Furcht und Schrecken

Dieser Beitrag ist mit den Gedanken an eine liebe Freundin geschrieben worden, um ihr noch einmal darzulegen, dass der Geist des Menschen ganz einfach funktioniert. Entweder findet er etwas gut und will es haben oder er lehnt es ab und wehrt sich dagegen. Dem folgen alle Handlungen, die wir tätigen. Wer meditiert, der kann das sehr gut beobachten.

Das tut nur keiner. Deshalb wissen die meisten Menschen nicht, warum sie gerade dieses oder jenes tun. Wenn jedoch die Ängste kommen und man das Glück hat, auf einen Menschen oder Lehrer zu treffen, der uns genau darauf hinweist, lohnt es sich, dieses simple Verhalten des Gehirns zu erforschen. Es könnte eine große Bereichung für das Leben und ganz nebenbei die Befreiung von allen Ängsten mit sich bringen.

Ich merke, wie schwer es für uns Menschen ist, diesen einfachen Automatismus des Gehirns zu akzpetieren. Gerade diejenigen, die mit Panikattacken zu kämpfen haben, müssen immer weiterfragen und hinterfragen und alle Einwände kommen natürlich vom Verstand. Sie lauten oft:  ja aber …, wenn aber …, aber bei mir …, wenn dies, wenn das …?

Dieses Nichtinnehalten- und Nichthinhören-Können macht die Sache so kompliziert und forciert die Angst.

Wenn also die Angst kommt und es liegt keine Gefahr vor, dann redet das Gehirn und sagt: nein, diese Angst und all diese unangenehmen Symptome will ich nicht haben. Selbst wenn die irrationale Angst noch nicht da ist, reden die Gedanken schon im Kopf und sagen: nein, ich will nicht, dass die Angst in der Zukunft ständig auftaucht. Wir bleiben zu Hause oder stellen uns die Frage, warum gerade ich, warum muss die Angst immer zu mir kommen? Wir versuchen somit stets, vor der Angst davonzulaufen. Das ist das eigentliche Drama, denn das macht uns das Leben so schwer. Wir sind ständig auf der Flucht vor einem Phantom, das von unseren eigenen Gedanken kreiert wird.

Wenn jedoch sehr erfreuliche Dinge passieren, dann stellt sich niemand die Frage, warum das gerade uns passiert ist. Das wird einfach mit großer Freude und Selbstverständlichkeit hingenommen. Unsere Gedanken sind ja eigentlich mit nichts anderem beschäftigt, als uns gerade zu diesen erfreulichen Ereignissen hinzutreiben.

Es geht darum, still zu bleiben und genau diesen Ablauf (das will ich – und das will ich nicht) im Gehirn zu beobachten. Die auftauchenden Fragen zu beobachten. Warum stellen wir uns diese Fragen? Wo kommen sie her? Wie reagiert der Körper? Das ist es, was uns endgültig von der Angst befreien kann. Vielleicht hilft es ja, wenn wir hier an dieser Stelle Buddha zitieren.

Vor einigen Tagen habe ich eine Lehrrede des Budhha gelesen, die genau auf dieses Thema hinweist. Sie entstammt den Lehrreden des Buddha aus der Mittleren Sammlung (Majjhima Nikaya). Es ist die im Teil Eins unter Nummer 4 aufgeführte Rede mit dem Titel: Furcht und Schrecken(Bhayabherava Sutta).

Hier erklärt Buddha einem Brahmanen, unter welchen Umständen das Verweilen an entlegenen Plätzen im Wald nicht zu Furcht und Schrecken führt, sondern ein angenehmer Aufenthalt ist. Dabei erzählt er auch, wie er vor seinem Erwachen mit Furcht und Schrecken umgegangen ist. Und diesen Textausschnitt möchte ich mit euch und vor allem mit meiner lieben Freundin teilen:

