Krishnamurti: Was ist Meditation?

Die Meditation nimmt in meinem Buch einen wichtigen Platz, vielleicht sogar den wichtigsten ein. Da wir in einer sich sehr schnell wandelnden Zeit leben und daher meistens einen sehr unruhigen Geist haben, können wir nicht so ohne weiteres in den Zustand der Meditation gelangen. Daher sind meine vorgeschlagenen Übungen hauptsächlich erst einmal Konzentrationsübungen. Sie sind die Vorbereitung auf die Meditation und können und sollten regelmäßig geübt werden, um sich und seine Konditionierungen – auch hinsichtlich der Angst – besser kennenzulernen.

Im Gegensatz zu den Konzentrationsübungen ist Meditation nicht etwas Separates von unserm Alltag. Meditation beinhaltet alles und somit auch den normalen Tagesablauf. Es ist nicht etwas, was man 20 Minuten am Tag sitzend in einem Raum praktiziert, um dann anschließend wieder mit dem Gewohnten und Üblichen fortzufahren.

Meditation ist auch nicht etwas, was man von einem Lehrer erlernen kann oder wofür man einen Guru oder ein bestimmtes Umfeld braucht. Vielmehr gehört es zur Meditation, dass man seinen eigenen inneren Lehrer findet. Der wunderbar analytische Krishnamurti nennt diesen inneren Guru (Lehrer) das eigene Licht, welches uns zu unserem Selbst führt.

Krishnamurti sagt, dass uns das nicht leichtfällt, weil wir es gewohnt sind, uns an Lehrer und somit an Autoritäten zu halten. So kommt es auch, dass wir glauben, für die Meditation ebenfalls einen Lehrer zu benötigen. Wenn wir uns jedoch einem scheinbar wissendem Lehrer zuwenden, wird es uns womöglich nicht gelingen, unseren eigenen Lehrer und somit unser eigenes Licht zu finden. Vielmehr wird uns dieser daran hindern, wirklich frei zu sein. Absolute Freiheit ist eine unabdingbare Voraussetzung für erfolgreiche Meditation.

Dieser Hinweis von Krishnamurti war es auch, der mir, einmal gehört, nie aus dem Sinn ging und mich davor bewahrte, mich irgendwelchen Gruppen oder Ideologien anzuschließen. Es war der Hinweis auf die Notwendigkeit der absoluten Freiheit, der mich vor der Enge eines Konzepts bestimmter Lehrer bewahrte. Ich war daher in der Lage, jegliche Autorität in Frage zu stellen.

Aber damit nicht genug. Auch die eigene Autorität muss hinterfragt werden. Eigene Erfahrungen und getroffene Schlussfolgerungen müssen angezweifelt werden, damit der eigene Geist völlig frei bleibt und Platz für die Meditation schaffen kann.

Nur so sind wir in der Lage,  die eigene Struktur zu erkennen. Wie wir denken, wie wir fühlen und handeln. Das ist Selbsterforschung. Wenn wir die eigene Autorität nicht ablegen, werden wir nicht erkennen, wer wir sind, sondern wir werden nur das erkennen, was wir denken zu sein oder sein zu müssen. Und das ist ein wesentlicher Unterschied.

Krishnamurti sagt, um diesen Unterschied wahrnehmen zu können, müssen wir sehr aufmerksam und sehr präsent sein. Das fällt uns sehr schwer, denn was sich hier in uns und außerhalb von uns abspielt, wird nicht neutral von uns beobachtet. Wir schauen und erleben uns und die Welt mit allen in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen. Wir können auch sagen, wir schauen durch die Vergangenheit auf das Jetzt.

Um das zu erkennen, müssen wir zum neutralen Beobachter werden. Die Beobachtung selbst kann nur jetzt passieren. In diesem Augenblick. Und dieser Augenblick kann nicht der Augenblick sein, in dem die Vergangenheit das Jetzt beobachtet.

Wir müssen also zum Beobachter ohne Vergangenheit werden.

Die Beobachtung aus der Vergangenheit zu diesem Augenblick muss also enden. Dann erreichen wir das Jetzt. Wenn uns das nicht gelingt, dann wird das Jetzt zur gedanklichen Vergangenheit oder zur Zukunft und erreicht niemals die tatsächliche Präsenz.

