Wundern

Liebe Leser, nachdem das Buch geschrieben und veröffentlicht wurde, was für mich schon alleine ein Wunder ist, muss ich mich nun über noch ganz andere Sachen wundern. Natürlich habe ich das Buch auch auf Facebook geteilt. Immerhin habe ich mich mehr als zwei Jahre sehr zurückgezogen, damit ich die innere Reise machen und dann auch noch darüber schreiben konnte.

Mit Verwunderung durfte ich feststellen, dass bei mehr als 700 Facebook-Freunden zwar einige ein Like und manche auch einen kurzen Kommentar schrieben aber nur ganz wenige die Nachricht und damit das Buch geteilt haben. Hätte ich ein schönes Foto von mir oder meinen Kindern geteilt, wäre das Interesse sicherlich größer gewesen. Und die, die die Nachricht teilten, waren Freunde, die ich seit mehr als 25 Jahren nicht mehr gesehen habe. Eine davon hat auch das Buch gekauft. Ich habe sie gefragt, warum hast du das Buch gekauft, du hast doch gar keine Panikattacken oder? Und sie antwortete, „Ich habe es gekauft, weil du es geschrieben hast und ich will es jetzt im Urlaub lesen.“ Diese Antwort hat mich sehr berührt.

Viele sogenannte Freunde auf Facebook kenne ich nicht persönlich und die Seite habe ich damals für mein Yoga-Studio eingerichtet. Aber es gibt auch viele Freunde, die ich lange begleitet habe. Begleitet als Mensch, als Lehrer und auch als Freund. Ich denke, viele überlesen die meisten Nachrichten. Einige nutzen dieses Netzwerk auch nur, um Termine zu teilen und sind an mehr Kommunikation gar nicht interessiert, so dass sie sicherlich meine Nachricht gar nicht gesehen haben.

Ich stelle mir die Frage, ob ich jetzt enttäuscht bin und ob ich etwas anderes erwartet hätte? Nein, ich bin nicht enttäuscht, denn ich habe tatsächlich gar nichts anderes erwartet. Es spiegelt meine Erfahrungen der letzten Jahre in der Yoga-Welt wider. Als ich noch mit einem gemeinsamen Partner Eigentümerin und Leiterin eines Yogastudios in Istanbul war, war es genau dieses Verhalten der Menschen, welches mich dazu trieb, das Studio aufzugeben. Ich habe dort jedem die Tür mit einem herzlichen Lächeln geöffnet. Habe neu ausgebildeten und auch erfahrenen Yogalehrern Raum gegeben, damit sie  unterrichten und sich als Yogalehrer entwickeln konnten. Mit offenem Herzen und ohne Neid oder Konkurrenzdenken versuchte ich dort eine Welt zu schaffen, in der sich alle wohlfühlen können.

Nur die wenigsten haben das begriffen und noch viel weniger haben erkannt, mit welchen Mühen und finanziellem Aufwand so etwas möglich war. Es gab einige wunderbare Lehrer, die mich in dieser Zeit sehr unterstützten. Die meisten jedoch waren noch immer ganz bei sich und haben bis heute nicht erkannt, was Yoga eigentlich bedeutet. Sie kamen und waren damit beschäftigt, mir Yogaschüler zu entreißen, anstatt eigene Schüler zu finden und ins Studio zu bringen, damit wir gemeinsam wachsen und uns finanzieren können. Sie kamen in Räume, die ich vorher gefegt und gewischt habe und als sie wieder gingen, habe ich hinter ihnen her gefegt, ohne dass sie es mitbekamen oder sich schämten. Eine schrie mich sogar vor allen Anwesenden an, sie sei keine Putzfrau.  Ich habe ihnen monatlich das Geld für ihren Unterricht gegeben, obwohl sie diese Menschen unterrichteten, die ich ins Studio holte und nicht sie selbst.  Niemand fragte, ob genug Geld für mich bleibt, um die Miete für das Studio bezahlen zu können. Meistens war es nicht genug und mein Studio-Partner und meine Familie haben mich tatkräftig unterstützt. Körperlich (meine Kleine hat oft beim Putzen geholfen, weil ich mir keine Putzfrau leisten konnte) und die Grosse hat Werbung für uns gemacht und auch Geld für Steuernachzahlungen oder offene Mieten gegeben.

