uns darüber bewusst sind, tritt nun nach 2-3 Sekunden der rationale Teil unseres Gehirns in Aktion. Ein Mensch ohne Neigung zu Panikattacken wird nun erkennen, dass gar keine Gefahr vorliegt und entspannt ausatmen, damit der Körper den hochgefahrenen Motor wieder herunterschalten kann. Alles ist gut und das Leben geht weiter.

Wir erkennen die Situation ebenfalls rational als ungefährlich, führen jedoch im Gehirn irrationale Gedankengänge fort. Es findet also eine Trennung statt zwischen dem Körper, der sich objektiv betrachtet in diesem Augenblick in einer völlig gefahrlosen Situation befindet, und dem Gehirn, welches Gedankenkino in einer ganz anderen Zeit betreibt. Die Gedanken bewegen sich meist in der Zukunft, und die schrecklichsten Szenen tauchen auf, die alle eintreten könnten. Kontrollverlust durch Ohnmacht oder gar der bevorstehende Tod sind plötzlich gegenwärtig. Gespeist wird dies alles noch durch die Erinnerungen aus den in der Vergangenheit erlebten ähnlichen Situationen.

Aus der Angst wird nun Panik.

Tatsächlich also passiert alles nur im Kopf. Es sind die Gedanken. Nun können wir unsere Gedanken nicht einfach ändern, denn was im Gehirn auftaucht, wird nicht von uns bewusst entschieden. Wir haben ein konditioniertes Gehirn, d.h. – wieder mal ganz knapp zusammengefasst* – unser Gehirn präsentiert uns die Gedanken, die wir ihm aufgrund unserer Gene oder Erlebnisse ermöglichen.

Befinden sich zwei Menschen in einem Raum, werden die Sinne der beiden aufgrund ihrer unterschiedlichen Konditionierung die vorhandenen Objekte nie gleich wahrnehmen oder interpretieren.

Was betrachten meine Augen? Was nimmt mein Geruchssinn wahr? Was empfinde ich als angenehm oder unangenehm? Wie interpretiert das mein Gehirn? Das ist absolut individuell. Wir sind unseren Gedanken daher erst einmal völlig hilflos ausgeliefert. Sie tauchen auf und reden leise vor sich hin.

Es ist ganz wichtig zu verstehen, dass ihr eurem Gehirn niemals sagen könnt, diese Gedanken will ich haben und diese nicht. Das funktioniert genauso wenig, wie negative Gedanken durch positive Gedanken ersetzen zu wollen.

Es geht also nicht darum, Gedanken – auch wenn sie uns negativ erscheinen, weil sie uns Angst machen – weghaben zu wollen, sondern es geht darum,

wie ich mit meinen Gedanken umgehe!!!

Denn das Gute ist – und das wird in unserer materiell orientierten Welt völlig übersehen – Gedanken sind nur Gedanken. 

Sobald Angst auftaucht und erkannt wird, dass objektiv betrachtet keine Gefahr vorliegt, geht es darum, die irrealen Gedankengänge zu erkennen und diese ins Leere laufenzulassen. Es ist wichtig, nicht an die unbewusst auftauchenden Gedanken anzuhaften und mit bewussten Gedanken einen Angstfilm daraus zu machen, der mit dem, was tatsächlich im Moment vorliegt, nichts zu tun hat.

Wenn uns dieser selbst geschaffene Gedankenfilm bewusst wird, kann man ihn mit etwas Übung ganz einfach unterbrechen.

Das ist so simpel, dass ich mich – wenn ich in der Vergangenheit leben würde – darüber ärgern könnte, dass niemand in der Lage war, mir das in den letzten 30 Jahren mal zu erklären.

Deshalb habe ich auch das Buch geschrieben. Ich bin diesem Phänomen mit Hilfe des Yoga auf die Spur gekommen und kann daher auch nur diesen Weg empfehlen. Oft tauchen die Ängste auf, weil wir mit unserem Leben nicht in Balance sind. Deshalb schreibe ich auch immer, dass sie eigentlich ein Geschenk sind, denn sie weisen uns darauf hin, dass irgendetwas in unserem Leben nicht stimmig ist.

Zudem sorgt Yoga mit seiner allumfassenden Wirkung auf Körper und Geist immer dort für Ausgleich und Harmonie, wo wir es nötig haben.

Dabei darf nicht übersehen werden – und das wiederhole ich stets – dass Yoga = Meditation ist. Alle Yoga-Übungen (Atmung, Asanas und die Philosophie) sind also nur die Mittel, um am Ende den Zustand der Meditation (Präsenz) zu erreichen.

Wer meditiert und völlig präsent ist, der erkennt, dass Gedanken nur Impulse sind, die einfach auftauchen. Wer meditiert, der lernt, an frei auftauchende und somit völlig unkontrolliert auftauchende Gedanken nicht mehr anzuhaften. Sie verlieren dann sofort ihre Macht über uns und wirken nicht mehr so schwer und erdrückend wie die Steine auf dem Bild. Wer meditiert, wird sich dann auch nicht mehr mit diesen Gedanken identifizieren. Wer meditiert erkennt, wir sind nicht unsere Gedanken!

Wir sind alle konditionierte Wesen. Und somit haben die Eltern der jungen Frau auf jeden Fall recht. Alles spielt sich in unserem Kopf ab. Aber nur die wenigsten wissen, dass sich das nicht nur auf die Angst, sondern auf alle Gedanken und Emotionen bezieht, die ein Mensch hat.

Und jeder muss für sich entscheiden, ob er das irgendwann durchschauen oder sich weiterhin mit einem von Evolution, Genetik und der Erziehung konditionierten Gehirn identifizieren möchte.

 

*Im Buch gehe ich detaillierter auf diese Punkte ein