Für die Angst und alle anderen Emotionen bedeutet dies, dass wir diese, sobald sie aufsteigen, immer mit dem Blick aus der Vergangenheit sehen, bewerten und entsprechend handeln. Es entsteht daher der Wunsch, etwas verändern zu wollen oder gar der Drang zu fliehen. Nur, wenn Erinnerungen aus der Vergangenheit da sind, bekommen auftretende Emotionen das Etikett negativ oder positiv verpasst und veranlassen uns zum entsprechenden Handeln.

Sind wir jedoch absolut präsent und somit in der Meditation, dann erkennen wir, wie Emotionen aufsteigen und wie sie wieder verschwinden, weil sie nicht von uns bewertet oder gar verurteilt werden. Sie werden nur neutral wahrgenommen.

Wir machen jeden Tag enorm viele Erfahrungen. Erfahrungen über die Sinne und den Körper. Diese Erfahrungen werden zu Erinnerungen, wenn wir sie hier und jetzt abrufen.

Diese Erinnerungen zerstören die Beobachtung.

Wir haben viele Konditionierungen aufgrund unserer Genetik, Erziehung und selbstgemachten Erfahrungen. Und all diese Konditionierungen sorgen dafür, dass wir ein Bild davon haben, was wir erfahren und erleben möchten. Das gilt auch für die Meditation, die voller Erwartungen angetreten wird. Vielleicht in der Hoffnung, ein bestimmtes Erlebnis zu haben, eine Vision zu bekommen usw.

Sobald wir also in der Meditation sitzen, gibt es einen konditionierten Erfahrenden mit bestimmten Wünschen und Vorstellungen, entsprechend seiner vorher gemachten Erfahrungen. So ist je nach Konditionierung bei dem einen die Suche nach Nirwana und bei einem anderen die Suche nach Gott oder Erleuchtung im Vordergrund. Erfahrung bedeutet jedoch auch Rekognition, also schon die Anerkennung der Echtheit des Erlebten aufgrund unserer Erfahrung. Es ist also mit Wissen belastet, und wenn wir es schon wissen, kann es nichts Neues sein.

Krishnamurti kommt daher zu der logischen Schlussfolgerung, dass ein Geist, der nach Erfahrungen sucht, sich tatsächlich immer in der Vergangenheit befindet und daher nichts Neues oder das total Ursprüngliche wahrnehmen kann. Die Meditation  muss daher frei von Erfahrungen sein.

Keine Autorität und kein Bedürfnis nach Erfahrung. Somit darf es auch keinen Erfahrenden geben.

Ist das verstanden worden, können alles Handeln, die Wünsche und Ablehnungen, Beziehungen zu Menschen und der Umwelt sehr aufmerksam beobachtet werden. Dies muss geschehen, ohne der Erfahrende zu sein, der urteilt und abwägt.

Beobachtet die Angst, wie sie auftaucht und was sie mit uns macht. Sie verzerrt jegliche Wahrnehmung. Beobachtet die Reaktion des Geistes im Zustand der Traurigkeit und wie er uns davon ablenken will, und wie er den Zustand der Freude halten möchte usw.

Wer meditieren möchte, der muss dieses Treiben des Geistes erkennen und frei davon sein.

Krishnamurti stellt die Frage, ob die üblichen Meditationsmethoden aus Indien, Tibet oder anderen Religionen, die den Geist kontrollieren wollen, uns hierbei helfen können. Denn danach sind Gedanken ja der störende Faktor für einen stillen Geist.

Es werden z.B. Mantren wiederholt, um die Konzentration zu erhöhen und die Gedanken anzuhalten.

Er fragt weiter, wer aber ist der Kontrolleur dieses ganzen Ablaufs? Während die Konzentration geübt wird, entschlüpft uns da nicht ständig der jetzige Augenblick?

Für die Konzentration brauchen wir Anstrengung. Wir müssen uns bemühen, den Gedanken zu verfolgen, fest- oder gar anzuhalten. Das stellt jedoch einen Konflikt dar, da es kein natürlicher Zustand ist.

Krishnamurti machte diese Ausführungen, als die Gehirnforschung noch nicht so weit fortgeschritten war wie heute. Heute weiß man, dass an einem Tag ca. 60.000 bis 80.000 Gedanken durch unser Gehirn fließen. Diese kontrollieren zu wollen ist völlig abwegig.

