Schweigen

Seit ein paar Tagen schweige ich wieder. Ich rede nicht von morgens bis 15 Uhr am Nachmittag.

Das habe ich vor ein paar Jahren schon einmal über mehrere Monate getan, jedoch nur für einen Tag in der Woche. Damals hatte ich noch das Yogastudio und wenn es sein musste, habe ich auch schweigend Yoga unterrichtet. Es gab damals viel Widerstand gegen mein Schweigen. Man sollte es nicht glauben, aber meine Mitmenschen haben es zum Teil als persönlichen Angriff empfunden, weil ich ihnen aufgrund meines Schweigens nun nicht mehr uneingeschränkt zur Verfügung stand.

Ich habe damals auch regelmäßig meditiert, um meine auftauchenden Gedanken beobachten zu können. Durch das Schweigen am Tage konnte ich diese größere Aufmerksamkeit auch im Alltag einbringen.

Wenn man nicht redet, werden die anderen Sinne automatisch mehr in Anspruch genommen. Aus dem normalen Hören wird ein intensiveres Lauschen. Mit den Augen sucht man mehr Kontakt zu allen Dingen und seiner Umgebung. Man schaut genauer hin. Man merkt auch, wieviel Energie für das Reden eigentlich aufgewendet wird. Wenn diese frei wird, bleibt für die anderen Sinne mehr übrig.

Wer das noch nie ausprobiert hat, der weiß vielleicht nicht, wie schwer es sein kann, still zu bleiben, wenn alle um einen herum aktiv sind. Fragen werden gestellt, Behauptungen gemacht und es wird gehandelt. Es ist eine wirklich große Herausforderung, nicht gleich, wie üblich, seinen auftauchenden Gedanken nachzugehen (nachzugeben) und mit den ersten reflexartig auftauchenden Worten zu antworten, sich gegen aufgestellte Meinungen zu verteidigen oder gar Handlungen sofort zu unterbinden, weil sie einem nicht zusagen.

In diesen Augenblicken erscheint es einem wie eine Qual, weil man sich nicht artikulieren und einbringen kann, aber am Ende erkennt man, dass es überhaupt keinen Unterschied gemacht hat und dass es gut war, dass man sich zurückgehalten hat. Nichts ist mir in dieser Zeit verloren gegangen. Ganz im Gegenteil.

Weil wir konditionierte Wesen sind und Gedanken und Emotionen entsprechend dieser eingeprägten Rillen im Gehirn, so will ich sie mal nennen, auftauchen, sind auch unsere hierdurch ausgelösten Reaktionen unbewusste Wiederholungen.

In der Meditation können wir unser Gedankenmuster gut erkennen. Wir erkennen, wie Gedanken erscheinen und uns aus unserer Konzentration bringen wollen. Sie wollen unsere ganze Aufmerksamkeit und fordern uns ständig zum Handeln auf. Wenn wir außerhalb der Meditation schweigen, dann können wir sehen, wie unbewusst wir meistens auch antworten oder handeln.  Genauso, wie die Gedanken spontan ohne unser Zutun auftauchen, genauso reflexartig befolgen wir ihre Wünsche oder Befehle.

Oft kam es vor, dass Worte einfach aus meinem Mund schossen, ohne dass ich darüber überhaupt nachdachte oder reflektierte. Das waren dann meistens Situationen, die ich aus dem  Alltag schon kannte und sich daher oft wiederholten. Z.B. kam ich nach Hause und die Küche war unordentlich oder dreckig. Kaum war ich in der Wohnung kamen schon die üblichen Vorwürfe und Fragen.

Ich musste mir in solchen Situationen tatsächlich die Hand auf den Mund legen, damit nicht das übliche Geplappere herausrutscht. Ich merkte, dass Worte oder Antworten oft schon fertig waren, bevor die Situation richtig erkannt oder die Frage überhaupt richtig verstanden wurde.

Ich konnte auch beobachten, dass ich von Menschen, die ich gut kannte, ein völlig festgelegtes Bild hatte und es bei meinen Antworten nicht auf die Frage dieser Person ankam, sondern auf das, was ich über diesen Menschen dachte.

