Mut zur Angst

Vor kurzem begegnete mir eine Beschreibung der Angst, die ich gerne mit euch teilen möchte. Nie zuvor habe ich schönere Worte hinsichtlich ihrer Definition gelesen. Die Angst wird von Martin Heidegger, einem der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, so wunderbar beschrieben, dass sie schon alleine dadurch ihren negativen Charakter verliert.

Niemand kann die Angst so schön und treffend beschreiben, wenn er sie nicht selbst erlebt hat.

“Die Angst

Sie ist die umschattete Königin unter den Stimmungen. Man muss sie unterscheiden von der Furcht. Diese richtet sich auf etwas Bestimmtes. Sie ist kleinkariert. Die Angst aber ist unbestimmt und so grenzenlos, wie die Welt. Das Wovor der Angst ist die Welt als solche. Vor der Angst sinkt alles nackt zu Boden. Aller Bedeutsamkeit entkleidet. Die Angst ist souverän. Sie kann mächtig in uns werden, aus nichtigem Anlass. Wie sollte sie auch nicht, denn ihr eigentliches Visavis ist das Nichts. Wer Angst hat, dem vermag die Welt nichts mehr zu bieten. Ebenso wenig das Mit-Dasein anderer. Die Angst duldet keine anderen Götter neben sich. Sie vereinzelt in zwei Hinsichten. Sie zerreißt das Band zum Mitmenschen und sie lässt den Einzelnen herausfallen aus den Vertrautheitsbezügen zur Welt. Sie konfrontiert das Dasein mit dem nackten DAS, der Welt oder des eigenen Selbst. Und was dann übrigbleibt, wenn das Dasein durch das kalte Feuer der Angst gegangen ist, ist nicht Nichts. Was ihm die Angst verbrannte, hat den Glutkern des Daseins freigelegt.

In der Angst erfährt also das Dasein die Unheimlichkeit der Welt und die eigene Freiheit. So kann die Angst zugleich beides sein: Weltangst und Angst vor der Freiheit.“

(aus “Sein und Zeit” von Heidegger)

Der wichtigste Satz dieses Abschnitts ist dabei für mich der letzte. Denn aufgrund meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass die Angst auch Angst vor der Freiheit ist. Das ist ein wichtiger Hinweis für die Befreiung aus der Angstspirale und daher auch in meinem Buch und in diesem Blog immer wieder ein Thema.

Ich bin keine Philosophin, aber ich habe auch die Erfahrung machen dürfen, dass die Angst ein Tor zum Hier und Jetzt und somit zum DAS (der Welt oder des eigenen Selbst) ist.

Wer den Mut hat, sich in einem winzigen Augenblick ganz auf die Angst einzulassen, sich ihr ganz hinzugeben, der hat die Chance, sich für immer von ihr zu verabschieden. Hinter der Angst ist sowohl Nichts, als auch Alles. Auf jeden Fall Freiheit.

Aber gehen wir noch weiter und schauen wir, was Heidegger zur Angst und zur Freiheit hinsichtlich der Gesellschaft bzw. Kultur zu sagen hat. Wir leben in einer Zeit, in der Panikattacken in Europa bei fast 20% der Bevölkerung vorkommen. Die Frage ist, warum ist die Anzahl der von Angststörungen betroffenen Personen so hoch, wo wir doch in einer der reichsten und sichersten Regionen auf dieser Welt leben?

Wertvolle Hinweise gibt auf diese Fragestellung der Vortrag von Rüdiger Safranski – Mut zur Angst/Heidegger auf dem Zauberberg. Dabei bezieht sich Safranski auf das berühmte öffentliche Zwiegespräch zwischen Martin Heidegger und Ernst Cassirer in Davos im Jahre 1929.

So führt Safranski aus, dass jede Kultur, jede Tat des Geistes zwar ein Ausdruck der Freiheit sei, doch diese Freiheit in ihren Gestaltungen erstarren könne. Deshalb müsse Freiheit stets wieder zur Befreiung werden. Wenn sie zu einem Zustand der Kultur geronnen sei, dann habe man sie bereits verloren.

Für Heidegger besteht das Problem darin, dass der Mensch sich in der selbst geschaffenen Kultur festlebt auf der Suche nach Halt und Geborgenheit und dadurch das Bewusstsein seiner Freiheit verliert. Es gilt, dieses Bewusstsein wiederzuerwecken. Das leiste keine Philosphie des Kulturbehagens (so wie es Cassirer darstelle). Man müsse das Dasein vor seine ursprüngliche Nacktheit und Geworfenheit bringen.