Ich habe versucht, regelmäßige Besprechungen einzuführen, um unter den Lehrern ein Zusammenhaltsgefühl zu erreichen. Wollte ihnen mehr Verantwortung und Mitspracherecht geben, damit wir gemeinsam an einem Strang ziehen und stark und erfolgreich werden.  Daran war niemand interessiert. So eine enge Teamarbeit war den meisten fremd und kam ihnen ungelegen. Niemand wollte wirklich Verantwortung übernehmen.  Was ich zuvor in meinem Job als Geschäftsführerin sehr erfolgreich einführen konnte, ist mir in dieser Szene einfach nicht gelungen.

Hinzu kam, dass in der Türkei Yogastudios nicht gerne gesehen sind. Wo es ging, machte uns der Staat daher das Leben schwer und wo der Staat nichts anrichten konnte, versuchten es die anderen Yogastudios, die sich meistens als Konkurrenz betrachteten und nicht als Partner. Verleumdungsklagen und jede Menge unsinniger Beschuldigungen führten zu regelmäßigen überflüssigen Kontrollen der Räumlichkeiten, der Lehrer und des Betriebsablaufs.

So war ich also, nachdem ich ein Yogastudio aufbaute und leitete eigentlich zum einen nur noch damit beschäftigt, für andere zu putzen und ihnen Raum zu geben, damit sie sich verwirklichen und selber darstellen können und zum anderen der Bürokratie und der Geldsorgen Herr zu werden.

Irgendwann war ich traurig, weil ich feststellen musste, dass ich keine Zeit mehr hatte für mich selbst Yoga zu machen. Wenn ich kein Yoga mehr machen kann, kann ich dann noch guten Unterricht geben?  Stecke ich hier nicht im gleichen Stress, wie damals, als ich ein Forschungsunternehmen leitete? Ich fühlte mich benutzt und völlig ausgelaugt. Ich wunderte mich darüber, wie das Verhalten der Menschen in dieser Yoga-Szene so viel schlimmer und egoistischer sein kann, als das der Menschen in der freien Wirtschaft.

Hinzu kam, dass nur wenige Schüler, die zu uns kamen, wirklich an Yoga interessiert waren. Sie kamen, weil es billig war, weil sie davon gehört hatten, weil es in der Nähe war oder weil es gerade Mode war, Yoga zu machen. Nach einer Woche sind viele weitergezogen zum nächsten Studio, wo Zumba, Rumba oder Halligalli angeboten wurde. Es war ihnen egal. Yoga wurde so konsumiert, wie sie alles um sich herum konsumieren. Nur wenige, die erkannt haben, dass sie so nicht weiterleben können, weil ihnen diesen Leben in einer Konsumgesellschaft nichts bringt oder ihnen gar Angstzustände oder Burnout bereitet, blieben dann auch dabei.

Am Ende stand ich vor den Anfängern und versuchte zu vermitteln, was Yoga ist und fühlte mich dabei nur noch wie ein Clown. Fehlt nur noch, dass ich jetzt hier irgendwelche Kunststücke aufführe, dachte ich. Ich konnte mich und meine Arbeit nicht mehr ernst nehmen. Was für einen Zirkus veranstalte ich hier, fragte ich mich? Worum geht es hier überhaupt? Ich spürte immer mehr, so geht es nicht mehr weiter. Ich hatte Yoga aus den Augen verloren, dachte ich.

Aber stimmte das überhaupt?

Heute würde ich sagen, ich habe dort über mindestens zwei Jahre wahres Karma-Yoga betrieben, ohne es zu wissen. Es war ein Geben auf der ganzen Linie, ohne etwas zu erwarten und es hatte Erfolg, denn das Studio wurde erhalten und es existiert noch heute.

Es war anscheinend meine Aufgabe, dem Studio Leben einzuhauchen und es dann loszulassen, wenn es auf eigenen Beinen stehen kann und genau so habe ich es gemacht.

Noch ehe ich überhaupt denken konnte, wofür habe ich das alles getan und wer dankt mir jetzt dafür, dass ich mir den Arsch aufgerissen habe, kam die Antwort nach dem Loslassen des Studios von ganz anderer unerwarteter Seite in anderer Form und sorgte dafür, dass ich die laute und tosende Stadt verlassen und mich an der Ägäis zurückziehen konnte. Was für ein Wunder.

Deshalb wundere ich mich auch nicht über die geringe Resonanz in diesen öffentlichen Kanälen, wie Facebook. Das Buch wurde nicht geschrieben, um ein Bestseller zu werden. Es wurde geschrieben, weil es eine Erfahrung gab, die geteilt werden wollte und der feste Glaube besteht, dass viele Menschen den gleichen Weg gehen und angstfrei werden können.  Wer das Buch braucht und etwas damit anfangen kann, der wird es finden. Davon bin ich überzeugt und darum allein geht es. Deshalb habe ich es auf die Reise geschickt.