Flugangst und Kontrolle

Wir, die wir uns mit Panikattacken herumplagen, neigen dazu, alles kontrollieren zu wollen. Wenn wir die Kontrolle nicht abgeben können, leiden wir auch oft unter Flugangst. Es ist nicht die Enge im Flieger oder die Höhe, sondern das Gefühl des hilflosen Ausgeliefertsein. Wir wissen, wenn etwas passiert, dann ist das unser Ende. Ich konnte mich damals diesem Gefühl auch nicht hingeben. Ich konnte mich überhaupt dem ganzen Leben nicht hingeben, sondern ich glaubte, ich könne alles kontrollieren und hatte daher permanenten Stress. Erst später begriff ich, dass es in meinem Leben kein Vertrauen gab und dies die Ursache für mein unentspanntes Leben war. Heute weiß ich, dass wir tatsächlich gar nichts kontrollieren können.

In meinem Buch gehe ich näher auf die Flugangst ein und erzähle auch von meinen Erfahrungen mit dem Lufthansa-Kurs gegen Flugangst oder der Einnahme von Tabletten, die ich von einem Psychologen bekam, damit ich in die Lage versetzt werde, zur Beerdigung meiner Oma zu fliegen. Beides hatte bei mir nicht geholfen, da ich die Kontrolle nicht abgeben konnte.

Hier möchte ich ein anderes Erlebnis im Flugzeug mit euch teilen. Vielleicht kommt euch einiges davon bekannt vor 🙂

Aufgrund meiner Tätigkeit als Geschäftsführerin eines deutschen Unternehmens in der Türkei musste ich trotz meiner Angst ins Flugzeug steigen, um an Besprechungen in Deutschland teilnehmen zu können. Bei einem dieser Flüge begleitete mich meine Freundin und damalige Assistentin. Der Hinflug war eine Katastrophe, und ich bewältigte diesen nur mit einer gehörigen Menge Cognac. Beim Rückflug wollte mir meine liebe Freundin einen Gefallen tun und sprach mit der Stewardess. Sie erfuhr dabei, dass der Pilot der Maschine ihr Nachbar war. Übrigens, wenn man mit Türken befreundet ist, dann wundert man sich irgendwann nicht mehr darüber, wenn diese ständig und überall auf der Welt auf irgendwelche Verwandten und Bekannten stoßen. Sie dachte nun, es wäre sicherlich hilfreich und vertrauenerweckend, wenn ich mal einen Blick ins Cockpit werfen und mit dem Piloten sprechen könnte.

Ich wollte gar nicht. Aber unglücklicherweise fanden die Piloten es ganz ok, wenn eine Frau mit extremer Flugangst sich mal zu ihnen setzt. Vielleicht dachten sie auch, sie könnten helfen. Im Cockpit war es mehr als eng. Trotzdem gab es hinter dem Sitz der Piloten einen winzigen Platz zum Sitzen.

Die Piloten waren wirklich sehr nett und bemühten sich, sich mit uns zu unterhalten und mich von meiner Angst etwas abzulenken. Dabei war ich stets darauf bedacht, dass sie sich beim Reden nicht umdrehten und nach vorne schauten, damit sie sehen konnten, wo sie gerade mit 700 km/h hinflogen. Uns wurde sogar von der Stewardess etwas zu Trinken angeboten, aber ich konnte vor lauter Angst nichts runter bekommen. Ich starrte völlig verkrampft auf den Fußboden und konnte nicht fassen, dass zwischen diesem scheinbar festen Boden unter meinen Füßen und dem Erdboden 10.000 Meter Luft, also nichts, war.

Der Pilot war etwas älter und der Copilot noch jung. Beide hießen Ahmet, daran erinnere ich mich noch gut. Die Sonne schien sehr stark herein, und der ältere Ahmet rief dem jüngeren zu, er solle mal die Zeitung nehmen und die Fensterfront auf seiner Seite mit der Zeitung zudecken, damit die Sonne ihn nicht so blende. Ich dachte, das sei ein Witz, weil ich davon ausging, dass ein Pilot nach draußen schauen muss, wenn er fliegt und wollte schon laut loslachen, als der jüngere Ahmet tatsächlich anfing alles abzudecken. Ich konnte mich nicht zurückhalten und fragte, ob das nicht sehr gefährlich sei, da man doch jetzt auf der rechten Seite gar nichts mehr sehen würde. Da fingen sie an zu lachen und sagten, sie würden sich auf ihre Instrumente verlassen, und wenn man etwas sehen würde, wäre es sowieso schon zu spät, um noch zu reagieren.

Ich schluckte schwer und starrte vor mich hin, und aufgrund meiner wechselnden Gesichtsfarbe dachte jetzt auch meine liebe Freundin, dass es wohl doch keine so gute Idee war, mich ins Cockpit zu holen.

Anschließend entspann sich jedoch noch ein heiteres Gespräch zwischen uns, und wahrscheinlich waren die Piloten für eine kurze Abwechslung auch ganz offen und dankbar. Ich wurde nun auch etwas lockerer, bis der ältere Ahmet davon anfing zu erzählen, dass er, wie meine liebe Freundin, ebenfalls an Horoskope glaube. Ab da war es mit meinem Vertrauen nun endgültig vorbei. Ich wollte jetzt nur noch raus aus diesem engen Raum, wo doch niemand mehr normal zu sein schien und bat meine ebenfalls sehr gläubige liebe Freundin, für uns zu beten und uns zu den Sitzplätzen zurückzuführen.

Ich muss heute über dieses Erlebnis lachen, aber damals war ich völlig fertig mit den Nerven und meine liebe Freundin war nicht weit davon entfernt, ebenfalls in Panik zu verfallen, so schlechten Einfluss nahm meine Angst auf sie.

 

Seit vielen Jahren fliege ich wieder. Mal mit mehr Freude und mal mit weniger, was aber nur daran liegt, dass die Umstände des Fliegens durch ständige Kontrollen, der Automatisierung und übervollen Flughäfensich verändert haben. Fliegen ist nur noch Massenabfertigung und macht daher keinen Spaß mehr.

Ich kann mich heute meistens jeder Situation hingeben und bin voller Vertrauen. Manchmal überrollt mich auch die alte Gewohnheit und Konditionierung. Dann mache ich mir das bewusst und entspanne wieder. Tief in meinem Innersten ist das Wissen, dass tatsächlich noch nie irgendjemand irgendwo hingeflogen ist.