  1. „Ich erwog: ,Es gibt diese besonders glücksverheißenden Nächte am vierzehnten, am fünfzehnten und am achten des Halbmonats. Wie wäre es, wenn ich mich in solchen Nächten an so ehrfurchtseinflößenden, schreckenerregenden Plätzen, wie Obstgartenschreinen, Waldschreinen und Baumschreinen aufhielte? Vielleicht könnte ich jener Furcht und jenem Schrecken begegnen.‘ Und später hielt ich mich in solchen Nächten an so ehrfurchtseinflößenden, schreckenerregenden Plätzen, wie Obstgartenschreinen, Waldschreinen und Baumschreinen auf. Und während ich mich dort aufhielt, kam gelegentlich ein wildes Tier in meine Nähe, oder ein Pfau schlug einen Ast ab, oder der Wind raschelte in den Blättern. Ich dachte: ,Was nun, wenn jetzt Furcht und Schrecken kommen?‘ Ich dachte: ,Warum weile ich immer in Erwartung von Furcht und Schrecken? Wie wäre es, wenn ich jene Furcht und jenen Schrecken unterwürfe, während ich die Stellung beibehalte, in der ich mich befinde, wenn sie über mich kommen?‘“ „Während ich auf und ab ging, kam Furcht und Schrecken über mich; weder blieb ich stehen, noch setzte ich mich, noch legte ich mich hin, bis ich jene Furcht und jenen Schrecken unterworfen hatte. Während ich stand, kam Furcht und Schrecken über mich; weder ging ich auf und ab, noch setzte ich mich, noch legte ich mich hin, bis ich jene Furcht und jenen Schrecken unterworfen hatte. Während ich saß, kam Furcht und Schrecken über mich; weder ging ich auf und ab, noch stand ich auf, noch legte ich mich hin, bis ich jene Furcht und jenen Schrecken unterworfen hatte. Während ich lag, kam Furcht und Schrecken über mich; weder ging ich auf und ab, noch stand ich auf, noch setzte ich mich, bis ich jene Furcht und jenen Schrecken unterworfen hatte.“

Anstatt also immer davonzulaufen, geht es darum, in der Angst zu bleiben und zu schauen, was im Kopf und im Körper passiert. Der stille Beobachter bleiben. Das ist es, was ihr mit der Meditation erlernen könnt.

Stellt euch vor, ihr sitzt einfach ganz ruhig da und atmet. Ihr lauscht den Geräuschen um euch herum. Egal, welche Töne auftauchen. Ein Hund bellt. Der Magen knurrt. Der Straßenverkehr lärmt. Wir merken, alles um uns herum passiert ohne unser Zutun. Dann lenken wir die Aufmerksamkeit auf die Gedanken. Wir stellen fest, auch die Gedanken passieren uns einfach. Sie tauchen auf und verschwinden wieder, wenn wir sie nicht festhalten.

Ist das einmal klar, dann müsst ihr die auftauchenden ängstlichen Gedanken auch nicht mehr in Fragen formulieren. Wer beobachtet erkennt, dass die Gedanken dann schon wieder verschwunden sind, bevor die Frage überhaupt formuliert werden kann. Nur das Festhalten an diesen Gedanken führt dazu, dass sie uns in eine mit Angst behaftete Zukunft treiben. Bleiben wir der Beobachter, müsst ihr nicht mehr mit euren eigenen Gedanken diskutieren, sie verurteilen oder gar vertreiben wollen. Es gilt zu erkennen und nicht zu vergessen, alle Gedanken sind “NUR“ Gedanken. Sie haben überhaupt keine Realität. Erst die ausgesprochenen Fragen und Handlungen geben den Gedanken eine Art Wirklichkeit.

Ja, ja sagt ihr vielleicht, das habe ich verstanden, aber…

Nein, ihr habt dann noch nicht verstanden. Gedanken (auch die ängstlichen) sind wie Seifenblasen und zerplatzen, sobald man ganz still bleibt, genau da, wo man gerade ist, und sie frei durch den Geist ziehen lässt.

Ich wünsche Euch und meiner lieben Freundin ein schönes Wochenende. Bleibt der neugierige Beobachter mit einem offenen Herzen und einem weiten Geist.