Er führt weiter aus, dass ein Kontrolleur, der den Gedanken hat, er müsse die Gedanken kontrollieren, nichts anderes ist, als ein weiterer Gedanke. Diese Gedanken spalten sich also, sind nicht in Harmonie miteinander und stellen daher einen Konflikt dar. Denn der eine Gedanke, der kontrollieren  möchte, versucht all die anderen Gedanken zu unterdrücken oder zu dominieren, um Nirwana oder Gott zu erreichen.

Wir müssen also erkennen, dass es nur Denkengibt. Es gibt weder einen Denker noch einen Gedanken. 

Warum sollten wir also dieses Denken mit Hilfe von Wörtern, Gesängen oder sonstigen Übungen stoppen? Wenn es nur Denken gibt, warum sollte es angehalten werden? Denken ist eine Bewegung. Eine Bewegung in der Zeit. Denken ist Zeit. Wir sollten nicht überlegen, wie kann man das Denken anhalten, sondern vielmehr versuchen zu klären, ob man die Zeit anhalten kann.

Hier stellt er die Frage, ob es möglich ist zu leben, ohne irgendetwas kontrollieren zu wollen. Ein alltägliches Leben, in der es keine psychologische Kontrolle gibt.

Kontrolle kann es nur dann geben, wenn es einen Vergleich gibt. Dann hat man die Wahl für das eine oder das andere und es kann der Gedanke der Kontrolle über eine bestimmte Richtung auftauchen. Z.B. vergleiche ich mich mit anderen und möchte so werden oder nicht so werden wie diese oder jene Person. Dann machen wir eine Anstrengung, um dieses Ziel zu erreichen.

Wenn ich jedoch davon ausgehe, dass ich bin, was ich bin, dann gibt es nichts, was ich anderes erreichen kann, um mehr zu sein als das, was ich sowieso schon bin. Diese Energie, die wir einsparen, weil wir nicht vergleichen und uns bemühen, etwas sein zu wollen, was wir nicht sind, bringt uns zu dem, was wirklich ist und somit zur Meditation.

Kann die Zeit ohne Kontrolle auf ganz natürliche Art und Weise zu einem Ende kommen?

Wenn ich mich hierfür anstrengen muss, dann bedeutet es, dass immer noch Denken vorhanden ist.

Der Denker ist der Gedanke. Ist da kein Denker, gibt es auch keine Gedanken. Das Denken ist Bewegung und somit Zeit. Können wir das anhalten?

Zeit ist Vergangenheit. Es gibt keine Zeit in der Zukunft.  Nur wenn die Vergangenheit die Gegenwart trifft sie dort modifiziert wird und sich in die Zukunft fortbewegt, dann haben wir auch so etwas wie Zeit in der Zukunft. Zeit ist also eine Bewegung von der Vergangenheit in die Gegenwart. Diese Bewegung muss stoppen. Die Bewegung des ganzen Wissens, welches in der Vergangenheit erworben wurde und in der Gegenwart zur Anwendung kommen möchte.

Dies kann nicht willentlich geschehen, denn das wäre wieder Kontrolle. Wir können es uns auch nicht wünschen, denn das sind wieder Gedanken.

Krishnamurti stellt daher wieder die Frage, wie kann Zeit auf eine ganz einfache und natürliche Art und Weise angehalten werden?

Die Vergangenheit ist immer im Hintergrund vorhanden. Wir leben in der Vergangenheit. Der jetzige Moment ist transformiert von unseren Erinnerungen, und diese Erinnerungen bringen uns stets in die Vergangenheit zurück. Kann diese Bewegung von der Vergangenheit zum Jetzt beendet werden?

Die Vergangenheit ist eine stetige Bewegung. Immer nach vorne. Ununterbrochen. Sie trifft auf das Jetzt und bewegt sich nach vorne. Das Jetzt jedoch ist Unbeweglichkeit. Und weil wir uns stets in der Zeit bewegen, wissen wir nicht, was das Jetzt ist.

Wenn die Bewegung aus der Vergangenheit auf das Jetzt trifft, gibt es überhaupt keine Bewegung mehr. Die Bewegung endet hier. Das Unbewegliche ist das Jetzt.

Gedanken, die immer aus der Vergangenheit herrühren, treffen auf die Gegenwart und enden hier.

Der Geist (Mind) besteht nicht nur aus Materie, also dem Gehirn. Er nimmt auch Gefühle wahr und besteht aus allem, was das Gehirn in all den Jahren in ihn hineingepackt hat, was wir dann Bewusstsein nennen. Kann dieses Bewusstsein als ein Ganzes wahrgenommen werden? Nicht nur als einzelne Fragmente? Dies wäre dann endlos. Wenn es eine Beobachtung des ganzen Bewusstseins gibt, dann gibt es ein Ende.