Cassirer richte seine Aufmerksamkeit auf die transzendierenden Leistungen der Kultur. Er erspare dem Menschen die Konfrontation mit seiner Endlichkeit und Nichtigkeit und verkenne damit die eigentliche Aufgabe der Philosophie, die darin besteht, aus dem faulen Aspekt eines Menschen, der bloss die Werke des Geistes benutzt, gewissermaßen den Menschen zurückzuwerfen, in die Härte seines Schicksals.

Wie weit hat die Philosphie die Aufgabe, frei werden zu lassen von der Angst oder hat sie nicht die Aufgabe, den Menschen gerade radikal der Angst auszuliefern?

Die Philosphie habe dem Menschen zuerst einmal einen Schrecken einzujagen und ihn zurückzuzwingen in jene Unbehaustheit, aus der er stets aufs neue die Flucht in die Kultur antritt. 

Cassirer aber bekennt sich in seiner Antwort zu seinem Kulturidealismus. Dass der Mensch die Kultur schaffen könne, ist das Siegel seiner Unendlichkeit. Werft die Angst des Irdischen von euch. Cassirer geht es damit um die Kunst des Wohnens in der Kultur.

Heidegger aber will den Boden zu einem Abgrund machen.

Wenn das Dasein zwei Akte hat, die Nacht, aus der es entspringt und den Tag, der die Nacht überwindet, so richtet Cassirer seine Aufmerksamkeit auf den zweiten Akt. Also den Tag der Kultur. Heidegger aber geht es um den ersten Akt. Er blickt in die Nacht, aus der wir hervorkommen. Sein Denken fixiert jenes Nichts, vor dem sich erst ein Etwas abhebt. Der eine wendet sich dem Entsprungenen zu, der andere dem Ursprung. Der eine hat es mit dem Haus der menschlichen Schöpfung zu tun, der andere verharrt fasziniert vor dem abgründigen Geheimnis der Creatio ex nihilo, das sich stets aufs neue ereignet, wenn der Mensch zum Bewusstsein seiner Existenz erwacht.

Der letzte Absatz ist noch einmal eine sehr schöne Zusammenfassung von Safranski.

Die Antwort auf meine oben gestellte Frage liegt meiner Meinung nach in der Aussage von Heidegger, dass sich der Mensch in seiner geschaffenen Kultur festlebt auf der Suche nach Halt und Geborgenheit und dadurch das Bewusstsein seiner Freiheit verliert. Es gilt dieses Bewusstsein wiederzuerwecken.

In unserer Gesellschaftsform liegt der Schwerpunkt auf der materiellen Sicherheit. Wir streben daher nach Reichtum, Macht und Konsum und glauben, dadurch Halt und Geborgenheit zu finden und glücklich und zufrieden zu werden. Wir versuchen uns gegen alle Risiken, die das Leben bereithalten könnte abzusichern (Lebensversicherung, Glasbruchversicherung, Hundebisse, Naturkatastrophen etc.) Tatsächlich jedoch kann man sich nicht gegen Situationen, die das Leben mit sich bringen, absichern. Vielmehr schnürt und engt uns dieses Sicherheitsdenken enorm ein. Uns ist überhaupt nicht mehr bewusst, dass es keine Freiräume mehr im Leben gibt. Überhaupt sind wir so mit dem Absichern für unsere Zukunft beschäftigt, dass wir ganz vergessen, im Hier und Jetzt ohne Angst zu leben.

Deshalb konnten sich meine Ängste erst auflösen, als jegliche Sicherheit in meinem Leben wegfiel. Dieser Zustand zwang mich dazu, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf das, was hier und jetzt da ist. Ich fühlte mich zunächst völlig hilflos dem Leben ausgeliefert, aber nach der Hingabe kam das Vertrauen. Ein tiefes Vertrauen ins Leben, das wir wohl erst spüren können, wenn da nichts mehr zwischen uns und dem wirklichen Leben ist. Wenn wir direkt ins Leben hineinspringen müssen und nicht mehr nur damit beschäftigt sind, uns gegen das Leben abzusichern und uns an irgendetwas festhalten zu wollen. Wenn einem praktisch wirklich der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Wisst ihr eigentlich, wie befreiend das ist? Das hört sich vielleicht erst einmal furchtbar an, aber tatsächlich ist es der Zustand, der uns aufwachen lässt und uns zeigt, dass es keine Sicherheit im Leben gibt und wir auch nichts und niemandem hinterlaufen müssen. Es gibt immer nur DAS, was hier ist – und das ist die Freiheit.

Von Herzen wünsche ich euch ein wunderschönes befreiendes Wochenende, Monika