In dieser Zeit konnte ich wirklich sehr viel über mich und auch über meine Mitmenschen lernen. Das war eine sehr wichtige Erfahrung. Ich konnte ein besserer Beobachter und hoffentlich auch ein besserer Zuhörer werden.

Damals ging es mir beim Schweigen um Selbsterforschung, und heute bin ich einfach nur müde davon von dem Gefühl, ich rede, aber es hört niemand mehr zu.

Da sitzt man jemandem gegenüber und unterhält sich und dann merke ich, dass die Aufmerksamkeit meines Gegenübers schon wieder ganz woanders ist. Die Hand wandert zum Handy oder der Blick geht unruhig hin und her, auf der Suche nach neuen Gesichern, neuen Eindrücken, weil wir es verlernt haben, einfach mal bei einer Sache zu bleiben. Ich weiß, es geht nicht gegen mich, denn auch die anderen unterhalten sich, ohne sich überhaupt wahrzunehmen. Wenn ich das beobachte, dann werde ich automatisch zum schweigenden Beobachter. Ich versuche dann die Menschen, mit denen ich am Tisch sitze, zu spüren. Ich entspanne mich und versuche, nicht mehr gegen die Musik oder den Lärm von den Nachbartischen anzureden. Lausche auf das, was hinter den Worten liegt. Sehe ein Lächeln und lächle zurück. Sehe, dass es schmeckt, was auf dem Teller liegt und freue mich.

Wenn mich niemand fragt, erzähle ich auch nichts mehr. Es ist erstaunlich, wie oft und über wie viele Jahre man mit Menschen zusammen sein kann, ohne dass sie einen fragen, wie es einem wirklich geht und was man so den ganzen Tag macht. Alle sind immer selbst sehr beschäftigt. Wichtig. Müssen noch immer etwas schaffen und erreichen. Nur wenige sind da, wo sie gerade sind, und wenn ich dann mit ihnen sein darf, bin ich froh und dankbar.

Heute waren wir mit dem Hund im Wald. Wir waren in Begleitung. Ich schwieg. Kaum waren die ersten Schritte getan, fing neben mir die Unterhaltung an. Wie kann man sich in dieser wunderbaren und sauberen Landschaft über Autos und Abgase unterhalten oder über Politik? Warum können die Menschen nicht all ihre Gedanken zu Nachrichten aus dem TV oder Internet einfach mal am erstbesten Baum vor dem Wald wie eine alte Jacke anhängen, um sich ganz den neuen Eindrücken widmen zu können? Wenn sie später zurückkommen, dann dürfen sie diese vielen alten Gedanken ja wieder mitnehmen, wenn sie es denn wollen. Ich jedoch an ihrer Stelle würde den alten Gedankenkram einfach hängen lassen.

Ich hielt Abstand. Lief langsam hinterher. Versuchte die Geräusche des Waldes einzufangen, den Duft der feuchten Erde aufzunehmen und mit den Augen so viel wie möglich auf mich einwirken zu lassen. Die Sonne glitzerte in den letzten noch auf den Tannennadeln hängengebliebenen Regentropfen. Was für eine Freude. Welch ein Genuss. Überall riesengroße Pilze, die mit so einer Kraft aus den Boden kommen, dass sie altes Laub und sogar Steine zur Seite schieben oder anheben. Ich begreife, wenn ich wirklich sehe, was da ist, ganz ohne Gedanken, werde ich diese Vielfalt und Schönheit kaum ertragen können.

Motiviert von Notis Stamos (https://clicktoart.wordpress.com/2018/12/14/snow-circle/) habe ich diesmal auch meine alte Kamera (nicht nur mein Handy) mitgenommen, um Fotos zu machen. Das Beitragsfoto ist eine Aufnahme von heute.

Je stiller ich werde, desto mehr nehme ich wahr. Ob irgendwann der Tag kommt, wo ich gar nicht mehr sprechen möchte?

Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag und frische und offene Gespräche. Das sind nicht die, die von Kopf zu Kopf geführt werden, weil da nur eingefahrene Gedanken ausgetauscht werden, sondern Gespräche von Herz zu Herz.