Krishnamurti gibt hierfür auch ein gutes Beispiel: Das ist so, als würden wir auf eine Landkarte schauen, ohne auf ein bestimmtes Ziel auf dieser Karte fixiert zu sein. Wir sehen und erkennen die ganze Karte ohne eine bestimmte Richtung. So schauen wir auf das totale Bewusstsein ohne Motiv und somit ohne Richtung. Dann können wir die Totalität des Bewusstseins erkennen.

Ist das möglich, da wir doch stets aus einem Motiv heraus handeln?

Wir handeln stets aus dem Motiv heraus, weil wir weg wollen von dem, was uns nicht gefällt zu dem, was uns gefällt. So sind wir konditioniert.  Deshalb können wir nie das Ganze sehen.

Wir können die Totalität nur wahrnehmen, wenn es keine Richtung gibt, wenn kein Motiv vorhanden ist.

All dies sind Teile der Meditation. Es darf kein Zentrum geben, von dem eine Richtung ausgehen kann. Das Zentrum ist das Motiv. Gibt es kein Motiv, gibt es kein Zentrum und somit keine Richtung.

Wenn mich jemand fragt, was ist Yoga, so lautet meine Antwort stets, Yoga ist Meditation. Meditation ist, sein Selbst zu kennen und in Harmonie zu leben.

Krishnamurti sagt, Yoga ist Harmonie. Nicht weil du die Übungen machst und Atemübungen machst, ist die Harmonie da. Sein Selbst zu leben ist Harmonie. Das geht aber nur, wenn wir verstanden haben, wie wir funktionieren.

Wenn wir in diesem Sinne Yoga machen, wird der Körper sehr sensibel und der Geist wird sehr klar. Wir können anderer Leute Gedanken lesen. Wir haben größere Kapazitäten. Telepathie und viele andere Dinge sind möglich.

Wenn wir diese Fähigkeiten jedoch kultivieren, befinden wir uns wieder in der Zeit und man wird alles wieder verlieren. Man ist dann an dem Wesentlichen vorbeigegangen.

Wenn das oben Aufgeführte verstanden wurde, ist der Mind (Geist) vorbereitet zu beobachten, ohne jegliche Bewegung. Das heißt, ganz alleine zu sein und sein eigenes Licht zu sein, ohne Einfluss von außen. Dann gibt es Stille. Keine Stille, die eintritt, weil irgendetwas aufgehört hat, wie Stimmen oder andere Geräusche. Es ist ein ganz natürliches Ereignis des alltäglichen Lebens. Eine Schönheit, die dem Alltag innewohnt. Die Schönheit der Unbeweglichkeit.

Was ist Schönheit? Ist es eine subjektive Beschreibung? Ist es das, was wir sehen und als groß, tief, breit oder genial bezeichnen? Ist es ein Bild von Michelangelo? Liegt die Schönheit in unseren Augen oder in der Sache selbst? Liegt es an unserer Konditionierung und Interpretation, welche Dinge wir als Schönheit bezeichnen?

Wahre Schönheit existiert, wenn wir nicht existieren. Wenn das, was ist, sich selbst ausdrücken darf. Wenn es nicht von uns beschrieben und ausgedrückt wird in Worten oder Bildern.

Wir haben oben gesehen, dass Vergleich eine Bewegung ist. Ohne Vergleich ist der Mind (Geist) still und alles was dann erscheint, ist einmalig und daher stets heilig.

Wir wissen nicht, was heilig ist. Wir haben nur eine Vorstellung davon. Und diese Vorstellungen entspringen wieder unseren Gedanken. Aber diese Stille ist unberührt von den Menschen und von Gedanken und daher höchst heilig.

Das ist wahre Meditation. Nichtwissen. Wenn wir mit Wissen starten, enden wir in Zweifeln.

Also leeren wir uns erst einmal unserem Wissen. Von dieser Leere aus kann alles natürlich fließen und wir enden in der absoluten Wahrheit. Und dann hat das Leben eine ganz andere Bedeutung.

Den Vortrag von Krishnamurti findet ihr im Original in English unter: https://www.youtube.com/watch?v=8b9E9gz3yTE